Was wäre, wenn es ihn noch gäbe? Wie sähe die Oper aus im Jahre 2001? Gäbe es dann noch einen Platz für den besessenen Künstler, der die Oper zum Theater machte, der leidenschaftlich die erworbenen Maßstäbe verteidigte und ebenso leidenschaftlich jeden Versuch, die Substanz der Arbeit zu gefährden, zurückwies - mit dem künstlerischen Beweis, der theoretischen Argumentation, dem organisatorischen Aufwand, der politischen Auseinandersetzung? Was hätte er heute zu tun, Walter Felsenstein, der Gründer, der künstlerische Leiter, der Intendant der Komischen Oper von 1947 bis 1975, der heute 100 Jahre alt geworden wäre? Die Zeit geht über ein Menschenleben hinweg. Aber sind deshalb auch Lebensleistungen vergessen und muss, was bedeutsam war, verworfen werden? Gedachtes wird verworfen und neu gefunden. Neue Ideen setzen sich durch, Erfahrungen müssen gemacht werden. Und wehe dem, der sich diesem Prozess der ständigen Erneuerung entgegenstellt. Walter Felsenstein wusste das. Sein Leben war ein Suchen, sein künstlerisches Wirken ein ständiges Infragestellen des Erreichten, ein Bewusstwerden des Unvollkommenen, ein Streben nach besseren, überzeugenden Lösungen. Als er 1963 glaubte, dass die "Zauberflöte" nicht mehr seinen Ansprüchen und neuen Einsichten genügte, nahm er die Inszenierung, die von allen anderen als Höhepunkt Felsenstein schen Musiktheaters gepriesen wurde, nach der 202. Vorstellung aus dem Repertoire. Das Publikum hätte diese "Zauberflöte" sicher auch noch zur 500. Vorstellung gefeiert. Aber er dachte schon an das Publikum, das sich, wie er selbst, verändert hatte. Er erlebte, wie sich seine Mitarbeiter, Kurt Masur, Horst Seeger, Joachim Herz, Götz Friedrich auf eigene Beine stellten, wie sie eigene Wege gingen, solche, die er selbst nicht gehen mochte, die er aber akzeptierte, auch in seinem Hause, manchmal mit großen Vorbehalten. Seine Komische Oper würde auch nach seinem Tode ihren Weg zu gehen haben, "in eigner Verantwortung", wie er 1975 darlegte, und "ohne ihn zu kopieren".Prinzip HumanitätAber es gab Prinzipien. Er ermunterte zu Fortschritten und warnte vor Rückschritten. Es gab Maßstäbe. Die hießen Wahrheit, Verantwortung, Humanität. Die waren nicht zeitgebunden. Er fand sie in den Leistungen der Vergangenheit und er glaubte an sie als Bedingung für die Zukunft. Er fühlte sich mit denen verbunden, die wie er auf der Suche nach den Wahrheiten des menschlichen Zusammenlebens und der daraus abgeleiteten Wahrhaftigkeit der Kunst waren; er wusste um die Notwendigkeit, die Welt zu humanisieren und er machte sich und jeden Einzelnen dafür verantwortlich. Hier suchte und fand er seine Freunde und Verbündeten in allen Bereichen der Gesellschaft: im Theater, in der Literatur, der Wissenschaft, der Politik. Er fand sie in der Geschichte und er suchte sie in der Gegenwart. Freunde - das waren Mitstreiter. Er rang mit ihnen um gemeinsame Maßstäbe. Felsensteins regelmäßige Reden vor dem Ensemble wie seine unzähligen Briefe an die Sängerdarsteller waren ebenso programmatisch wie seine Verbindung zum Publikum, zu den zeitgenössischen Künstlern und seine Forderungen an die Politiker. Er hatte die Fähigkeit zuzuhören und die Probleme anderer nachzuvollziehen. Er akzeptierte andere Wege. Aber gegen die Lüge, die Verantwortungslosigkeit, gegen Gedankenlosigkeit, Schlamperei und den faulen Kompromiss, gegen Inhumanität - in der Welt wie in den kleinsten menschlichen Verhältnissen - kämpfte er erbarmungslos.Walter Felsenstein fühlte sich nicht als Erfinder eines "Regietheaters", in dem der Regisseur machen kann, was er will. Felsenstein wollte der Sachwalter von dramatischen Komponisten sein, deren Intentionen in der alltäglichen Theaterroutine keinen Platz mehr fanden. Die Partitur wurde zur Grundlage aller szenischen Arbeit. In ihr entdeckte er eine scheinbar bekannte Oper oft auf ungewohnte Weise neu. Aber es war das Anliegen des Komponisten, das er in unsere Zeit herüberholte. Dazu musste er das Genre der Oper wieder auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückführen. Eine Geschichte sollte mit den besonderen Möglichkeiten der Musik auf dem Theater erzählt werden, nicht als Selbstzweck, sondern als ein künstlerisches Abbild der Welt, bezogen auf ein Publikum, das sich in dieser Geschichte wiederfinden kann, in seinen Konflikten, Leidenschaften, Niederlagen und Hoffnungen. Felsenstein glaubte, dass die Welt veränderbar, humanisierbar sei und dass dies nur durch Menschen geschehen könne, die sich an der Bewältigung von Lebenskonflikten aktiv beteiligen. Als er 1947 mit der Gründung der Komischen Oper beauftragt wurde, wollte er gegen die Resignation eines großen Teils der Nachkriegsbevölkerung demonstrativ die Hoffnung auf eine große, mögliche humanistische Utopie in sein Theater bringen. Mit diesem Konzept baute er seine Spielpläne, hieraus bezog er den Anspruch auf die Heiterkeit seines Theaters. Nicht nur in der "Zauberflöte" von 1954, aber dort vielleicht am deutlichsten, träumte er mit seinen Zuschauern das Märchen der drei wunderbar auf einer Gondel daherschwebenden Knaben: "Bald prangt, den Morgen zu verkünden, die Sonn auf goldner Bahn." Felsenstein suchte in den dramatischen Musikwerken die Aktivität der handelnden Personen. Mit einer Marie in Smetanas "Verkaufter Braut", die angesichts des Verrats durch ihren Geliebten nur davon singt, dass sie ihm "gern vertrauen" will, mochte er sich nicht zufrieden geben. Erst als er im tschechischen Originaltext das mit der Musik übereinstimmende Aufbegehren Maries entdeckte, fand er seinen Zugang zu der wirklichen Dimension der Volksoper Smetanas.In 27 Jahren hat Felsenstein sich in der Komischen Oper sein Ensemble und für die Komische Oper sein Publikum herangezogen. Felsenstein war der erste Berliner Intendant, der einen "Freundeskreis" um sein Haus scharte, den er in seine konzeptionellen und künstlerischen Überlegungen einbezog. Er hatte es erreicht, dass man in sein Theater nicht mehr vor allem deshalb ging, um sich von bekannten Arien und Chören berieseln zu lassen, sondern weil man eine Geschichte erleben wollte, die einen etwas anging. Felsenstein legte Wert darauf, dass seine Inszenierungen von den Spezialisten des normalen Lebens begutachtet werden, die die Richtigkeit oder die Falschheit einer Handlung aus ihren eigenen Erfahrungen nachvollziehen können. Dazu war es notwendig, verständlich zu sein, in der Darstellung wie im Wort. Die deutsche Sprache als die vom Publikum verstandene Sprache war Grundvoraussetzung für dieses Konzept. Verständlich zu sein setzt voraus, dass der Sänger auf der Bühne nicht nur allgemein, sondern ganz konkret etwas zu vermitteln hat. Wortsinn und musikalische Phrase verschmelzen zu einer einmaligen und unverwechselbaren Form des Ausdrucks. Um das zu erreichen sind gründliche Proben auf dem Theater mit einem Ensemble nötig, das bereit ist, sich diesem Anspruch auszuliefern, dessen Mitglieder zu Gunsten ihres Theaters auf die Karrieren von internationalen Reisestars verzichten. Die meisten blieben ihrem Theater, ihrem "Zuhause" treu. Und doch waren Felsensteins Sängerdarsteller große Stars: der unvergessbare Hanns Nocker, der vor wenigen Tagen, am 23. Mai, 75 Jahre alt geworden wäre, Irmgard Arnold, Ingrid Czerny, Melitta Muszely, Anny Schlemm, Sonja Schöner, Rudolf Asmus, Josef Burgwinkel, Werner Enders und viele andere, zu denen natürlich auch Hannelore Bey, Roland Gawlik und ein herausragendes Tanztheaterensemble gehörten, das Tom Schilling im Sinne Felsensteins zu einer aussagewilligen engagierten Ballettcompagnie im Musiktheater formte.Sie konnten einander vertrauen, Felsenstein und sein Ensemble. Für seine Mitarbeiter legte sich der Intendant, wenn es sein musste, mit seinen Geldgebern, mit den Politkern, der Regierung an. Es war sicher nicht einfach, nach dem Bau der Mauer auf der Weiterbeschäftigung des West-Berliner Tenors Hanns Nocker zu bestehen. Aber der Kampf um Nocker war für Felsenstein ebenso wichtig wie der Kampf um den Orchestermusiker, den Kleindarsteller, die Bibliothekarin, den Pförtner aus West-Berlin. Er brauchte sie alle und er setzte es, mit seinem Rücktritt drohend, durch, dass seine Mitarbeiter bei ihm bleiben durften. Unter der herrschenden Politik von 1971 schien es unmöglich zu sein, den "Fiedler auf dem Dach" in der DDR aufzuführen. Felsenstein schaffte es und schuf eine Inszenierung, die in 17 Jahren 506 fast immer ausverkaufte Vorstellungen erlebte. Die Komische Oper hatte Privilegien. Natürlich bekam man die nicht geschenkt. Darum musste man kämpfen und mit der Leistung überzeugen. Felsenstein hinterließ ein noch über Jahrzehnte hinweg funktionierendes Haus, das weiterzuführen und zu erneuern zur Aufgabe der ihm folgenden Generation wurde.Es gibt kein Zurück in der Geschichte, auch nicht in der Kunst. Mit Nostalgie ist auch eine so große Persönlichkeit wie Walter Felsenstein nicht zu erfassen. Er selbst würde jede Verklärung abweisen und fordern, den Blick nach vorn zu richten. Doch er würde warnen, wenn er vermutete, dass der Weg voran zu einem Weg zurück zu werden droht. Er würde die Auseinandersetzung mit dem Erreichten fordern und fragen, was denn so falsch sei an seinen Maßstäben von Wahrheit, Verantwortung und Humanität, an seinem Konzept von einer im Leben begründeten und in die Welt wirkenden Kunst. Er würde akzeptieren, wenn man, ihn weiterführend zu überwinden suchte, aber er würde nicht verstehen, wenn man sich immer stärker wieder in die Unverbindlichkeit, die berieselnde Ablenkung begibt und sich unter die Zwänge des ausgerechnet für die Kunst fehlenden Geldes beugt. Sicher würde Felsenstein heute wissen, dass sich seine wunderbare Utopie in brutalen Lebenskonflikten zu verlieren droht und dass neue Methoden und Formen auch der Kunst gefunden müssen, um dort einen Einfluss zu gewinnen. Aber auf dem Einfluss würde er bestehen, sich berufend auf seine Vorbilder, auf Mozart, Weber, Offenbach, Verdi, Bizet, Smetana, Janacek, als deren Sachwalter und gewissenhafter künstlerischer und politischer Interpret er wirkte.Es muss nichts verloren gehenEs gibt inzwischen viele Möglichkeiten, sich über eine Epoche deutscher Theatergeschichte zu informieren, die weit über ihren Entstehungsort, die Komische Oper Berlin, in die Welt hinein wirkte. Die Literatur von und über Walter Felsenstein ist umfangreich - vor allem dank der sorgfältigen Arbeit von Ilse Koban im Archiv der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Anlässlich der Feier zum 100. Geburtstag Felsensteins in der Komischen Oper wurde jetzt ein Buch angekündigt, in dem bisher nicht veröffentlichte Fotos des Fotografen und Chorsolisten Klemens Kohl die Arbeit des Regisseurs Felsenstein dokumentieren. In den kommenden Monaten werden endlich auch die verfilmten Inszenierungen auf Videobändern vorliegen, deren Aufführungen vor kurzem in der Berliner Urania wieder großen Eindruck gemacht hatten. Vielleicht wird sich endlich auch ein Fernsehsender entschließen können, diese künstlerischen Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Man kann sich erinnern und orientieren. Es muss nichts verloren gehen von bedeutsamen Leistungen der Vergangenheit. Sie sind in der Welt und können benutzt werden als Erfahrung, als Anregung, auch um sie zu überwinden. Aber dazu muss man sie zur Kenntnis nehmen.Der Verfasser war von 1981 bis 1998 Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin und arbeitet heute als freier Dramaturg und Autor.Felsenstein hat sich an der Komischen Oper in 27 Jahren nicht nur sein Ensemble, sondern auch sein Publikum herangezogen.Felsenstein würde nicht verstehen, warum man sich heute in Unverbindlichkeit, Ablenkung, Berieselung und unter die Zwänge des Geldes begibt.ARWID LAGENPUSCH Walter Felsenstein bei der Arbeit in der Komischen Oper Berlin