In Jochen Kraußers "Leuchtkraft der Ziege" braust eine Lok ohne Wagen durch die Landschaft, und ein Mechaniker stellt die Uhr eines Kirchturms zwei Stunden vor. Was das zu bedeuten habe, fragte daraufhin der Defa-Direktor und gab sich gleich selbst die Antwort: Kann es sein, die Uhr wird auf Moskauer Zeit vorgestellt? Und die Lok, die da allein fährt, ist eine Metapher für Gorbatschow, dessen Politik sich kein anderes sozialistisches Land anschließen will? - So dachten Funktionäre damals, im Jahr 1988.Jochen Kraußer begegnete der DDR-Realität gern mit subversivem Humor und schöpfte dabei auch die Möglichkeiten aus, mit surrealistischen Elementen zu spielen. Mehrfach ließ er einen seiner Geistesverwandten auftreten, den Maler und Bildhauer Horst Sakulowski, der vor der Kamera etwa das aus Müllplatz-Fundstücken gebaute "erste Fahrrad der Welt" präsentierte: "Die Leuchtkraft der Vorderradspeichen steht in umgekehrten Verhältnis zur Schweigepflicht des Sattels, allerdings nur während der Fahrt."Ein paar von Kraußers viel zu selten gespielten Produktionen laufen jetzt in einer Reihe der Freien Filmakademie Berlin: So zeigt das Theater o. N. den "Gordischen Knoten" (1990), in dem er die freie DDR-Theatergruppe Zinnober porträtierte, die ihr experimentelles Figurentheater ohne Intendant und Regisseur entwickelte und eigene Befindlichkeiten darzustellen versuchte: "Wenn man nicht nach draußen kann, geht man eben nach innen." Aber auch das war offiziell nicht erwünscht: Die Gruppe wurde bespitzelt, nicht alle vermochten den Repressalien standzuhalten - und dem Druck, den sich die Künstler selbst auferlegten: "Zinnober war wie eine eifersüchtige Geliebte, der man alles preisgab: Ängste, Träume, eigene Gefährdungen. Wir versuchten, jeden Tag ganz ehrlich zu sein." Der Film hat große emotionale Momente, gerade auch in der spielerischen Überhöhung, mit der Kraußer und seine Protagonisten ihre Realität verdichten und verfremden. Die Wirklichkeit eines Stasi-Verhörs wird so zum surrealistischen Albtraum, das "Santa Lucia"-Singen im mauerumstellten Hinterhof zum Akt der Befreiung.Als einen solchen Akt verstand auch Egon Günther seinen Film "Ursula" (1978), eine Koproduktion zwischen dem DDR-Fernsehen und der Schweiz, die in beiden Ländern für Skandale sorgte. Günther deutete die Reformationszeit als Ära politischer und sexueller Wirrnis; in den Kriegszenen ließ er einen weiß gekleideten Tod auftreten, der Jesus jagt. Zu den schönsten, zugleich am meisten angefeindeten Bildern zählte jenes, in dem Ursula ihren Geliebten schwer verwundet auf dem Schlachtfeld findet, die Röcke rafft und ihn anpisst, um seine Wunden zu desinfizieren. Nach einmaliger Ausstrahlung wurde "Ursula" verboten. Die jetzige Aufführung in der Akademie der Künste ist mit einer Buchpremiere verbunden: Thomas Beutelschmidt und Franziska Widmer haben die Querelen um "Ursula" dokumentiert und diskutieren darüber mit Egon Günther und Adolf Muschg.Einen anregenden Abend verspricht schließlich die Begegnung mit Günter Lamprecht, der aus seinen Memoiren liest und den Film "Milo Barus, der stärkste Mann der Welt" (1982) vorstellt: die wahre Geschichte jenes Kraftsportlers, der von den Nazis geschurigelt wurde, nach dem Krieg in der jungen Bundesrepublik auf alte Peiniger traf, in die DDR übersiedelte, aber auch dort nicht glücklich wurde. Eben eine Jahrhundertfigur.Der gordische Knoten: Theater o.N. (Kollwitzstr. 53) Sa, 20 UhrEgon Günther: "Ursula" Akademie der Künste (Hanseatenweg 10), Di, 19 UhrGünter Lamprecht als "Milo Barus": Toni (Antonplatz), Fr 19.30 Uhr