ZERNSDORF. Der Plan für ein neues Eigenheim sah ziemlich einfach aus. Antje und Stefan Pretky erwarben Anfang des Jahres von der Kirchengemeinde in Zernsdorf (Dahme-Spreewald) ein Grundstück mit dem alten Gemeindehaus. Es sollte abgerissen werden. Dieses Weihnachten schon wollte das Ehepaar im neuen Heim feiern. Aus dem Traum wird nichts werden: Vom alten Gebäude ist nur noch eine sorgfältig verpackte Wand geblieben - doch die verhindert den raschen Bau des Eigenheims. Die Wand enthält ein bis dato unbeachtetes Kunstwerk. Ein Wandbild, das der Maler Erwin Hahs 1961 schuf. Deswegen durften die Pretkys die Wand nicht abreißen.In einem Schreiben des Landesamtes für Denkmalpflege war dem Ehepaar kurz vor dem Abriss mitgeteilt worden, dass die Altarwand mit dem Bild unter Denkmalschutz gestellt worden sei. Es besitze als "Dokument eines zu Unrecht heute wenig bekannten Künstlers und seines Werks und zugleich als Zeugnis einer von gegenläufigsten politischen Zielen geprägten Zeit" eine "gleichermaßen künstlerische wie geschichtliche Bedeutung".Professor auf Burg Giebichenstein"Das Schreiben war eine Überraschung", sagt Antje Pretky. Denn als sie das Anwesen kauften, war keine Rede von einem wertvollen Bild. Und den Namen Erwin Hahs hatten sie noch nie gehört. Auch in Zernsdorf schien der Maler, dessen Kunst von den Nazis als entartet verfemt wurde und der in der DDR als dekadent galt, in Vergessenheit geraten zu sein. Er verbrachte in dem Ort seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod 1970. In Zernsdorf fand er auch seine letzte Ruhe."Im ersten Moment haben wir natürlich überlegt, ob wir den Vertrag mit der Kirche rückgängig machen sollten", erzählt Stefan Pretky. Schließlich hatten sie Pläne, wie sie ihr Haus bauen wollten. Ein Architekt war engagiert. Es stellte sich heraus, dass die Wand nicht so einfach in den Hausbau integriert werden konnte. "Sie wäre direkt durch unser Wohnzimmer verlaufen", sagt der 50-Jährige, der mit seiner Frau einen Gartenholzhandel in Deutsch Wusterhausen besitzt.Doch dann wollten sie wissen, wer Erwin Hahs eigentlich war. Sie erfuhren aus Büchern und dem Internet von seiner Zeit als Professor auf der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle. Nach vielen Jahren Lehrzeit dort durfte er unter den Nazis nicht mehr als Professor arbeiten. Später, in der DDR, wurde es nicht besser für ihn. Seine Kunst wurde missachtet, seine Bilder zerstört. Das Bild in Zernsdorf - es ist das letzte Wandbild, das es noch von ihm gibt. Die Pretkys entschieden sich für das Grundstück. Hahs' Biografie habe sie überzeugt, sagen sie. "Es soll ein Teil von Wiedergutmachung an den Künstler sein."Sie änderten die Pläne für ihr Haus. Die Wand mit dem Bild, das das Pfingstfeuer darstellt, und dem Altartisch davor soll nun in einem verglasten Anbau einen würdigen Platz finden. Zum Tag des offenen Denkmals wollen sie künftig ihr Grundstück für Besucher öffnen. "Ich kann mir auch den einen oder anderen Gottesdienst hier vorstellen", sagt Antje Pretky, die selbst in der Kirchengemeinde aktiv ist. Das Paar hofft, dass die Kirche die Mehrkosten des Baus trägt. Allein die Säuberung des Bildse wird nach Schätzung des Landesdenkmalamtes rund 2 000 Euro kosten.Nicht weit entfernt von dem Wandbild leben Gabriele und Jürgen Winter, die Tochter und der Schwiegersohn des Malers. "Als wir im Kirchblatt lasen, dass das Grundstück verkauft werden soll, läuteten bei uns die Alarmglocken", sagt Jürgen Winter. Er war es auch, der den Denkmalschutz informierte. Winter erzählt, dass Erwin Hahs das Wandbild gemalt habe, weil der Raum wie "eine nüchterne Schulklasse" ausgesehen habe. So schrieb es der Maler in sein Tagebuch.Retrospektive in Berlin verdient"Hahs, der zwischen 1952 und 1987 nicht ausstellen durfte, verdient Wiedergutmachung, er verdient eine große Retrospektive in Berlin, seiner Geburtsstadt", sagt Winter. Es sei schon eigenartig, dass sich alle Welt an Gropius, nicht aber an dessen Freund Hahs erinnere.Die Kunsthistorikerin Dorit Litt hat die Entscheidung, das Wandbild unter Denkmalschutz zu stellen, tief berührt. "Zu Lebzeiten des Malers wäre das nie möglich gewesen", sagt sie. Hahs habe zu konträr zu den geforderten Normen der SED-Politik gestanden. "Er ist durch zwei Diktaturen ungebührlich ins Abseits gedrängt worden. Auch heute wird er und werden seine Werke leider noch nicht so akzeptiert, wie er es verdient hätte", sagt sie. Zernsdorf könne sich wegen des Kunstwerks glücklich schätzen. Vielleicht werde der Ort irgendwann einmal eine Erwin-Hahs-Straße haben. "Verdient hätte er es."------------------------------Von den Nazis verfemt, in der DDR verdrängtErwin Hahs: Der Maler wurde am 2. Juli 1887 in Berlin geboren. Er starb am 31. März 1970 in Zernsdorf.Verfemt: Hahs wurde an die Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle berufen. 1919 stellte er als Professor eine Malschule zusammen. 1933 entließen ihn die Nazis. Ein Jahr später wurde seine Kunst als "entartet" eingestuft. Einige seiner Wandbilder wurden zerstört.Missachtet: 1946 wurde er erneut an die Burg Giebichenstein berufen. Er malte ein großes Wandbild für die Buna-Werke in Halle. Es wurde jedoch nach der Fertigstellung 1949 zerstört.Verdrängt: Hahs wurde vorgeworfen, politische Prozesse nicht zu erkennen. Zur Zeit der DDR-Formalismusdiskussion wurde er 1952 aus dem Beruf gedrängt. Er erhielt Ausstellungsverbot.------------------------------Foto: Antje und Stefan Pretky wollen die alte Kirchentür in ihr Haus einbauen - und die noch verpackte Kunstwerk-Wand.Foto: Unter Denkmalschutz steht seit Kurzem dieses abstrakte Altarbild des Malers Erwin Hahs. Es zeigt das Pfingstfeuer.