Sie haben im Prozess um den "Mordfall Weimar" ein psychologisches Gutachten angefertigt. Darin ging es um die Bewertung von vier Zeugenaussagen, in denen übereinstimmend behauptet wird, dass die Töchter der angeklagten Monika Böttcher noch am Morgen des 4. August 1986 gesehen wurden, die so genannte "Tagversion" , nach deren Logik die Mutter ihre beiden Kinder ermordet hätte. Sie bezeichnen diese Zeugen als "nicht zuverlässig", haben jedoch für Ihr Gutachten lediglich schriftliche Materialien ausgewertet. Wollten Sie die Zeugen nicht sehen?Das hat mit Wollen relativ wenig zu tun. Wenn ich Menschen im Zusammenhang mit einem Strafprozess exploriere, muss ich zum einen den Auftrag vom Gericht haben und zum anderen muss der- oder diejenige dazu bereit sein. Bei Aussagepsychologie geht es aber nicht um Ausdrucksdeutung, es geht auch nicht um charakteriologische Bewertungen, sondern um die Bewertung der Inhalte von Zeugenaussagen und deren Entwicklung von der Erstbekundung bis zur Aussage in der jetzigen Hauptverhandlung, in diesem Fall 13 Jahre später. Im Fall Weimar-Böttcher hatte ich die polizeilichen Vernehmungsprotokolle von 1986 und die stenografischen Mitschriften ihrer Anhörungen vor dem Frankfurter Landgericht 1999, angefertigt von einer Bundestagsstenografin. Solche Unterlagen haben wir Aussagepsychologen selten.Das Verfahren trug Ihnen aber prompt den Vorwurf einer "Ferndiagnose" ein. Dieses Argument liegt völlig neben der Sache, weil es signalisiert, man könnte durch "Irisdiagnostik" Glaubhaftigkeit feststellen. Das ist Blödsinn. Die Analyse eines Wortprotokolls, das ich wiederholt lesen kann, ist natürlich viel ergiebiger, als das einmalige Anhören von Zeugen im Gerichtssaal. Letztlich wissen wir aus zahlreichen Forschungen, dass die subjektive Sicherheit, das Auftreten vor Gericht und die Beteuerungen eines guten Gedächtnisses in keinerlei Beziehung stehen zur Richtigkeit dessen, was der Zeuge sagt. Der persönliche Eindruck kann sogar fehlleiten. Das Frankfurter Landgericht hat es aber abgelehnt, Ihr Gutachten in den Prozess einzuführen. Wie haben Sie auf diese Entscheidung reagiert?Sagen wir, ich war überrascht, dass ein Gericht in einem so schwierigen Fall wie dem "Weimar Mord" sich nicht alle Informationen holt, die es bekommen kann. Das sagt, wie es meine Kollegin, Frau Professor Elisabeth Müller-Luckmann geschrieben hat, viel darüber aus, "wie das Gericht sich selber einschätzt".Immerhin ist die Bewertung erwachsener Zeugen die "genuine Aufgabe" jedes Gerichts und nicht mehr haben die Frankfurter Richter in der Ablehnung Ihres Gutachtens für sich reklamiert.Sicher. Der BGH hat mehrfach festgeschrieben, in der Begutachtung von Zeugen durch Sachverständige eher die Ausnahme als die Regel zu sehen. Ich bin weit davon entfernt, etwa eine Regelbegutachtung zu fordern! Das würde die Gerichte und auch uns Sachverständige schlicht überlasten und ist auch nicht nötig. Aussagepsychologische Gutachten sind nützlich in Fällen, bei denen Aussage gegen Aussage steht. Das sind typischerweise Sexualdelikte, wie sexueller Kindesmissbrauch oder Vergewaltigungen. Und dann gibt es aussagepsychologische Spezialfälle, in denen wir gefragt werden, wie bei den selten vorkommenden Geständniswiderrufen. Und ein psychologischer Gutachter könnte auch gehört werden, wenn extrem viel Zeit seit dem in Frage stehenden Ereignis vergangen ist oder Gruppenprozesse unter mehreren Zeugen abgelaufen sind. Solche Besonderheiten lagen hier vor.Wissen denn Juristen genug über Aussagebeurteilung aus psychologischer Sicht, um Zeugen tatsächlich einschätzen zu können?Ich fürchte, nein. Zwar hat die Aussagepsychologie eine hundertjährige Tradition in der Psychologie; deren Forschungsergebnisse haben aber bis heute nur wenig Eingang in die Juristenausbildung gefunden. Das liegt sicher an der Überfrachtung der Juristen mit eigenen Themen, aber vor allem an dem landläufigen Glauben auch in der Justiz Aussagen könne man auch als Laie mit etwas Lebenserfahrung einschätzen. Das ist leider ein Irrtum. Wie sieht es denn mit der Ausbildung der psychologischen Gutachter aus? Und wie wird jemand Sachverständiger vor Gericht?Ganz einfach: Richter bestellen dann einen Gutachter, wenn sie meinen, dass ihnen in einem bestimmten Bereich die Sachkunde fehlt. In technischen Fragen wird das sehr schnell gemacht. Im menschlichen Bereich ist das offenbar schwerer einzusehen. In einer Hauptverhandlung geht es um die Rekonstruktion einer zurückliegenden Wirklichkeit. Dabei ist das Gericht auf Zeugenaussagen angewiesen. Die zu beurteilen, ist weit komplizierter als angenommen. Unser Institut für forensische Psychiatrie und Psychologie ist ausdrücklich dafür da. Es gibt aber zurzeit weder bei den Psychiatern noch bei den Psychologen irgendwelche Qualifikationskriterien für Sachverständige. Im ungünstigen Falle kann sich das Gericht auch einen falschen Sachverständigen nehmen. Es wird aber bald das Zertifikat des "Rechtspsychologen" geben, dann werden die Gerichte sicher darauf sehen, ob jemand diese Qualifikation hat oder nicht. Rechtlich ist das Zusammenspiel klar geregelt: Der Sachverständige liefert zusätzliche Informationen, die Entscheidung liegt beim Gericht.Stimmt es, dass vor Gericht immer wieder die gleichen Gutachter gehört werden, weil diese Tätigkeit ein lukrativer Haupt- oder Nebenverdienst ist?Da existieren wohl viele Missverständnisse. Es gibt ein Gesetz zur Entschädigung von Zeugen und Sachverständigen, die Stundensätze für Sachverständige liegen unter dem, was ein Handwerker verlangt, wenn er in Ihre Wohnung kommt. Man muss zudem Folgendes bedenken: Wenn der Sachverständige für ein Gericht wirklich hilfreich sein will, muss er auch ein bisschen den rechtlichen Hintergrund kennen. Und den lernt man als Psychiater oder Psychologe nicht im Studium, sondern in der Praxis. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass es einen Stamm von Gutachtern gibt, besonders für Fragen der Schuldfähigkeit, bei Kriminalprognosen oder eben Aussagebegutachtungen. Gerät man als Gutachter nicht in eine Schieflage, wenn der Auftraggeber eine Prozesspartei ist?Ein Parteienauftrag kann in Deutschland nur der Auftrag einer Verteidigung sein. Staatsanwaltliche Beauftragung gilt wie die Beauftragung durch ein Gericht. Der Auftraggeber Verteidigung hat Interessen, eine bestimmte Sichtweise, und es liegt an der persönlichen Stabilität des Beauftragten, ob er sich davon beeinflussen lässt. Und es sind eben die schlechten Sachverständigen, die nicht ihre Befunde vertreten, sondern ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen. Der einzige Unterschied ist der, dass ein Gericht oder eine Staatsanwaltschaft das Gutachten, das sie erteilen, ins Verfahren einbeziehen müssen, die Verteidigung kann es hingegen in der Schublade verschwinden lasen.Haben Sie schon öfter Gutachten im Auftrag einer Verteidigung erstellt?Der Auftrag der Verteidiger Monika Böttchers war der zweite Parteienauftrag, den ich in meinem Gutachter-Leben angenommen habe. Im Gerichtssaal ist es oft beeindruckend, wenn Zeugen plötzlich immer mehr Details zu einem Sachverhalt liefern. Die Zeugen im Böttcher-Prozess, die die Kinder noch am Vormittag des 4. August gesehen haben wollen, sprachen zum Beispiel jetzt davon, dass eines ihrer Enkelkinder damals Gummibärchen gegessen habe. Wie kommt es zu dieser Erinnerung eines doch so nebensächlichen Sachverhalts?Wenn diese Aussage am 5. August 1986 gemacht worden wäre und nicht erst jetzt, wäre sie anders zu bewerten gewesen. Solche spontanen Ergänzungen sind Glaubhaftigkeitshinweise, das wissen wir aus der Forschung. Aber dass nach 13 Jahren zu einem Sachverhalt, über den man oft gesprochen hat und mehrfach befragt wurde, plötzlich ein so nebensächliches Detail neu auftaucht, ist gedächtnispsychologisch in höchstem Maße unwahrscheinlich. Der Laie würde sagen: unmöglich.Aber wie kommt es, dass Zeugen solche Details aus dem Hut zaubern?Das sind Selbstdarstellungsstrategien oder Selbstverteidigungsstrategien, der Versuch, anderen gefallen, anderen hilfreich sein zu wollen. Sie dürfen nicht vergessen, dass diese Zeugen in der Presse heftig kritisiert wurden. Sie hatten also auch ein starkes, eigenes Motiv, glaubhaft zu wirken. Hier erinnerten sich plötzlich sogar zwei Zeugen an das periphere Ereignis, ein Junge hätte Gummibärchen gegessen.Das Gedächtnis von Zeugen ist ja sicher kein Tonband, das man durch Vergessen und neue Eindrücke einfach überschreibt Gedächtnis ist ein hochaktives, verarbeitendes System. Das Vergessen ist nur ein Teilvorgang im Gedächtnis, wodurch eine Erinnerungsspur schwächer wird. Bedeutsamer sind Umbewertungen und Neubewertungen bis hin zu Kreationen. Alle nach dem Ereignis eingehenden Informationen können die Gedächtnisspur verändern. Sie können sogar vermeintliche Gedächtnisinhalte hervorrufen. Ein plakatives Beispiel aus dem Labor ist eine Unfallsituation. Zeugen sehen den gleichen Unfall. Eine Gruppe wird dann gefragt, wie schnell fuhren die Autos, als sie zusammenstießen, die andere als sie zusammenkrachten. Die Gruppe, der mit dem Wort "krachen" eine höhere Geschwindigkeit suggeriert wurde, erinnert sich plötzlich sogar an Scherben am Unfallort, die es aber gar nicht gegeben hat. Kommen wir zurück zum Böttcher-Prozess. Der BGH legte großen Wert auf die Zeugen, die die Kinder noch am Vormittag gesehen haben wollen, als er der Revision des Gießener Freispruchs von Monika Böttcher stattgab. Es sei unwahrscheinlicher, dass mehrere Zeugen irren, als einer, hieß es. Warum sollen vier Erwachsene was Falsches sagen, wird gefragt. Aber die genaue Betrachtung ergibt, dass wir keine vier unabhängigen Zeugen haben und man möglicherweise einen ganz anderen Maßstab anlegen muss für den gruppendynamischen Prozess, der stattgefunden hat. Eines der beiden Ehepaare hat zwei sich widersprechende Aussagen gemacht. Ich habe die Kinder gesehen, sagt die Frau. Ich hab sie nicht gesehen, sagt der Mann. Eine knappe Woche später sagt er dann: Ich habe die Kinder doch gesehen. Und das zweite Ehepaar kommt auch erst Tage später ins Spiel, nachdem man mehrfach miteinander telefoniert hat und nach Bekundung der Zeugen die Fotos der Kinder mehrfach im Fernsehen gesehen hat. Außerdem hat Frau Böttcher selbst anfangs die Version vertreten, die Kinder lebten am Morgen noch. Da gibt es für unsere vier Zeugen also die Problematik der "co-witness", der Mit-Zeugen. Hier lag der Satz: Die Kinder waren noch da, sozusagen in der Luft. Weil die Kinder ja immer da waren. Das ist keine Unterstellung böser Absicht oder der Vorwurf, die Personen würden lügen. Das sind ganz normale Vorgänge, die dort stattgefunden haben können und die die Zuverlässigkeit der Zeugenaussagen um einiges reduzieren. Wenn man sich zudem die Gesamtheit dieser Zeugenaussagen ansieht, dann wird diese Reduzierung der Zuverlässigkeit sehr erheblich.Es spielte also auch das Aufeinander-Beziehen der Zeugen eine Rolle?Ja, nehmen Sie eine andere Aussage: Ich habe gesehen, dass der Schwager wegen der Weimar-Töchter gebremst hat, sagt ein Zeuge. Der Schwager weiß aber vom Bremsen nichts und kann außerdem noch erläutern, dass man an der bezeichneten Stelle gar nicht bremsen muss. Dann kippt dieser Zeuge um, als der Richter ihn unter Druck setzt und sagt nun: Meine Frau hat es mir gesagt. Ich habe das Bremsen gar nicht gesehen. Davon weiß wiederum die Frau nichts, weder, dass ihr Schwager gebremst hat, noch, dass sie ihrem Mann davon erzählt hat. Wenn Sie dann erfahren, dass derselbe Zeuge gesagt hat, ich war gar nicht dabei, weil ich im Keller Holz gehackt habe, dann sehen Sie doch, was Sie für Aussagen vor sich haben.Können Zeugen denn überhaupt ein so lange zurückliegendes Ereignis getreu wieder geben?Ob so etwas prinzipiell möglich ist, ist schwer zu beantworten. Natürlich werden Kernsachverhalte behalten. Nur, hier haben wir es mit einem eigentlich sehr peripheren Sachverhalt zu tun. Es geht um fremde Kinder, die man beim Vorbeifahren gesehen haben will. Bei diesen Zeugen aber war es so: sie waren unvorsichtig, sie haben nicht reflektiert, wie sich ihre Äußerungen über die Jahre veränderten. Sie haben nicht gefragt: Erinnere ich mich jetzt an das, was damals war oder an Vernehmungen vor der Polizei oder bei den verschiedenen Prozessen? Die hohe Pseudoexaktheit und mangelnde Reflexion über die möglichen Gedächtnisveränderungen ist ein Merkmal dieser Zeugen. Gibt es Zeugen, die Sie für glaubwürdiger halten? Für mich sind ganz andere Zeugen von Bedeutung. Und zwar Kinder von 1986, die im gleichen Alter wie Melanie und Karola Weimar waren und sonst mit ihnen gespielt haben. Ein kindlicher Zeuge hat gesagt: Ich habe Melanie und Karola nicht gesehen, aber die waren da. Das weiß ich von meiner Oma. Eine bemerkenswerte Differenzierungsleistung des Jungen: Ich hab sie nicht gesehen, aber sie waren da, und gleichzeitig Benennung der Quelle Oma. Das war die Hauptzeugin. Bedeutsam daraus ist: Ich hab sie nicht gesehen. Jetzt, nach 13 Jahren will er aber die Stimme von Karola gehört haben. Träfe das zu, hätte der Junge damals sofort den Nachsatz gemacht: Ich hab sie nicht gesehen, aber ich hab die Stimme gehört. Dass er nach 13 Jahren erstmalig die Erinnerung an diese Stimme wiedergefunden hat, ist gedächtnispsychologisch höchst unwahrscheinlich, um nicht zu sagen: unmöglich. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass die Gespräche mit den Verwandten dazu führten, dass er denkt, er habe die Stimme gehört. Noch einmal: Auch dieser Zeuge muss nicht lügen, wenn er dort etwas Falsches sagt. Das Dramatische an diesem Fall ist, dass hier so eine Häufung von Fehlermöglichkeiten vorhanden ist. Oder, wenn ich mal die Zurückhaltung meines Gutachtens aufgebe: Hier gibt es klare Hinweise, dass diese Zeugen nicht mehr über tatsächliche Wahrnehmungen reden, sondern über vermeintliche Erinnerungen.Max Steller // Dr. phil. Max Steller, Jahrgang 1944, ist Professor im Institut für Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum "Benjamin Franklin" Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. über "Psychologie im Strafverfahren".Psychologischer Sachverständiger vor Gericht seit 1970. Gutachter in den Wormser "Missbrauchsprozessen" vor dem Landgericht Mainz, in denen es um sexuellen Kindesmißbrauch ging.Der Bundesgerichtshof (BGH) folgte 1999 in seinen Entscheidungen über "Den Beweis des so genannten Lügendetektors" und die "Standards von Glaubhaftigkeitsgutachten" weitgehend Stellers Vortrag.Max Steller: "Aussagepsychologische Gutachten sind nützlich in Fällen, bei denen Aussage gegen Aussage steht. " Das Gedächtnis ist ein hochverarbeitendes System. Es gibt viele Gründe, weshalb die Erinnerungsspur schwächer wird. Der Zeuge muss nicht lügen, wenn er etwas Falsches sagt.