Der Machtkampf in der Ukraine hat sich ganz auf die Straße verlagert. Am Sonntag mobilisierte die Opposition Berichten zufolge mehr als Hunderttausend Demonstranten in Kiew. Der regierungskritische Sender 5. Kanal sprach von 700 000 Demonstranten. Sie forderten den Rücktritt von Präsident Viktor Janukowitsch, der am Freitag ein ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnet hatte.

Außerdem protestierten sie gegen die gewaltsame Auflösung einer prowestlichen Kundgebung auf dem Unabhängigkeitsplatz in der Nacht zu Sonnabend. Der Chef der oppositionellen Udar-Partei, Vitali Klitschko, rief dazu auf, die Nacht auf dem Unabhängigkeitsplatz zu verbringen. An diesem Montag sollen die Proteste vor dem Regierungssitz fortgesetzt werden.

Von der Polizei war am Sonntag zunächst wenig zu sehen. Rekruten der Truppen des Innenministeriums zogen sich Augenzeugen zufolge zurück, als die Menge über die Prachtmeile Chreschtschatyk auf den Unabhängigkeitsplatz strömte. Die Demonstranten entfernten Absperrungen. Vor der Präsidialverwaltung in der Bankowskaja-Straße griffen mit Stangen und Pfefferspray Bewaffnete eine Absperrung der Sonderpolizei an, die Tränengas und Blendgranaten einsetzte.

Ein Bulldozer fuhr nach Augenzeugenberichten wiederholt in die Reihen der Polizei. Mindestens 100 Beamte und 50 Demonstranten nach offiziellen Angaben verletzt. Der oppositionelle Abgeordnete Petro Poroschenko und wenige friedliche Demonstranten versuchten vergeblich, die Angreifer zu stoppen. Poroschenko nannte die Angreifer bezahlte Provokateure.

Janukowitsch laviert

Andere Demonstranten drangen in das Gebäude der Stadtverwaltung ein und besetzten das Gewerkschaftsgebäude am Unabhängigkeitsplatz. Dort wandten sich am Nachmittag die Anführer der Oppositionsfraktionen an die Presse. „Dies ist keine Kundgebung mehr und keine Aktion, dies ist bereits die Revolution“, hatte Ex-Innenminister Juri Luzenko zuvor schon verkündet. Die Opposition fordert Neuwahlen des Präsidenten und des Parlaments und will bis dahin einen Generalstreik durchführen. Ihre Führer forderten wiederholt zur Gewaltlosigkeit auf.

Unterdessen kamen widersprüchliche Signale aus der Kiewer Führung. Präsident Janukowitsch soll am Sonntagnachmittag eine Krisensitzung in seiner Residenz einberufen haben. Am Morgen hatte er erklärt, die Ukraine habe „ihre geopolitische Wahl getroffen“. Er werde „alles Mögliche tun, um den Prozess der Annäherung der Ukraine an die EU zu beschleunigen“. Bereits am Vorabend hatte Janukowitsch sich vorsichtig vom gewaltsamen Polizeieinsatz in der Nacht zu Sonnabend distanziert. Er forderte eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft. Premierminister Nikolaj Asarow hatte den Einsatz zuvor eine „Provokation“ genannt, die aufgeklärt werden müsse. Ermittlungen seien eingeleitet, beeilte sich Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka zu versichern. Kiews Polizeichef bat um seinen Rücktritt. Innenminister Vitali Sachartschenko ersuchte die Ukrainer gar um Verzeihung für den „übermäßigen Einsatz von Gewalt durch die Polizisten“.

Nun scheint auch der Rückhalt von Janukowitsch im Parlament zu bröckeln, wo sich die Regierungspartei bisher durch eiserne Fraktionsdisziplin auszeichnete. Mehrere Fraktionsmitglieder erklärten ihren Austritt, zuerst Inna Bogoslowskaja. Sie hatte sich bisher als Hardlinerin des Präsidentenkurses ausgezeichnet und war die Vorsitzende des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der den Vorwurf des Amtsmissbrauchs gegen Ex-Premierministerin Julia Timoschenko untersuchen sollte.

Räumung um vier Uhr morgens

Rätselhaft bleibt das Schicksal des mächtigen Chefs der Präsidialverwaltung. Am Sonnabend meldete eine Agentur, Sergej Ljowotschkin habe seinen Rücktritt eingereicht. Sie berief sich auf einen ungenannten Informanten. Die Nachricht blieb auch am Sonntag unbestätigt.

Sonderpolizei hatte am Sonnabend um vier Uhr morgens den Unabhängigkeitsplatz geräumt, an dem sich bereits seit zehn Tagen zumeist jugendliche Demonstranten versammelt hatten. Bei der gewaltsamen Räumung wurden mindestens 35 Personen verletzt, sieben mussten ins Krankenhaus. Diese Zahlen nannte der Rettungsdienst. Der Einsatz war mit dem Aufbau eines Weihnachtsmarktes samt Tanne begründet worden.

Die seit längerem andauernden Kundgebungen hatten neuen Zulauf erhalten, als Janukowitsch am Freitag mit leeren Händen von einem Gipfel in Vilnius zurückkam. Auf dem Treffen der EU mit Nachbarländern hätte ein längst ausgehandeltes Assoziierungsabkommen zur Schaffung einer Freihandelszone unterzeichnet werden sollen. Die EU hatte offenbar neue Zugeständnisse signalisiert. Janukowitsch rechtfertigte seine Haltung mit russischem Druck. „Seit dreieinhalb Jahren stehe ich ganz allein da, in ungleichen Bedingungen mit einem sehr starken Russland“, sagte er Bundeskanzlerin Merkel. Das ist auf Fernsehaufnahmen eines Empfangs zu hören, die das litauische Präsidialamt veröffentlichte.