Ukraine-Konflikt : Was die Revolutionäre des Maidan umtreibt

Kiew - Vitali Klitschko hat aufräumen lassen. Stundenweise packte der Kiewer Bürgermeister selbst mit an auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, um die Spuren der Tribüne, der Zeltstadt und der Barrikaden aus dem letzten Winter zu beseitigen. Es ist gründlich gelungen, alles schaut wieder ordentlich aus. Der Blattgoldbelag des Unabhängigkeitsdenkmals leuchtet frisch, die blauen Lichtkuppeln des unterirdischen Einkaufszentrums sind blank gewienert, die Fußwege vor den Luxusgeschäften an der Hauptstraße sauber gekehrt, der Autoverkehr rollt sechsspurig.

Die Botschaft ist klar: Die Revolution ist vorüber. An sie erinnern lediglich noch zahlreiche Blumengebinde und Bilder von jenen, die ums Leben kamen, als die Elitepolizisten des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch in die Menge schossen. Wenige hundert Kilometer östlich herrscht Krieg, doch die Kiewer sind in ihrem Alltag zurück. Sie hasten blicklos an den Kiosken vorüber, in denen Erinnerungen an die dramatische Zeit vor ein paar Monaten angeboten werden. Allein Touristen delektieren sich an den Plakaten, Postkarten und an den T-Shirts mit vulgären Putin-Schmähungen für umgerechnet sieben Euro.

Vor einem harten Winter

Die Rückkehr zum Alltag der Millionenstadt war eines der Versprechen, mit denen sich Boxweltmeister Klitschko zum Bürgermeister wählen ließ. Es sieht so aus, als hätte er es gehalten. Doch so einfach ist es nicht mit der Normalisierung, das wird schon wenige hundert Meter abseits vom Maidan erkennbar. Auf einem Hinterhof in der Nähe der Sophien-Kathedrale hat die Initiative Wostok-SOS Büroräume angemietet.

Wostok meint jene Gegend, in der der Krieg tobte und seit kurzem ein brüchiger Waffenstillstand herrscht – es meint die Region im Osten, aus der Zehntausende Flüchtlinge nach Kiew gekommen sind. Ihnen zu helfen ist das Ziel der zivilgesellschaftlichen Organisation im Kiewer Zentrum. Wostok ist ein russisches Wort, das ukrainische dafür ist S’chid. Aber im Alltag sprechen nun einmal vier von fünf Kiewern Russisch. „Dass die Ursache des Konfliktes im Osten die Unterdrückung der russischen Sprache sei, ist völliger Unsinn. Es ist Kriegs-Propaganda“, sagt Natascha Udorenko.

Die 29-Jährige war Ende November vergangenen Jahres auf dem Maidan dabei. „Da ging es gar nicht um einen Umsturz“, erinnert sie sich. Präsident Janukowitsch sollte mit spontanem Protest lediglich gezwungen werden, sein Wort zu halten. Kurz vorher hatte er sich geweigert, den Assoziierungsvertrag mit der EU zu unterzeichnen. Der Druck der Straße sollte ihn nötigen, seine Entscheidung zu revidieren.

„Im Westen mag es ziemlich absurd erscheinen, dass jemand für die EU demonstriert“, sagt Natascha Udorenko. Die junge Frau hat Innenarchitektur in der Ukraine studiert und sie hat in Westeuropa gearbeitet. Sie sei frei von Illusionen über die Institution EU, versichert sie. Aber auf der anderen Seite sei sie auch überzeugt, dass ihr Land nur vorankomme, wenn es sich nach Westen öffne.

Dieser Tage geht es weniger um große Hoffnungen, als um kleine Schritte. Der Winter steht vor der Tür und allein in Kiew sind 30000 Flüchtlinge offiziell gemeldet. Tatsächlich gebe es aber vier bis fünfmal so viele, meint Natascha Udorenko. Mit den Zahlen muss man jedoch vorsichtig sein. Sie sind fester Bestandteil der ukrainischen wie der russischen Kriegsführung. Jede Seite versucht, die andere zu überbieten. Wenn die Ukraine 500´.000 Flüchtlinge im Lande meldet, kontert die russische Migrationsbehörde: „Wir haben eine Million aufgenommen.“