GRAZ, 23. Januar. "Sefka war vielleicht im vierten bis sechsten Monat schwanger, man konnte den Bauch schon sehen", erinnert sich Muhamer, der 1992 Gefangener im serbischen Internierungslager Luka in Brcko war. "Sie schlugen sie drei Tage lang, und am vierten Tage starb sie." Es gibt viele solcher Schilderungen. Protokolliert wurden sie einst von der Menschenrechtsorganisation Helsinki Watch, meistens in Aufnahmelagern für Flüchtlinge in Kroatien. Niemand wußte zu dieser Zeit jedoch, ob zum Beispiel Justizbehörden sich später einmal dieser Protokolle der Verbrechen annehmen würden, denn damals stritt man sich noch über Opferzahlen, das Völkerrecht und eine Militärintervention. Das Lager Luka war für die Welt außerhalb Bosniens damals nur ein Beispiel oder ein Symbol.Nun aber wird einer der mutmaßlichen Mörder vor Gericht stehen: Am Donnerstag ist der Kommandant von Luka, einem der berüchtigtsten serbischen Lager, von Sfor-Soldaten in Bijeljina verhaftet worden. Den heute 29jährigen Goran Jelisic nannte ein kroatischer Häftling den "schlimmsten Quäler". Er habe mehr als 100 Menschen ermordet, wird über ihn erzählt. Jelisic wurde vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen mutmaßlichen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht. Offiziell wird er beschuldigt, mindestens 16 Menschen umgebracht und weitere gefoltert oder deren Ermordung angeordnet zu haben.Das Lager Luka am Sawe-Hafen in Brcko bestand nur drei Monate lang und wurde nie vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes besucht. In dem abgesperrten Gelände mit etwa 12 Hallen wurden nach Zeugenaussagen von Mai bis Juli 1992 gleichzeitig bis zu 1 500 Personen interniert, meistens kroatische und muslimische Männer aus Brcko und ganz Ostbosnien. Nach Angaben des Muslims Muhamer waren aber auch Frauen und Kinder unter den Gefangenen. Tagelang gab es nichts zu essen und zu trinken, die hygienischen Verhältnisse, sagt der Kroate Zvonko, seien "fürchterlich" gewesen. "Es ist aus mit dir"Der 50jährige Zvonko war vor dem Krieg Ingenieur; er stammte aus der Herzegowina und hatte 20 Jahre lang in Brcko gelebt. Am 7. Mai 1992 war er gerade im Badezimmer, als er Lärm hörte: Sechs uniformierte Polizisten drangen an seiner Frau Vesna vorbei in die Wohnung ein, suchten im Schrank, unter der Matratze, im Kühlschrank nach Waffen. Als sie keine fanden, nahmen sie Zvonko mit zur Wache.Einer der Polizisten sagte dort zu ihm: "Ich bin ein guter Schütze, es tut nicht weh und geht schnell." Ein anderer setzte ihm die Kalaschnikow auf die Stirn und brüllte: "Es ist aus mit dir." Dann sperrte man ihn in ein Zimmer; am nächsten Tag sah er, wie fünf Männer auf dem Korridor erschossen werden. Nach einer Woche wurde Zvonko auf einen Laster verladen und kam nach Luka. Muhamer hatten die Polizisten aus einem Keller geholt, wo er Zuflucht vor Granaten gesucht hatte: "Kommt raus, Türken, aus euren Rattenlöchern!"Die Überlebenden von Luka berichten von massenhaften und mehr oder weniger zufälligen Erschießungen. "Die Polizei kam herein, zeigte auf Gefangene und sagte: ,Du, du und du, steht auf! Dann wurden sie hinter die zweite Halle geführt, und man konnte die Schüsse hören."Muhamer erinnert sich, daß sie eines Abends um acht mit einer Liste kamen und Namen vorlasen: "Es waren viele mit Doktortitel darunter und andere Intelligenzler. Sie wurden weggebracht." Man konnte bei den Erschießungen zusehen; in den Lagerhallen war es dunkel, aber der Hof draußen war hell erleuchtet. "Goran" erschoß "einen Blonden von vielleicht 22 Jahren" aus drei Meter Entfernung, erinnert sich Muhamer an eine der Hinrichtungen. "Kosta" oder "Kole", ein Mann von etwa 45 Jahren, wurde allgemein für den Vize-Kommandanten des Lagers gehalten und war der Verhörspezialist. Er fragte Gefangene, ob sie Mitglieder der Muslim-Partei seien, oder was ihre Söhne machten. Ab und zu wurde jemand aus dem Lager freigelassen; mal kam auch ein Richter, erzählen frühere Lagerinsassen.Kreuz in die Stirn geritztSeinen Nachbarn, der schon vor ihm im Lager war, hat Zvonko dort zunächst nicht wiedererkannt. Man hatte dem Mann mit einem Schlagring direkt in die Augen geschlagen. Einem muslimischen Rentner habe man ein Kreuz in die Stirn geritzt. Viele der Killer und Folterer hätten Skimasken getragen und den serbischen Dialekt aus dem Gebiet jenseits der Drina gesprochen. Unter den Bewachern sei auch eine 14jährige Monika gewesen, ein Mädchen "mit Engelsgesicht" und MP, das sich von allen Gefangenen den Tascheninhalt habe abliefern lassen. Die Hallen des Lagers stehen heute immer noch am Hafen von Brcko; sie sind jetzt leer. Goran Jelisic, der Luka einmal befehligte, soll am Montag erstmals den Richtern in Den Haag vorgeführt werden.