Dann geh doch rüber" ist ein heute schon historischer Satz, der - an westdeutschen Stammtischen ausgerufen - keine Aufforderung war, sondern eine Beschimpfung. In den Jahren des Kalten Kriegs konnte doch niemand ernsthaft daran denken, von der Bundesrepublik in die DDR zu gehen. Wirklich nicht? Rund eine halbe Million Menschen verließ zwischen 1950 und 1990 die Bundesrepublik Richtung Osten, um im zweiten deutschen Staat zu leben.Verrückte? Kommunisten? Weit gefehlt. Es waren zumeist Menschen, getrieben von der Sehnsucht nach Verwandten, der Freundin, nach einem anderen, besseren Leben, wie Bernd Stöver, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, herausfand. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Zuflucht DDR" berichtet er über das bisher wenig bekannte Phänomen der Übersiedlung von West nach Ost. Stöver belegt, dass nur ein kleiner Teil der Übersiedler aus politischen Gründen den Staat wechselte."Es war ein Ort, zu dem man ging, um etwas zu finden, was man anderswo nicht gefunden hat: einen Arbeitsplatz, eine bessere Wohnung, bessere Bedingungen für die Kinder oder sogar ein Hochschulstudium", sagt Stöver. Eine Statistik der westdeutschen Grenzbehörden aus den Jahren 1966 wirft ein Schlaglicht auf ihre Motive: Von 580 befragten Übersiedlern gaben knapp 200 familiäre Gründe an. Lediglich vier Befragte nannten politische Gründe und 18 sagten, es gefalle ihnen in der Bundesrepublik nicht. 1966 stand allerdings auch schon die Mauer und diese bildete eine Zäsur in der Bewegung von West nach Ost. Bis 1961 hatten sich jährlich zwischen 20 000 und 50 000 Menschen für ein Leben in der DDR entschieden, darunter prominente Deutsche wie Stefan Heym, Wolf Biermann, Robert Havemann, Ralph Giordano oder Lothar Bisky. Die DDR-Behörden machten in den ersten Jahren nach Gründung des Staates sogar regelrecht Werbung für die neue Republik. Broschüren mit Titeln wie "Wir kamen aus dem 'goldenen' Westen" oder "Start ins Leben" sollten gezielt Bundesbürger anwerben.Besonders Fachkräfte waren gefragt, denn viele DDR-Bürger wählten ihrerseits den Weg in den Westen. Zwischen 1950 und 1990 waren es etwa 5,2 Millionen, also mehr als das Zehnfache des Zuzugs in die andere Richtung. Allein bis zum Mauerbau verließen jedes Jahr zwischen 180 000 und 520 000 DDR-Bürger ihre Heimat. Ein Umstand, dem die Ulbricht-Regierung entgegensteuern wollte - bis sie ihre Prioritäten neu setzte. Mit der Ernennung von Erich Mielke zum Stasi-Chef 1957 änderte die DDR ihre Politik und erhob die innere Sicherheit zum Staatsinteresse Nummer eins. Stöver spricht sogar von einer "massiven Sicherheitsparanoia". Das Passänderungsgesetz führte die Bestrafung von Republikflucht mit bis zu drei Jahren Gefängnis ein - einen Rückweg gab es nun nicht mehr. "Das reduzierte die Einwanderung erheblich", sagt Stöver.Fortan wurde jeder Zuzügler auf Herz und Nieren überprüft, bevor ihm ein DDR-Ausweis ausgehändigt wurde. Sie kamen zunächst in Aufnahmelager, die Gefängnissen glichen. Dort erwartete selbst die hoffnungsfrohsten DDR-Neubürger Einzelhaft, Befragung durch die Stasi und wochenlanges Warten auf eine Rückkehr in den Alltag.Misstrauen gegen "Spione"Jeder Übersiedler war ein potenzieller Spion. Vorleben und Gegenwart wurden von der Stasi erforscht, auch nach Verlassen des Lagers blieben die Übersiedler im Visier des Geheimdienstes. Auch erfüllten sich die Träume der Übersiedler oft nicht. Stöver berichtet in seinem Buch von einem jungen Mann, der wegen eines Hochschulstudiums in die DDR gekommen war. Er erhielt aber keinen Platz an der Universität und reiste mit seiner Familie schließlich wieder aus. "Auch der Arbeitsplatz wurde dort vergeben, wo Bedarf war. Das hieß, jemand konnte in einer Fabrik oder in der Landwirtschaft eingesetzt werden - auch gegen seinen Willen", erzählt Stöver. Nicht wenige versuchten später, die DDR wieder zu verlassen, doch sobald die Übersiedler den DDR-Ausweis hatten, war der Rückweg in der Regel versperrt. In den achtziger Jahren kamen fast nur noch Rück-Rückkehrer, ehemalige DDR-Bürger, die in der Bundesrepublik nicht Fuß gefasst hatten und nun wieder in ihrer alten Heimat leben wollten.Wenig Sympathie für die Übersiedler aus dem Westen hatten die Menschen in der DDR. "Eigentlich sollte die DDR-Bevölkerung sich um die Neubürger kümmern, auch um sie zu überwachen, doch das fand meist nicht statt", weiß Stöver zu berichten. Die Übersiedler wurden in der Regel sich selbst überlassen. "Der muss doch was zu verstecken haben", war ein Vorurteil, mit dem ihnen oft begegnet wurde. Wer würde denn freiwillig aus der Bundesrepublik in die DDR gehen - wo so viele Ostdeutsche vergeblich in die andere Richtung wollten. Es wurde den Übersiedlern unterstellt, kriminell zu sein oder asozial, Menschen, "die eben dorthin gingen, wo sie sich die meisten Vorteile und die wenigsten Widerstände versprachen", schreibt Stöver in seinem Buch.Eine Gruppe, für die die DDR in der Tat Flucht vor Gefängnis bedeutete, waren die RAF-Terroristen. Zehn Mitglieder der Rote Armee-Fraktion nahm die DDR im Laufe der Jahre auf, darunter so prominente Mitglieder wie Inge Viett und Susanne Albrecht. "Zur RAF gab es schon über Ulrike Meinhof Kontakte. Bei der SED und vor allem dem Ministerium für Staatssicherheit bestand die Vorstellung, dass der internationale Linksterrorismus ein Verbündeter sei, den man allerdings nicht offen so nennen durfte", sagt Stöver. Ein weiterer Grund, warum die DDR sie gern aufnahm, war, dass die Terroristen wichtige Informationen hatten, etwa über Verbindungen Ost-Berlins zur RAF. "Außerdem gab es praktische Gründe: In der DDR sprach man deutsch, die Bevölkerung hatte mehrheitlich die gleiche Hautfarbe wie die Terroristen. Ein Untertauchen war hier sehr einfach", erzählt Stöver.Die RAF-Terroristen waren jedoch ein Extremfall von Übersiedlung. Die meisten Deutschen, die in den Osten gingen, suchten einfach ein anderes Leben. Für die Bundesrepublik waren die West-Ost-Migranten "Menschen mit persönlichen oder beruflichen Schwierigkeiten", wie ein Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND) 1984 schrieb. Man betrachtete die West-Ost-Übersiedlung als wenig erfreulich, denn nach Auffassung des BND wussten die Übersiedler schlicht nicht, worauf sie sich einließen.Insgesamt ließ die Angelegenheit den westdeutschen Staat jedoch kalt. Zeigte die Tatsache, dass die Bundesrepublik den Übersiedlern keine Steine in den Weg legte, doch vor allem, wie freiheitlich die Bundesrepublik war. Stöver fasst die Haltung zusammen: "Wer wollte, konnte sogar in eine Diktatur auswandern."------------------------------Morgen lesen Sie: Die große Liebe. Ein Jahr nach dem Mauerbau gab Gisela Iskraut ihr Leben im Westen auf.------------------------------Das vergessene KapitelDer Sprung des Grenzpolizisten über den Stacheldraht, die Massenflucht von DDR-Bürgern über Ungarn - diese Bilder kennt jeder. Dass es jedoch auch viele Westdeutsche gab, die in die DDR übersiedelten, ist ein fast vergessenes Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. Tausende gingen in den Jahren der Teilung in den Osten, erlitten Schikanen, bevor sie eingebürgert wurden und mussten sich viel Misstrauen gefallen lassen. Doch die meisten West-Ost-Übersiedler wussten, warum sie das auf sich nahmen. Bernd Stöver, Professor an der Universität Potsdam, erforschte das wenig bekannte Phänomen.------------------------------Prominente Ost-ÜbersiedlerRalph Giordano zog 1955 in die DDR. "Der Feind meiner Feinde ist mein Freund." Dieser Gedanke, schreibt Ralph Giordano in einem Essay der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte", hätte seinen Weg zum Kommunismus bereitet. Als Kind einer jüdischen Mutter war der heute 86-jährige Schriftsteller im Dritten Reich schwerer Verfolgung ausgesetzt. Nach dem Krieg trat er der KPD bei und zog 1955 in die DDR, wo er zwei Jahre lang in Leipzig Literatur studierte. Als Chruschtschow 1956 auf dem 20. Parteitag die Verbrechen Stalins und Berijas enthüllte, brach für Giordano eine Welt zusammen. Er kehrte in die Bundesrepublik zurück, schloss sich keiner politischen Strömung mehr an.Lothar Bisky ging 1959 mit 18 Jahren in die DDR. Er ist ein Flüchtlingskind, in Hinterpommern geboren und mit den Eltern 1946 nach Schleswig-Holstein gezogen. Dort aber wurde er nicht heimisch. In die DDR ging er nach eigenen Aussagen, weil er dort Abitur machen konnte und im Westen nicht. Er trat vier Jahre nach seiner Übersiedlung der SED bei, studierte Kulturwissenschaften und machte Karriere an verschiedenen Universitäten. Dann arbeitete er sich vom Wissenschaftsassistenten zum Dozenten an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED hoch. Auch nach dem Zusammenbruch der DDR glaubt Bisky immer noch an den Sozialismus. Er ist gemeinsam mit Oskar Lafontaine Parteivorsitzender der Linkspartei. Sie entstand aus der Nachfolgepartei der SED, der PDS, die sich mit der West-Linken WASG zusammenschloss.Alwin Ziel siedelte nicht freiwillig in die DDR über. Eigentlich war es eine Rückkehr: Der heute 68-Jährige hatte seine Heimat im April 1988 verlassen. Die Konfirmation einer Nichte im Westen war der Anlass, doch Ziel wollte bleiben und seine Familie nachholen. Während er fort war, sind seine Frau und zwei Söhne schlimmsten Schikanen ausgesetzt, seine Frau brach mit einer Magenblutung zusammen. Ziel kehrte zurück. Die DDR-Behörden behandelten den späteren Innenminister Brandenburgs wie einen Fremdling, steckten ihn in ein Lager. Tägliche Verhöre, Ungewissheit, wann er endlich zu Frau und Kindern kann, waren die Folge. "Du kommst nach Hause", war der einzige Satz, mit dem Ziel sich immer wieder Mut macht. Wenige Tage nach seiner Ankunft in dem Übergangslager in Röntgental sprang ein Mann vom fünften Stock eines Hauses. Eine Woche später wurde Ziel entlassen. Die Familie stellte schließlich einen gemeinsamen Ausreiseantrag nach Kanada, doch bis er im März 1990 genehmigt wurde, war Deutschland schon auf dem Weg zur Vereinigung.Wolf Biermann suchte mit 17 Jahren seine Heimat dort, wo er sein politisches Zuhause sah: im Kommunismus. 1953 siedelte er in die DDR über, beendete die Schule in einem Internat in Leipzig, studierte Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität und wandte sich der Kunst zu. Doch die DDR-Behörden mochten den politisch Überzeugten nicht, der unbequem war, weil er die Realitäten des Sozialismus nicht akzeptierte: nicht die Mauer und nicht die Unterdrückung der Meinungsfreiheit. 1965 erhielt Biermann Berufsverbot, im November 1976 entzogen ihm die Behörden das Recht auf einen weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Biermanns Ausbürgerung löste einen Proteststurm aus und zahlreiche Schriftsteller und Schauspieler verließen das Land.Peter Hacks lebte in den 50er-Jahren zunächst als Schriftsteller in München. Er knüpfte Kontakte zu Bertolt Brecht, den er fragte, ob er ihm empfehle, in die DDR zu ziehen. Obwohl Brecht weder zu- noch abriet, siedelte Hacks 1955 mit 27 Jahren nach Ost-Berlin über, wo er zunächst am Berliner Ensemble arbeitete. Ab 1960 arbeitete er als Dramaturg am Deutschen Theater. Drei Jahre später arbeitete er wieder als freier Schriftsteller und wurde einer der meistgespielten Dramatiker der DDR. Er wurde ins PEN-Zentrum und die Akademie der Künste der DDR gewählt und erhielt den Nationalpreis. 1976 begrüßte er in einem Zeitungsartikel die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR. Auch nach dem Untergang der DDR hielt er an seinem politischen Überzeugungen fest und weigerte sich am gesamtdeutschen Kulturbetrieb teilzunehmen, wobei er jedoch immer weiter schrieb. Peter Hacks starb 2003 in seinem Landhaus in Groß Machnow.Susanne Albrecht öffnete der RAF die Tür zu Jürgen Pontos Haus, wo die Terroristen den Bankier 1977 kaltblütig erschossen. Albrechts Foto war fortan in der ganzen Bundesrepublik zu sehen. Doch die Rohheit ihrer Mittäter teilte die damals 26-Jährige nicht. Sie verfiel in Depressionen, wurde von der RAF versteckt und siedelte schließlich 1980 in die DDR über. Es waren keine politischen Motive, die sie hierher führten, sondern die bloße Flucht vor einer Gefängnisstrafe. In der DDR fand Albrecht die Normalität, nach der sie sich sehnte, wurde Englischlehrerin, heiratete und bekam einen Sohn. Doch das ZDF enttarnte sie 1986; Albrecht flüchtete nach Moskau. Nach dem Fall der Mauer wurde sie 1990 verhaftet und zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Sie lebt heute in Bremen. Von ihrer RAF-Vergangenheit hat sie sich distanziert.------------------------------Grafik: Interdeutsche Migrationen (1950-1988). Etwa 500 000 Menschen siedelten zu DDR-Zeiten aus dem Westen über. In die umgekehrte Richtung waren es zehn-mal so viele."Die Übersiedler sollten sich, ohne aufzufallen, in die DDR-Gesellschaft integrieren." Prof. Bernd Stöver, Uni PotsdamFoto: Mit einer Massenflucht in den Osten endete im Juli 1988 die Besetzung des Lenné-Dreiecks durch rund 180 junge Leute. Sie hatten auf dem Gelände am Potsdamer Platz, auf dem heute das Beisheim-Center steht, ein Zeltdorf errichtet, um gegen eine dort geplante Straße zu protestieren. Als das Gelände von der Polizei geräumt wurde, flüchteten die Besetzer mit Leitern über die Mauer. Sie bekamen ein Frühstück in Ost-Berlin und wurden dann über den Bahnhof Friedrichstraße wieder abgeschoben.Foto: Ralph Giordano kehrte der DDR nach einem Jahr den Rücken.Foto: Lothar Bisky ist noch heute überzeugter Sozialist.Foto: Alwin Ziel kehrte unfreiwillig aus dem Westen zurück.Foto: Wolf Biermann war dem DDR-Staat zu unangepasst.Foto: Peter Hacks blieb auch nach der Wende Kommunist.Foto: Susanne Albrecht floh vor ihrer RAF-Vergangenheit.