Es war ein Moment der Unaufmerksamkeit. Dann tauchte der Gegenzug auf dem gleichen Gleis auf. Eine Notbremsung konnte der Fahrer der U6 in Richtung Kurt-Schumacher-Platz am 25. März im vergangenen Jahr noch auslösen. Aber zu spät. Er prallte auf die entgegen kommende Bahn. Die beiden Züge entgleisten. Zwei Männer verletzten sich leicht - zum Glück für den Fahrer der U 6 waren es nur zwei. Denn er hatte ein rotes Signal überfahren. Gestern musste er sich wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Mit ihm hätte allerdings auch die ganze BVG auf der Anklagebank sitzen sollen. Denn der Fahrer hatte bereits den ganzen Tag rote Signale überfahren - auf Anweisung seiner Vorgesetzten.Auf der Strecke des Unglückszuges zeigten an jenem Tag alle Signale Rot. Es wurde gebaut. Die Züge verkehrten zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Tegel im Pendelverkehr. Auf einem einzigen Gleis fuhren mehrere Bahnen in beide Richtungen. Eigentlich ist das nur eine Frage der Organisation für das zuständige Stellwerk, das die Haltesignale entsprechend auf Rot und Grün schalten kann. Auf der besagten Strecke stammen die Signalanlagen jedoch aus dem Jahr 1956. Sie lassen sich für die eigentlich verbotene Fahrtrichtung nicht zur Durchfahrt schalten. Alle Fahrer im Pendelverkehr wurden deshalb an diesem Morgen über eine technische Besonderheit informiert: Alle Signale seien ungültig und zeigten Rot. Nur das eine, letzte rote Signal, direkt vor der Einfahrt in den Bahnhof, sei zu beachten. Damit es technisch überhaupt möglich ist, ein rotes Signal zu überfahren, müssen die Fahrer einen Knopf drücken, wenn sie das Haltezeichen erreichen und so verhindern, dass sie automatisch notgebremst weden.Auf seiner Unglücksfahrt ignorierte der Fahrer alle Rotlichter. "Ich weiß nicht, warum ich das letzte Signal übersehen habe, ich hab es wohl verwechselt mit den ganzen anderen Signalen", sagte er in der Verhandlung. Ein Blackout. Dass er damit gegen die Dienstanweisung verstieß, bestritt er nicht. Sein Anwalt wollte jedoch nicht hinnehmen, dass damit die ganze Verantwortung beim Fahrer gelegen habe. "Es war ein Fehler im System", sagte Rechtsanwalt Gregor Lethen. Schließlich sei der Fahrer an jenem Tag auf vier Abschnitten eingesetzt worden: Vom Kurt-Schumacher-Platz zur Holzhauser Straße, dann zwischen Holzhauser Straße und Tegel und am Ende fuhr er von der Holzhauser Straße zum Kurt-Schumacher-Platz. "Mal sollte er rote Signale überfahren, mal beachten. Sonst gibt es im Bahnverkehr immer eine doppelte Sicherung: reagiert ein Fahrer falsch, bremst die Anlage automatisch", sagte Lethen. Allein den Fahrer für das Unglück zur Verantwortung zu ziehen, sei falsch. Er hielt deshalb eine Verwarnung für den Angeklagten für ausreichend. So sah es auch die BVG. Der Fahrer erhielt nach dem Zugunglück eine Abmahnung. Und fuhr weiter U-Bahnen. Die beiden beschädigten Züge hätten ohnehin ausgemustert werden sollen, teilte der Betriebsleiter für den U-Bahn-Verkehr im Gerichtssaal mit. Deshalb gebe es im Grunde keinen Sachschaden. Die veralteten Signale sollen im kommenden Jahr verschwinden. Nach dem Unfall fuhr in jedem Führerhaus einer Bahn im Pendelverkehr auf dieser Strecke ein zweiter Zugführer zur Kontrolle mit.Aber mit dem Sicherheitssystem beschäftigte sich das Gericht nicht. Nur weil die beiden Passagiere nur leicht verletzt wurden und der U-Bahn-Fahrer 18 fehlerfreie Dienstjahre vorzuweisen hatte, erhielt er lediglich eine Geldstrafe von 2 400 Euro. Der Staatsanwalt hatte fünf Monate Gefängnis gefordert. Anwalt Lethen will Berufung einlegen.------------------------------"Das war ein Fehler im System und nicht allein einer des Fahrers." G. Lethen, Verteidiger