Katrina", der Hurrikan im Golf von Mexiko, hat die Welt schaudern lassen vor der Gewalt der Natur und in Erstaunen versetzt angesichts der Schwäche des amerikanischen Staates. Von Europa aus ist Kritik billig; niemand kann mit Bestimmtheit sagen, dass hiesige Behörden auf eine solche Katastrophe umsichtiger antworten würden. Doch hat sich der Eindruck schweren Versagens längst auch in den USA gebildet. Die Infrastruktur, die New Orleans vor einer Flut hätte schützen sollen, war veraltet, die Vorbereitung auf den kommenden Wirbelsturm unzureichend, jetzt machen die Hilfskommandos einen überforderten Eindruck.Und doch kann nicht ganz überraschen, was derzeit zu sehen ist. Amerika, die technisch-wissenschaftlich leistungsfähigste, die reichste unter den großen Nationen, ist immer ein Land mit schwacher öffentlicher Infrastruktur gewesen. Es hat, vor allem in der Generation, die die USA noch als Gegner Deutschlands im Zweiten Weltkrieg erlebt haben, eine große Bewunderung für das Organisationsgeschick der Amerikaner gegeben. So überrascht, wie bescheiden die Erfolge der Rettungstruppen bisher sind.Zugleich ist Amerika immer das Land der Provisorien gewesen. Die Trailer Parks, weit verbreitete Wohnwagensiedlungen, die schnell errichteten und schnell verlassenen Holzhäuser, Umzüge über den halben Kontinent: Die amerikanische Gesellschaft ist bis heute eine der ewigen Bewegung, das ist der Ausbildung sicherer Ordnungen nicht günstig. Dass die USA von Einwanderern bewohnt werden, das prägt das Bewusstsein selbst der alten Ostküsten-Familien, die seit dreihundert und mehr Jahren dort leben. Einwanderung heißt, Vertrauen in die Zukunft zu haben. Es heißt aber auch - und das ist nicht weniger entscheidend -, vorher ausgewandert zu sein, sein altes Leben aufgegeben zu haben.Diese Bewegungen haben viele amerikanische Familien nicht nur einmal gemacht, beim Verlassen ihrer europäischen oder asiatischen Heimat. In der neuen Heimat angekommen, begann oft nach kurzer Zeit ein neuer Aufbruch. Die Bereitschaft, seine Farm in Vermont aufzugeben, um unter günstigeren Bedingungen im Westen neu zu siedeln, ist etwas völlig anderes als der Verlust von Haus und Besitz, ja des Lebens, den jetzt die Menschen in Louisiana erleiden. Doch wenn man sich fragt, warum das Land so schlecht vorbereitet scheint, in Ausbau und Erhaltung der Schutzbauten wie in der Planung der Katastropheneinsätze, so liegt hier eine Antwort: Eine Gesellschaft in fortgesetzter Bewegung veranschlagt den Schutz des Gegebenen schwächer als eine Gesellschaft von dauerhaft Sesshaften.Die Bereitschaft, aufzugeben, was schon einmal gewonnen wurde, ist ein durchgehender Zug der amerikanischen Kultur. Der Kapitalismus setzt einen gewaltigen Erwerbstrieb frei, der Besitztrieb ist demgegenüber viel schwächer. So erklärt sich, dass Unternehmer mit raubtierhafter Entschlossenheit ihre Vermögen machen und bald darauf sich mit engelhaftem Sanftmut davon wieder trennen, um große wissenschaftliche oder wohltätige Stiftungen zu errichten. Die kollektive Erfahrung des Neuanfangs, der nicht möglich ist, wo an allem festhalten wird, was je gewonnen wurde, teilt auch der Besitzende. Das hat oft auch etwas Sorgloses. Die Anzüge werden nicht aufgetragen, die Häuser nicht abgewohnt, wie Bertolt Brecht mit Sympathie feststellte.Und ein zweiter Zug der amerikanischen Kultur stand jenen großen Investitionen in die Infrastruktur Louisianas entgegen, die vielleicht das Unheil hätten verringern können: ein Individualismus, der öffentliche Ausgaben von vornherein kurz halten möchte und sich dafür mit einer Daseinsfürsorge in bescheidenem Ausmaß arrangiert. Die Amerikaner sind ein Volk der Autofahrer. Das aber heißt nicht, dass sie von der öffentlichen Hand erwarten, erstklassige Straßen zur Verfügung gestellt zu bekommen. Auf amerikanischen Highways rattern die Autos durch Schlaglöcher und über Asphaltflicken, die es auf deutschen Landstraßen kaum mehr gibt.Selbst die Elektrifizierung des Landes war lange ein Problem (und ist es immer noch, wie die Zusammenbrüche an der Ostküste und in Kalifornien zeigten). Anfang der 1930er-Jahre, als die USA schon in beachtlichem Maße automobilisiert waren, hatten nur 20 Prozent aller Haushalte Anschluss an die Stromversorgung. Die galt nun mal nicht als öffentliche Aufgabe.Gewiss waren die Stromkonzerne verhasst. Doch als im New Deal der Staat in die Elektrifizierung eingriff, den Tennessee zähmte, Kraftwerke anlegte und die Stromversorgung verbesserte, da wurde dies als ein wirklicher Bruch mit amerikanischen Traditionen begriffen. Der Chefingenieur von General Electric hielt wie Lenin die Elektrifizierung für den "machtvollsten Faktor auf dem Weg zur Vergesellschaftung, das heißt zum Sozialismus". Die Öffentlichkeit fragte sich, ob Amerika mit solchen staatsgelenkten Projekten nicht den Weg zu Faschismus oder Sozialismus einschlage; Roosevelt selbst nannte Journalisten gegenüber Mussolini und Stalin "Blutsbrüder". Das war eine Phase, in der die amerikanische Politik weit von ihren Traditionen abrückte, erklärbar nur aus der tiefen Krise der Dreißigerjahre, wie Wolfgang Schivelbusch es in seinem Buch "Entfernte Verwandtschaft" (Hanser, 2005) beschrieben hat.Mit Überwindung der Krise nach dem Zweiten Weltkrieg ist Amerika zu seinen ersten Instinkten des Selbsthelfertums zurückgekehrt. Elias Canetti hat in "Masse und Macht" den Deich als Massensymbol der Holländer gedeutet, "die Masse der Männer setzt sich selbst dem Deiche gleich". New Orleans ist in seiner Lage geografisch Holland vergleichbar. Doch dass die "Masse" der Bürger sich einem kollektiven Deich gleichsetzte, das widerspricht den eingeübten Vorstellungen der Amerikaner.------------------------------Eine Gesellschaft in Bewegung veranschlagt den Schutz des Gegebenen schwächer als eine Gesellschaft von Sesshaften.------------------------------Foto: Zerstörte Brücke zwischen Ocean Springs und Biloxi