DNEPROPETROWSK - Als der deutsche Spitzendiplomat Wolfgang Ischinger am vergangenen Donnerstag in Kiew vor die Presse trat, hatte er eine Warnung bereit. Ischinger, der für die OSZE drei „Runde Tische“ organisiert hatte, bat Regierung und Rebellen zunächst um eine Waffenruhe. Dann fügte er hinzu: „Aber meine Sorge ist, dass die Gewalt dann am Montag wieder aufflammt. Das würde die internationale Position der Ukraine und vor allem Gespräche mit Moskau erschweren.“ Genauso ist es gekommen.

Kaum haben die Ukrainer einen neuen Präsidenten gewählt, da ist es in der Millionenstadt Donezk zu Kriegsszenen neuen Ausmaßes gekommen. Von Regierungsseite hieß es am Montag, 200 „Terroristen“ seien allein in Donezk getötet worden, dagegen sei kein Soldat der Regierungsseite gefallen. Der Bürgermeister von Donezk sprach am Dienstag von 40 Toten, unter ihnen seien zwei Zivilisten. Reporter sahen in einem Leichenhaus der Stadt mehrere Dutzend getötete Kämpfer der Separatisten.

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Anhänger der „Volksrepublik Donezk“ hatten in der Nacht zu Montag den Flughafen der Stadt blockiert und einen Abzug der „ausländischen“ Truppen gefordert. Gemeint waren die ukrainischen Sicherheitskräfte, die sich seit Wochen auf dem Flughafen aufhielten. Bisher hatte die „Volksrepublik“ nur wenige Gebäude in der Innenstadt kontrolliert, der Alltag der Einwohner war davon wenig beeinträchtigt. Der Vorstoß der Separatisten auf ein strategisch wichtiges, gut geschütztes und abseits gelegenes Objekt zeugt von der Radikalisierung der prorussischen Kämpfer. Er erklärt zugleich die entschiedene Reaktion der Kiewer Regierung und die hohen Verluste, die die Angreifer erlitten.

Mit Kampfjets und Hubschraubern

Regierungstruppen setzten am Montag Kampfjets, Kampfhubschrauber und Fallschirmjäger ein. Zwei Truppentransporter der Rebellen wurden dabei getroffen. Auch am Dienstag waren in der Gegend um den Flughafen Schusswechsel zu hören.
Zu Schusswechseln kam es am Montag auch in der Hafenstadt Mariupol sowie in Slawjansk, der heftig umkämpften Rebellenhochburg im Norden des Donezker Gebiets. Dort ließ der Oberbefehlshaber der Rebellen, der Moskauer Offizier Igor Strelkow, außerdem zwei seiner eigenen Kämpfer hinrichten – wegen Plünderei und Entführung. Sogar ein formelles Todesurteil wurde veröffentlicht. Es stützt sich bizarrerweise auf eine Verordnung des Obersten Sowjets der Sowjetunion von 1941. Fälle von Plünderei und Entführungen von Zivilisten durch die Separatisten häufen sich auch in Donezk und Lugansk.

Unterdessen meldete die ukrainische Grenzpolizei, aus Russland seien Bewaffnete eingedrungen. Ein Konvoi habe am Montag nahe der Stadt Anthrazit die Grenze durchbrochen. Nach einem Gefecht seien Maschinenpistolen, Panzerbüchsen und Sprengstoff sichergestellt worden. Schon am Sonntag hatte die Grenzpolizei einen Konvoi von 40 Lastwagen hinter der russischen Grenze ausgemacht.

Unter den Kämpfern in Donezk wurden am Wochenende Männer aus dem Kaukasus gesichtet. Offensichtlich handelt es sich zum Teil um Tschetschenen. Einwohner der tschetschenischen Städte Gudermes und Grosny sind unter den Verletzten, berichtete der Bürgermeister von Donezk.

Wahlsieger drängt auf Tempo

Der Bürgermeister forderte die Einwohner auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Man werde von den „bewaffneten Seiten“ nicht informiert. Das war eine bezeichnend neutrale Formulierung. Tatsächlich hat die Regierung der „Volksrepublik“ offenbar gute Kontakte zum Rathaus. Der Premier der Volksrepublik – ein Moskauer Politik-Berater – geht dort ein und aus, heißt es aus informierter Quelle. Und die Chefredakteurin der offiziellen Zeitung der Stadtverwaltung war bis vor kurzem zugleich Sprecherin der Separatisten.

Der Sieger der Präsidentschaftswahlen, Petro Poroschenko, hat bereits am Montag erklärt, die „Anti-Terror-Operation“ müsse schneller und effektiver geführt werden. Die Operation „kann und wird nicht zwei bis drei Monate dauern. Sie soll und wird Stunden dauern“, sagte er. Über die Stundenfrist ist man längst hinaus, auch am Donezker Flughafen. Er ist wieder unter Kontrolle der Regierungsseite, sagte der Innenminister. Doch haben sich Kämpfer der „Volksregierung“ ins Wohnviertel daneben zurückgezogen.

Das russische Außenministerium kommentierte die Kämpfe um den Flughafen am Montag in gewohnter Weise. Man sei beunruhigt über die „Handlungen der ukrainischen Sicherheitskräfte und die Schließung des Flughafens“, sie erschwere das Ausfliegen des Leichnams eines russischen Journalisten. Von den Handlungen der prorussischen Rebellen ist in der Stellungnahme nicht die Rede.