Schnurgerade teilt das stählerne Doppelband des Schienenstrangs das platte, grüne Land links der Oder. Erst der Fluß zwingt das Gleis in eine Rechtskurve auf die Brücke. Sie überquert 12,45 Kilometer nordöstlich von Wriezen (Märkisch-Oderland) die Grenze zwischen Deutschland und Polen. Der Schienenstahl schimmert rostbraun. Lang ist es her, daß Räder ihn blank wetzten. Dabei war diese Strecke, nachdem sie 1876 gelegt wurde, eine vielbefahrene Linie aus dem Umland nach Berlin. Sie verband das Städtchen Königsberg östlich der Oder mit der Hauptstadt. Und wer wollte, konnte auf diesen Schienen über Stargard auch das große Königsberg im östlichsten Zipfel Deutschlands erreichen.Keine 70 Jahre nach der Einweihung - genau am 15. April 1945 - brach diese Verbindung ab. Deutsche Truppen sprengten die kombinierte Eisenbahn- und Straßenbrücke vor der anstürmenden Roten Armee. Was nicht viel half. Bald danach wurde die Oder zur Grenze und das eine Königsberg zu Chojna, das andere zu Kaliningrad. Die Gleise wurden abgebaut und fanden sich später im zerstörten Siegerland wieder.Fünf Jahre nach dem Ende des heißen Krieges erkannten im Osten die Strategen des Kalten Krieges die Bedeutung der Brücke - als Übergang für Militärtransporte. Für ihren Wiederaufbau wurden Teile der zerstörten Eisenbahnbrücke bei Frankfurt (Oder) sowie das Mittelstück der Berliner Jannowitzbrücke verwendet. Während auf polnischer Seite die Gleise nicht demontiert waren, blieb der deutsche Bahndamm vorerst nackt. Erst ab 1957 begann der Neubau der Strecke zwischen Wriezen und dem Grenzfluß. Allerdings verkehrten die Züge lediglich von Wriezen nach Neurüdnitz, der letzten Station vor der Oder. Viel TrubelHeute herrscht auf dem Wriezener Bahnhof Stille. "Früher gab es hier mehr als genug zu tun", erzählt Karl Rittwag, noch vor kurzem Chef der Bahnmeisterei. "Wriezen war ein Umschlagplatz für landwirtschaftliche Produkte, Holzimport, aber auch die Zuckerfabrik, das Betonwerk und andere umliegende Betriebe sorgten für Trubel. 500 Waggons wurden damals im Monat beladen." Und immer wieder die Armee. In der Umgebung drängelten sich Truppenteile der NVA und der Sowjetarmee. "An mehreren Stationen wurden zerlegbare Rampen zum Be- und Entladen von Militärzügen aufgebaut", berichtet Rittwag .Eines Tages dann, im Jahre 1984, kam der streng geheime Befehl, einen rund 1,8 Kilometer langen Reserveübergang über die Oder zu schaffen. Dazu mußte etwa zwei Kilometer vor der Brücke eine Abzweigung durch das Oderbruch gebaut werden. Pioniere schütteten einen neuen Damm, legten Gleise. Das größte Problem war der Schnitt durch den Deich. Hier mußten eine Schleusenanlage und ein sich dem Wasserstand ständig anpassendes bewegliches Anschlußstück für die im Ernstfall über die Oder gelegte Pontonbrücke geschaffen werden."Ingenieurtechnisch war das ein Meisterstück", bemerkt Karl Rittwag. Nach einem knappen halben Jahr Bauzeit lag das neue Gleis. Auf polnischer Seite das Pendant. Bereits im Sommer 1984 erfolgte die Bewährungsprobe und gleichzeitig einziger Höhepunkt des Bauwerks. In Anwesenheit höchster Vertreter des Warschauer Paktes, der SED-Bezirksparteispitze sowie unter den Augen von Karl Rittwag fuhr ein mit Panzern beladener Güterzug von Polen kommend über die Pontonbrücke und das neue Gleis. "In sechs Minuten war alles vorbei", sagt der Bahnmeister. "Danach gab es ein zünftiges Bankett und ein nicht minder zünftiges Besäufnis aller Ehrengäste. Und das war's dann auch. Nie wieder wurde das Gleis benutzt." Nur wenig gebliebenWährend der Anschluß auf polnischer Seite vom Hochwasser 1986 hinweggespült und nicht wieder hergestellt wurde, hielten Karl Rittwag und seine Leute das Reservegleis bis zum Ende der DDR instand - für alle Fälle. Seit die russische Armee abgezogen und die NVA aufgelöst sind, nimmt sich langsam die Natur der menschlichen Schöpfungen an. Von der einmal so geheimen Abzweigung zeugt nur noch ein schienenloser Damm.Von der so genialen Schleusenanlage ist nichts mehr zu erkennen - zugeschüttet die Stelle am Oderdeich. Die Bahnhofsgebäude in Neurüdnitz oder Mädewitz stehen einsam und marode am Gleis. Dessen Schienen erregen nun bereits das Interesse anliegender Bauherren. An einigen Stellen haben Unbekannte schon einige Teile herausgeschnitten. +++