Andrea Röpke fuhr am Mittwochnachmittag gerade mit dem Auto über die Insel Rügen, wo sie am Abend einen Vortrag halten wollte, als ihr Handy klingelte und sich nach Auskunft der Journalistin folgendes abspielte: Die Anruferin war die niedersächsische Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger. Sie müsse Röpke darüber informieren, dass das Landesamt zwischen 2006 und 2012 rechtswidrig Daten über sie gespeichert habe, sagte Brandenburger. „Natürlich denkst du in dem Moment, du bist im falschen Film“, sagt Andrea Röpke. „Aber nein, das ist die Realität.“

Die 47-jährige Reporterin lebt seit langem damit, ausspioniert zu werden. Aber bislang waren es die Neonazis, die sie observierten, ihr Foto und die Privatadresse im Internet veröffentlichten, auch mal zuschlugen. Denn seit gut zwanzig Jahren berichtet die freie Journalistin über rechte Extremisten, über die „braunen Mädels“ der Szene, über Nazi-Familien, die ihre Kinder „völkisch“ erziehen.

Sie hat viele Preise bekommen für ihre Reportagen und Bücher. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages befragte sie als Sachverständige zu den rechtsterroristischen Strukturen in Deutschland. Auch der Verfassungsschutz las und liest offenbar aufmerksam ihre Artikel – in vielen Berichten über rechte Aktivisten finden sich Verweise auf Röpkes Erkenntnisse.

Dass sie sich damit aber nicht nur Freunde beim Geheimdienst machte, besonders in ihrer niedersächsischen Heimat, das habe sie schon seit einiger Zeit mitbekommen, sagt sie. „Wenn ich in den letzten Jahren in Niedersachsen etwa von Bürgerinitiativen zu Vortragsveranstaltungen eingeladen wurde, dann hörte ich immer wieder, dass die Polizei sie vorher gewarnt habe“, erzählt Andrea Röpke. „Die stehe doch auf einer schwarzen Liste des Verfassungsschutzes, hätten die Beamten gesagt, die sei linksextrem und habe Umgang mit Autonomen.“

2012 habe sie daher ihren Rechtsanwalt Sven Adam damit beauftragt, beim Verfassungsschutz nachzufragen, ob dort eine Akte über sie geführt werde. „Aus dem Landesamt erhielt ich im Februar 2012 die Antwort, da gebe es nichts“, sagt Röpke. „Eine glatte Lüge, wie ich jetzt weiß.“

Und nicht nur das. Röpkes Anfrage war vermutlich auch Anlass für das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV), seine Akte der Journalistin klammheimlich zu vernichten. Wie auch die Dossiers von fünf weiteren Journalisten, die der niedersächsische Verfassungsschutz bis dahin überwachte. LfV-Chefin Brandenburger, seit letztem März im Amt, ist jetzt um Schadensbegrenzung bemüht. Die Journalisten seien vom Verfassungsschutz weder abgehört noch observiert worden, erklärte sie.

Andrea Röpke bezweifelt das. Sie glaubt vielmehr, dass sich der Verfassungsschutz auch für ihre Arbeit und ihre Informanten interessiert habe. „Meine Mitstreiter und ich hatten oft genug den Eindruck, dass die in Niedersachsen mehr hinter uns her sind als hinter den Rechtsextremen“, sagt sie. Das Angebot des Landesamtes für Verfassungsschutz, ihre Akte so weit es geht zu rekonstruieren, will die Journalistin annehmen. Sie will eine umfassende Aufklärung.