Ich komme soeben aus Gelmeroda zurück, mit dem Weg auf der Chaussee ist s eigentlich für alle Zeiten vorbei - denn die Autos machen das Atmen unmöglich; wenn ich noch vor acht Jahren zurückblicke, wie still und friedlich die Straße war .", klagte der Maler Lyonel Feininger, ein begeisterter Radfahrer, bereits 1914 über den Verkehr. Heute liegt Gelmeroda unmittelbar an der viel befahrenen B 85 und der A 4, fünf Kilometer von Weimar entfernt. Wer sich dem Ort nähert, erkennt schon von Weitem die schlanke Spitze eines Kirchturmes, der aus einer Gruppe von Häusern herausragt. Die Kirche war Feiningers Lieblingsmotiv. 1994 wurde sie die erste Autobahnkirche der neuen Bundesländer und wirbt unter dem Motto "Anhalten - abschalten - aufatmen" für eine kleine Pause von der Fahrerei. Wer Feiningers Bilder kennt, ist erstaunt, wie klein und unscheinbar die Kirche ist. Die Ursprünge des Gotteshauses reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück. Eine mittelalterliche Wandmalerei und einen Renaissance-Taufstein aus dem Jahre 1573 kann man besichtigen. Doch am interessantesten ist die kleine Ausstellung zu Leben und Werk Lyonel Feiningers. Als Sohn deutscher Auswanderer 1871 in New York geboren, kam Feininger schon als Sechzehnjähriger nach Deutschland, wo er Musik studieren sollte. Doch entschied er sich bald für die Malerei. 15 Jahre lang arbeitete er erfolgreich in Berlin als Karikaturist für internationale Zeitungen. Durch seine spätere Frau, die Malerin Julia Berg, lernte er die thüringischen Dörfer kennen. In einem Brief schrieb er 1913 an seine Frau: "Dies ist wohl die erste Reifeperiode in meinem Künstlerdasein. (.) Wenn ich in den letzten Tagen draußen arbeitete, geriet ich in förmliche Ekstase, gegen Schluss eines Nachmittags war ich völlig Instinkt und Fähigkeit geworden, ich habe an einem und demselben Ort gestanden und drei bis vier Male dasselbe Motiv immer wieder gezeichnet bis ich s so gepackt hatte, wie ich s empfand." Nach der Gründung des Weimarer Bauhauses 1919 ernannte Walter Gropius Lyonel Feininger zum Meister der Druckerei. Mit Julia und den drei Söhnen übersiedelte Feininger nach Weimar, das für ihn zur Stadt "seines Lebenswunders" wurde. Von 1919 bis 1926 wohnte er in einem Haus in der Gutenbergstraße Nummer 16, das heute eine Gedenktafel trägt. Von hier erreichte er Gelmeroda mit dem Fahrrad in wenigen Minuten. "Nachmittags krabbelte ich los mit m Regenschirm und einem Block, nach Gelmeroda; ich habe dort eineinhalb Stunden herumgezeichnet, immer an der Kirche, die wundervoll ist ." Über 100 Zeichnungen, Gemälde, Holzschnitte, Aquarelle und Grafiken hat Feininger von dieser Kirche in fast 50 Jahren angefertigt. Feininger war von der Einfachheit der Dorfarchitektur beeindruckt: "Die alten Dorfbauleute haben gewusst, zu wirken, unfehlbar und mit den bescheidensten Mitteln." Noch heute kann man vor der bescheidenen Kirche in Gelmeroda stehen und sie aus derselben Perspektive betrachten wie es der Maler damals tat. Den erfolgreichen und produktiven Jahren in Weimar folgten schwierige Zeiten. Feininger galt als "entarteter Künstler". 1937 verließ er Deutschland, wo er ein halbes Jahrhundert gearbeitet hatte, und kehrte in seine Geburtsstadt New York zurück. Und noch die letzte Lithografie des 84-jährigen Malers zeigt die Kirche in Gelmeroda, die er seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Im Januar 1956 starb Lyonel Feininger in New York. Seine Frau schrieb später in einem Brief: "Meines Mannes Verbundenheit mit ,Gelmeroda stammt vom ersten Tage dieser Begegnung an, sie übersteigt bei weitem den Eindruck irgendeines ,Motivs - Gelmeroda wurde im Laufe seines Lebens zu einem ,Begriff ." Ein Ausflug nach Gelmeroda lohnt sich nicht nur tagsüber, wenn die Autobahnkirche geöffnet hat. Bis Ende Dezember dieses Jahres wird die Dorfkirche von Gelmeroda nachts zu einer Lichtskulptur. Durch eine spezielle Lichtinstallation ist sie wie ein Leuchtturm von der A 4 aus zu sehen. Ähnlich wie auf dem wohl bekanntesten Gemälde dieser Serie - Gelmeroda IX, das 1926 entstand - werden die Farben gebrochen und in den dunklen Nachthimmel projiziert werden. Dieser Effekt stellt sich allerdings nur bei Regen, Nebel oder Dunst ein. Und dafür stehen die Chancen in den kommenden Wochen erfahrungsgemäß nicht schlecht.Per Rad // Anreise: Mit dem Auto ab Berlin über die A 9 bis zum Hermsdorfer Kreuz, dann über die A 4 nach Weimar. Per Bahn ab Berlin-Ostbahnhof täglich alle 2 Stunden ab 7. 25 Uhr, Fahrtzeit bis Weimar (Hbf. ) 3. 15 Std.Vom Weimarer Hauptbahnhof mit dem Bus Nr. 6 in Richtung Legefeld bis Gelmeroda ca. 20 Min.Radtour: Lyonel Feininger hat nicht nur in Gelmeroda, sondern auch in anderen Dörfern der Umgebung gezeichnet. Eine Radtour auf Feiningers Spuren führt vom Bauhaus-Museum in Weimar unter anderem über Niedergrunstedt, Vollersroda, Mellingen und Taubach. Das Faltblatt "Auf Feiningers Spuren - Mit dem Rad und Zeichenblock durch das Weimarer Land" ist bei der Tourist-Information Weimar erhältlich.Auskünfte: Tourist-Information, Markt 10, 99421 Weimar, Tel. : 03643/24 00-0.