Über James Salters "Lichtjahre": Das sanfte Gesetz

James Salters Roman "Lichtjahre" hat schon längst seine Mitte überschritten, da tritt zum ersten und einzigen Mal der Erzähler vor den Leser und erklärt: "Ich wünschte, es hätte anders sein können." Nur in diesem einen Augenblick spricht er als Ich, um sofort wieder hinter seinen lyrischen, lakonisch beschreibenden Sätzen und den Dialogen der Figuren zu verschwinden. Der Auftritt macht einen ungeheuren Effekt; es ist, als würde sich in einer stundenlangen Theateraufführung rasch und lautlos die Drehbühne in Gang setzen, um die Rückseite der Szene zu zeigen, so eine Zäsur markieren und nach ein paar Sekunden zurückschwingen. Der Satz von Salters Erzähler-Ich fällt in dem Augenblick, in dem seine beiden Hauptfiguren, das Ehepaar Viri und Nedra, sich scheiden lassen.Der Roman "Lichtjahre" erschien in den Vereinigten Staaten 1975. Sein Verfasser war über ein Jahrzehnt Luftwaffenoffizier, bevor er sich Ende der fünfziger Jahre der Schriftstellerei zuwandte. In Amerika ist James Salter eine Größe, und man wundert sich, daß er nicht eher übersetzt wurde, denn die "Lichtjahre" sind, ob man den Roman nun mag oder nicht, ein starker Eindruck. Die Atmosphäre des Buches ist sehr eigen, der Stil lyrisch und bildhaft, die Erzählung zeigt zudem eine ungewöhnliche technische Versiertheit, die sich zum Beispiel eben in einem so knapp kalkulierten Effekt wie dem kurzen Inkognito-Auftritt des Ich-Erzählers bewährt.Jung, schön, reichSalter läßt seine Figuren, Vertreter des wohlhabenden New Yorker Bildungsbürgertums, das in der Stadt arbeitet und in ländlichen Vororten lebt, unentwegt anspruchsvolle Literatur lesen, Proust, Saul Bellow, Whitman. Es müßte also mit dem Teufel zugehen, wenn der Titel "Lichtjahre" (Light Years) nicht ein Hinweis auf Virginia Woolfs Roman "Die Jahre" (The Years) wäre; tatsächlich knüpfen die "Lichtjahre" in vielen Zügen, auch in ihrer Technik, an die Erzählkunst Woolfs und ihre bis ins Überempfindliche gesteigerte Sensibilität an. Die Luftwaffe stellt, so hört man, besondere Anforderungen an Nervenstärke und seelische Belastbarkeit, und so fragt man sich, in welcher ihrer Abteilungen ein offenkundiges Seelchen wie dieser Salter gedient haben mag, bevor er sich, sehr zu Recht, an einen Schreibtisch auf Long Island zurückzog.Die "Lichtjahre" gehören (wie Woolfs "Jahre") zu den Romanen (der erste ist Flauberts "Education sentimentale"), die vom Vergehen der Zeit im Menschenleben an sich handeln; die Figuren sind nur dazu da, daß die Zeit ihr Werk an ihnen vollbringt. Das Leben wird in dieser Sicht zu etwas Pflanzenhaftem, fast Schicksallosen. Schicksalhaft und schrecklich wird es nur, weil die Menschen ihr Wachsen, Blühen und Verwelken selbst erkennen, wenn auch meist erst im Moment der Überreife, wenn das Sterben und das Kaltwerden beginnen.Salter hat dieser Thematik eine Ehegeschichte unterlegt, er führt das Wirken der Zeit am herzzerreißenden Absterben einer großen Liebe vor. Der Architekt Viri und seine Frau Nedra haben alles, was Menschen sich wünschen können: Sie sind jung, schön und reich; sie haben gesunde, fröhliche Kinder, brillante, warmherzige Freunde, ein schönes Haus am Fluß und kreative Arbeit in New York. Am Zaun grast ein Pony, im Garten tollt ein Hund. Salter schildert dieses Glück mit einer bildhaften Überschönheit, die an gewisse edel getönte Fotografien von Inneneinrichtungen mit gedeckten Tischen und flackerndem Kaminfeuer erinnert. Die Mutter richtet Kindergeburtstage mit Bastelarbeiten und Spielen aus, der Vater schreibt seinen Kleinen Bücher. Es wäre nicht auszuhalten, schliche sich unter dem Glanz des gelingenden Lebens nicht bald Ironie ein.Klugerweise aber errichtet Salter nicht ein banales Kulissenmodell, wo hinter der schönen Fassade sich der Unrat häuft. Die Fassade ist solide, und die Freunde von Viri und Nedra haben ganz recht, wenn sie deren Leben als "perfekt" empfinden. Daran ändern auch kleine Ehebrüche nichts, die man sich erlaubt. Sie sind es nicht, die ihr Zusammenleben aushöhlen und entwerten. Es ist die Zeit selbst, die das bewirkt, eine lautlose und geisterhafte Natur.Eins der wichtigsten erzählerischen Mittel Salters ist das Nebeneinanderstellen von Sätzen, die die Welt aus ganz unterschiedlichen Entfernungen zur Anschauung bringen: "Das Essen wurde auf großen, warmen Tellern serviert: Rindergeschnetzeltes und Rösti, zum Dessert Himbeeren mit Sahne. Er leerte die zweite Flasche Wein. Draußen war es kalt, die schmalen Straßen waren dunkel, der Schnee knirschte unter den Sohlen." So geht es beständig hin und her zwischen drinnen und draußen, warm und kalt, geschlossen und offen, behaglich und frei. Drinnen flackern Kaminfeuer, draußen ist noch ein heller Abendhimmel und so fort.Dadurch entsteht der Eindruck eines harmonischen Kontinuums von Zivilisation und Natur, von Behausung und Landschaft, von Mensch und Kosmos. Das ist schön, nicht zuletzt weil es eine Lyrisierung auch des städtischen Lebens erlaubt; wenn Nedra in Manhattan Delikatessen einkauft, dann schimmern die Auslagen mit ihren Pralinenpapieren wirklich wie die Sterne der Milchstraße. Aber hinter diesem alle Schönheit der Welt versammelnden Bild steht der grausame Fatalismus, mit dem die Lebensprozesse sich unabwendbar vollziehen. Das beständige Springen der Optik setzt sich fort in der oft überschmückten, ja preziösen Gleichnisrede, die Salters Stil kennzeichnet. "Die Tage wurden aus einem Steinbruch geschlagen, der nie erschöpft sein würde", heißt es einmal. Von dem verlassenen Haus Viris und Nedras wird gesagt, "es war wie eine Kathedrale in der inmitten einer heiteren Ruhe etwas nicht stimmt, die Heiligen sind Wachsfiguren, die Orgel eine Fassade." So wird das Leben in ein impressionistisches Metaphernglissando gebracht, eine bildstarke Wortmusik, ein synästhetisches Fließen.Auf ihm geht das Leben unaufhaltsam den Bach hinunter. Salter erspart sich, wir sagten es, klugerweise alle Sozialkritik. Erst am Ende will er auch gedanklich zu einem Schluß kommen, und er verliert das Vertrauen zu der ganz leisen Ironie, die wie eine Tönungslinse über dem Kameraauge seiner Wahrnehmung liegt. Aber es fehlt der BodensatzViri und Nedra lassen sich scheiden, und sie verkümmern dabei. Getrennt kommen sie beide nach Europa, sie in die Schweiz, er nach Rom ("eine südliche Stadt, eine Metropole, die sich auf den eisernen Achsen von Geld und Reichtum bewegte, die Banken sahen aus wie Leichenhallen"), und hier, in der alten Welt, erfahren sie, daß ihr bisheriges Leben Trug war. Es ist ein Freund Nedras, ein champagnertrinkender Lebemann in der Schweiz, der die Geschichte von in Wein eingelegten Fliegen erzählt, die nach Jahren wieder lebendig werden: "Sie lagen auf dem Boden der Flasche mit ein wenig Satz, dem Schmutz, der einem zeigt, daß die Dinge real sind. Das fehlt im Leben der Amerikaner, der Bodensatz."Als Philosophie ist dieses Gleichnis wenig hilfreich, aber ästhetisch nimmt es immerhin die Kritik vorweg und entkräftet sie damit auch, die gegen Salters überschönes lyrisches Erzählen zu richten wäre. Seine Welt wirkt kandiert, wie Früchte unter einer Zuckerglasur, wo sie ihre erdhafte Herkunft verleugnen. Genau das aber soll auch der Fehler der von Salter geschilderten Lebensform sein. Aber mehr Unglück als das Altwerden und das Ende einer Ehe fällt in diesen leichten Jahren nicht vor, und das könnte ja auch unter weniger edlen Umständen passieren, ja es soll sogar in Europa vorkommen. Mehr als eine wohlig-vage Traurigkeit hinterläßt das Buch intellektuell nicht. Man merkt sich ein paar gezierte und gelegentlich sogar einfach-schöne Bilder und Gleichnisse. Am Ende, beim rätselnden Studium des Waschzettels, schüttelt man noch einmal den Kopf: Dieser Autor hat also bei der Air Force gedient? Gut, daß er jetzt nicht am Golf stationiert ist; mit so traurigen Rittern wird man Saddam nicht besiegen.James Salter: Lichtjahre. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Beatrice Howeg. Berlin Verlag, Berlin 1998. 393 S., 39,80 Mark.