Auf der Bahn vier flossen schon die Tränen, während sich eine enthemmte Siegerin rücklings in die Mitte des Schwimmbeckens gleiten ließ. Franziska van Almsick entstieg müde dem Bassin und fand wieder einmal in den Armen von Dagmar Hase ersten Trost, derweil Claudia Poll siegestrunken das Fähnchen ihrer Heimat in die Kameras hielt. Costa Rica hat seine erste Olympiasiegerin. Franziska van Almsick ist zwar Werbemillionärin, doch die ersehnte Goldmedaille blieb aus.Eher unspektakulär verliefen die in "Franziland" als ein Highlight der Spiele gehandelten 200 m Freistil. Seltsam unspektakulär. Franziska van Almsick blieb lediglich der bessere Start. Nach 100 Metern, gewöhnlich liegt die Berlinerin da deutlich vorn, kraulte Claudia Poll zwei Hundertstelsekunden voran. Und der Angriff der Weltmeisterin blieb aus. Auf den letzten zwei Bahnen verlor sie weitere 39 Hundertstel, noch mehr sogar gegenüber der Drittplazierten Dagmar Hase aus Magdeburg. Bei der Siegerehrung eine Viertelstunde darauf wirkte Franziska van Almsick schon wieder gefaßt. Sie hatte sich irgendwo am anderen Ende der riesigen Schwimmhalle ein Ziel ausgeguckt und ihren Blick stur darauf fixiert. Nur ihren spitzen Lippen und dem langsamen Mahlen des Unterkiefers ließ sich entnehmen, wie aufgewühlt sie gewesen sein muß. Die Niederlage hatte sie schnell realisiert und war mit ihren Gedanken bereits ein Stück voraus. Mache ich weiter? Schinde ich mich noch einmal vier Jahre für einen Olympiasieg? "Vielleicht klappt`s ja in Sydney", sagte sie - eine endgültige Antwort über ihre Zukunft im Schwimmbad aber ließ sie offen. Und doch machte die gescheiterte Favoritin einen relativ entspannten Eindruck. Das war bei anderen Gelegenheiten in den letzten zwei Jahren nicht immer so. Ihre Redseligkeit könnte aber auch ein Indiz dafür gewesen sein, daß sie sich nach ihrem mit Spannung erwarteteten Auftritt endlich frei fühlt vom unerhörten Druck. Sie gilt seit den Spielen von Barcelona als der Deutschen liebstes Kind. War elfmal Europameisterin, gewann zwei Weltmeisterschaften und mußte doch hämische Schlagzeilen lesen über Franzi, der ein wirklich großer Erfolg noch fehlt: ein Olympiasieg. Nun also war Rückzahltag für den Millionenvorschuß. Sicher kein Zufall, daß an diesem Abend "wahnsinnig" ihr meistbenutztes Wort war. Nicht mehr zu ertragen der Druck, den ihr das Umfeld auferlegt, dem sie sich aber auch selbst ausgesetzt hat. In manchen Wettkämpfen der letzten Jahre hatte sie ähnliche nervliche Probleme mit überragenden körperlichen und stilistischen Fähigkeiten kaschiert. Doch im wichtigsten Wettkampf seit 1992 erwies sich die Last des Gewinnenmüssens für den Teenager als zu schwer. Franziska van Almsick hatte schon beim Einmarsch ins Georgia Tech Aquatic Centre vor den 15 000 Zuschauern "wahnsinnig weiche Knie" bekommen. "Allein die Startzeit war okay", beobachtete Hase-Trainer Bernd Henneberg. "Hinten heraus hätte sie wohl eine Sekunde schneller sein müssen." Doch "hinten heraus" ging gar nichts mehr. "Schrecklich, grausam, grauenvoll" - mit diesen Worten hat Franziska van Almsick ihre Gefühle während des Wettkampfes charakterisiert. Um ihre Nervosität abzubauen, hatte sich die Leipzigerin Kristin Otto vor Jahren in die Obhut einer Sportpsychologin begeben. "Wenn ich in die Halle kam", beschrieb die sechsmalige Olympiasiegerin die Wirkung der langfristigen Seelenmassage, "hatte ich nur noch einen Tunnel vor mir. Ich konnte mich voll auf meine Leistung konzentrieren, und sonst nichts". Reaktionen des Publikums hatten sie nie wieder irritiert.Vielleicht hätte auch Franziska van Almsick die Hilfe eines erfahrenen Sportpsychologen gebraucht. Darüber wurde geredet, Manager Werner Köster war jedoch der Ansicht, daß der Trainer als Psychologe genügt. Nur gestaltete sich das Verhältnis zu Coach Dieter Lindemann zuletzt nicht immer ungetrübt. Das Duo hatte mit der Fixierung auf die langen 400 m Freistil ein Problem. Nach der Olympiaqualifikation in Braunschweig, als Franziska über 400 m als Dritte scheiterte, wurden zudem Stimmen laut, wegen fehlender Wettkampfpraxis mangele es ihr an taktischem Gefühl. Fragen, die zu beantworten in der Nacht nach der Niederlage niemand in der Lage war. Der Traum vom Olympiasieg auf einer Einzelstrecke wird sich vielleicht nie erfüllen. Allerdings hinterließ die Vorstellung durchaus einen hoffnungsvollen Aspekt: In der Nacht zum Freitag wird erstmals bei Olympia die 4 x 200-m-Freistilstaffel ausgeschwommen. Das Medaillen-Duo van Almsick & Hase hat die Deutschen nunmehr leicht vor den USA und Australien favorisiert. Dagmar Hase und Franziska van Almsick sind sich nähergekommen seit jenem spektakulären Verzicht der Magdeburgerin auf das WM-Finale 1994 in Rom, das Franziska dann mit Weltrekord gewann. In Atlanta teilen sie sich ein Zimmer im Olympischen Dorf. Vielleicht verhilft Dagmar Hase ihrer jüngeren Kollegin in der Staffel ja doch noch zu einem Olympiasieg. +++