in New York wäre neulich Tom Adcock, der kriminiarrative Chronist von Hell s Kitchen, beinah unter die Räder gekommen: unter die eines einbeinigen Fahrradkuriers. in Frankfurt am Main gibt es eine Kneipe, die mit einem Kino kombiniert ist (odex umgekehrt), und das Ganze heißt "Mal sehn" und liegt, schreibt Felix Hofmann, neben einem Blindenheim. In London gibt es eine Kneipe namens "French Pub", In der ist vor kurzem zu Bessie Smith s Blues die Trauer und die Leere, die der Tod von Robin Cook alias Derek Raymond ausgelöst hat, in Stout, Ale, Lager und Härterem ersäuft worden; Just in diesem Pub hatte Ingrid Mylo schon mal eine halbe Stunde vor dem Klo warten müssen, "bevor es verheißungsvoll hinter der verschlossenen Tür rauschte und ein Mädchen Im Regenmantel herausschilch und murmelte: "Sorry, 1 kept you walting, hut 1 had a mlscarrlage." (Tut mir leid, daß Sie warten mußten, aber ich hatte eine Mißgeburt>.Leben In großen Städten schmeckt so -- die banalsten Alltagsdlnge bekommen skurrile, absurde, grauenhafte, schmerzliche Risse, sobald man den Blick etwas aufzieht und ein Stück mehr von der Komposition ins Bild nimmt, deren Teil sie sind. Die geordneten, beruhigenden Panoramen und Totalen entblößen subversive Komik oder rührende Grotesken oder erschütternde LAcherlichkelten, sobald man auf Einzelheiten scharfstellt. Davon erzählt Ingrid Mylo selt 1989 Monat für Monat in dem Frankfurter Magazin Strandgut, In jeweils elf winzigen oder etwas längeren Spllttern unter dem Titel "Kaffeebltiten". Und jetzt endlich ist eine Auswahl dieser kostbaren Miniaturen in Buchform zu haben, für den Rest von uns, der nicht in "Mainhattan" lebt.Ingrid Mylo ist Stadtschreiberin -- im allerbuchstablichsten Sinn, jenseits subventionierter Institutionsbräsigkeit. Daß die "Kaffeebiüten" sich über die Jahre entfalten konnten, verdankt~ie dem Strandgut-Herausgeber, daß ein Buch daraus werden konnte, dem kleinen Kasseler Verlag Jenior & Pressier und vor allem ihrem Herausgeber (und Mann) Felix Hofmann. Es gibt sie also doch, die so oft verldtschte "Nische im Kulturbetrieb", in der pures Gold geschürft werden kann, weil ein paar Menschen die Frechheit besitzen, die Liebe und die Literatur als Risiko ernstzunehmen.Und Ingrid Mylos Stadt ist Frankfurt am Main, ihre Orte sind (oder waren) real -- Kneipen, Cafés, Kinos, Live-Musik-Bühnen. Klos, nicht zu vergessen. Straßen. Haltestellen. Aber das ist nur wichtig, wenn man "Nachprüfbarkelt" braucht, weil man die viel tiefer liegende Wahrheit der Stadt fürchtet. In Wahrhelt ist Ingrld Mylos Stadt überall da, wo "man sich nicht aus dem Fadenkreuz von Ort und Zelt begeben kann", wo man manchmal heimgesucht wird von einer Sehnsucht nach "einem Ort, In den man genau hineinpaßt wie das fehlende Teil eines Puzzle-Spiels: Und nur, wenn man dort ist, Ist die Landschaft vollständig". Tatsächlich stammen die Splitter auch aus London und Paris, aus Dublin und überhaupt Irland, aus Itailen; sie stammen aus den kleinen engen Ortschaften der Provinz, aus denen man stammt, denen man entkommen ist und die man doch Immer dabelhat wie das Fernweh und die Kinderweisheiten und das Gelächter und die weit aufgerisaenen Sinne. Ingrid Mylos "Frankfurt" ist wie Franz Hesseis ~Berlln" oder Jerome Charyns "New York" oder Derek Raymonds "London" oder Miles Davis, "Paris" -Orte, an denen die Conditio humana am Ende dieses Jahrtausends ins Auge sticht und die nicht mal mehr vorstellbar sind ohne die Bilder, die wir von ihnen im Kopf haben; Orte, in denen "Reaiität" und "Fiktion" so ineinander verwol?en sind, daß die Frage nach ~lem "Genre", in dem jemand sie erzählt, rlecht wie kalter Kaffee, dessen Satz auch nicht gelesen werden will.Deshalb rast der einbeinige Fahrradkurier längst durch Frankfurt (nicht nur am Main), deshalb steht in Paris längst neben dem Blindenheim die Kino-Kneipe mit dem schönen Namen "let s see" (oder war s "vediamo"?) und in Berlin jemand vor einer Klotür und wartet, bis ein Mädchen Im Regenmantel sich für die Fehlgeburt entschuldigt.Die Kaffeebluten fügen all solche Splitter zusammen. Den "Geruch, der einen klelholt", die Klänge von Sprachen, die man selbst nicht sprechen kann, Neonlichter, Bücher aus Leihbibliotheken, Getränke, Erinnerungen. Fliruszenen, Zeilen aus Büchern. Und immer wieder Geschichten, winzige oder etwas längere. Jeder Mensch ist eine eigene Geschichte; wenn Menschen aufeinandertrefferi, treffen ihre Geschichten aufeinander und zerschellen oder ergeben eine neue; und wer Im Caf" sitzt und die Sinne beisammen hat wie Ingrid Myio, der kann sie nehmen und neu verflechten. Und vielleicht stellt sich wirklich am Ende heraus, daß die ganze Weltgeschichte in Wahrheit nichts anderes ist als die lüstern-träge vor sich hintreibende Anna Livla Plurabelie, die durch Dubiln fließende Liffey accordlng to Mr. Joyce. Und es ist alles eine Frage der Sprache, des Wortes.Es gibt in der deutschsprachigen Literatur von heute nur sehr, sehr wenige, die -- wie Ingrid Mylo -- mit dem Wort umgehen wie ein Diamantschielfer mit seinem Stein. Das klingt wie ein blödsinniges Klischee und ist trotzden wahr. Es gibt keinen hastigen Ausrutscher, keine Trend-Wörter und Mode-Gedanken. Gar nichts Ist beliebig. Jeder Diamant braucht seinen ganz eigenen Schliff, um sein Feuer zu entfalten. Jeder winzige falsche Schliff ruiniert den ganzen Stein. So, stelle Ich mir vor, hat Ingrid Mylo an den Wörtern und Satzen und Miniaturen gearbeitet. Unendlich skrupelhaft, unendlich respektvoll gegenüber dem Rohstoff. Deshalb schreit kein Wort in den Kaffeeblüten "Kuck doch mal, wie toll ich bin!". Deshalb entfalten sie ihr Feuer. Manchmal sofort, manchmal mit einem Verzögerungseffekt und oft, sehr oft, nachdem man Tränen gelacht hat.Ingrid Mylo: Kaffeeblüten, 240 Selten, 36 Mark, Verlag Jenlor & Pressler, Kasse! 1994.