In seinem Buch "Cool" hat sich Ulf Poschardt einem fast schon vergessen geglaubten Thema der Poptheorie zugewandt: der Coolness. Im großen historischen Bogen verfolgt er die Geschichte des Begriffs und der dazugehörigen Phänomene durch das vergangene Jahrhundert hindurch; dabei will er Coolness gleichermaßen als Distinktionsstrategie und Signal eines allgemeinen Nicht-einverstanden-Seins wieder diskursfähig machen.Herr Poschardt, es gilt als cool, etwas zu wissen oder zu besitzen. Bestimmte Produkte werden als cool beworben. Was hat das PR-Cool mit dem Dennoch-Cool zu tun, das im Zentrum ihres "Cool"-Buches steht? Von der umgangssprachlichen Benutzung hat sich Cool in meinem Buch weit gehend abgekoppelt, findet jedoch immer wieder dahin zurück. Das Cool, das überall in der Werbung anzutreffen ist, hat kaum noch etwas zu tun mit dem Dennoch in meinem Text. Die Nutzung des Begriffs in den Medien ist Ergebnis einer Abkühlung: er ist bis zur Idiotie verkümmert. Gerade deshalb hat er die Chance, einem wieder ans Herz zu wachsen. Die Idee dahinter ist fast romantisch: "Cool" müsste wieder cool werden dürfen. Uncool ist es längst.Die Grundidee von "Cool" war, die Strategien des Cool als Reaktion gesellschaftlicher Kälteerfahrungen wie als deren Ursache vorzustellen. Die kausalen Verknüpfungen und Verschränkungen weisen immer in beide Richtungen: an die Schauplätze, wo ein cooler Stil Leid - entstanden durch gesellschaftliche Kälte - minimieren will, ohne sich nach Wärme sehnen zu müssen; und an jene Schauplätze, wo Coolness zwischenmenschliche Wärme und emotionale Erhitzung abkühlen will. Eine Ästhetik des Cool erkennt in der Kälte der Gesellschaft ihr eigenes Schreckensgesicht, ihren traumatischen Kern und wird seiner selbst ungewiss bis in die innerste Fiber, ohne die Form zu verlieren. Das ist die Leistung des Cool. Bei der Lektüre fühlt man sich häufig an diese suggestiven Greil-Marcus-Reisen erinnert. Bestimmten Assoziationsreihen stimmt man unmittelbar zu, kann liegen gebliebene Fäden weiterknüpfen (Beispiel: von James Dean zu Cronenbergs "Crash"). Mitunter überraschen offensichtliche Lücken: das Fehlen von Nadolnys "Schrecken des Eises" oder Heiner Müllers öffentliche Persona. Wie erarbeiten Sie Ihre Texte?Das Bild stimmt: Bewegungen als Spuren des Werdens von Begriffen und Ideen sind für zeitgenössische Theorie zwingend. Sie sind "sanft" in eine Kultur eingeschrieben, die uns vertraut erscheint, aber bei der wir oft vergessen, auf Dinge zu blicken, die direkt vor unseren Augen und Ohren stattfinden. Persönliche Vorlieben spielen auch eine Rolle. Spannender sind aber die Momente, an denen man sich Dingen hingibt, die einem bisher fremd waren, die der Logik des Textes folgend aber bedacht werden müssen. Jazz war für mich ein solch dunkles Feld. Jetzt liebe ich Coltrane und vor allem Chet Baker.Wie wichtig war Helmut Lethens "Verhaltenslehre der Kälte"?Außerordentlich wichtig. Ohne seine Vorstudien hätte mein Text so selbstverständlich nicht entstehen können. Bei Lethen wollen als Subtext die siebziger Jahre mitgedacht werden, in denen die Kälte stalinistischer oder RAF-Praxis gegen die Wärme des Marsches durch die Institutionen oder die Regression in der Landkommune stand. Bei Ihnen sind die Siebziger jenseits von Punk und New Wave merkwürdig absent. Wir müssten jahrelang über all das sprechen, was in dem Text absent ist. Das Dispositiv an Wissen, das jede Generation von Theoretikern mit sich schleppt, konstruiert Nebentexte. Bei Lethen mag dies eine deutlich andere Erfahrung gewesen sein als bei jemandem, der im Nachkriegswohlstand der BRD aufwächst und die eigene Geborgenheit im Reihenhaus als Privileg wie Stigma empfindet. Jedoch ist der Text komplexer als das Ich des Autors, das nur mühsam von Buchstaben zusammengehalten wird.Stichwort: Joy Division, von denen auch das Motto ihrer Studie stammt. Sie sind 1967 geboren, waren noch jung, als Joy Division 1977 die Szene betraten. Andererseits blieb Joy Division nach der Auflösung der Band ästhetisch für die Musikwelt doch eher folgenlos (abgesehen vom Mythos). Was interessiert Sie an den uncoolen Joy Division? "Love will tear us apart" habe ich als sehr junger Mensch, pubertierend und von Seelennöten geplagt, gehört - es hat mich sprachlos gemacht wie kaum ein Stück Popmusik zuvor. Ohne erahnen zu können, warum Liebe Menschen auseinander reißen sollte, habe ich das Stück wieder und wieder gehört, in der festen Zuversicht, irgendwann einmal zu verstehen, warum dieses Stück so klingt, wie es klingt. "Cool" ist der Beweis, dass ich es noch immer nicht herausgefunden habe. Joy Division immer neu misszuverstehen funktioniert nur deshalb, weil es in dem Werk der Band mehr Substanz, mehr Widerstrebendes und Unversöhntes gibt als in vergleichbaren Platten der Zeit. Die fast dialektische Aufhebung von Joy Division in - was für ein Name übrigens - New Order: für einen systemverliebten Hegel-Leser ein zu verlockendes Häppchen, um es nicht zu schlucken. Dass ich nach Jahren intensiver Beschäftigung mit New Wave noch eine Gänsehaut bekomme, wenn ich das Video mit Ian Curtis sehe, deutet darauf hin, dass die stetige Auseinandersetzung mit dem Song diesem nichts von seiner gespenstischen Aura gestohlen hat. Die Vorstellung, in Curtis Gesicht Spuren des nahen Freitods zu erkennen, habe ich wie besessen verfolgt. "Cool" ist, kitschig verknappt, rund um die Lektüre dieses Stückes - auf Platte, als Video und beim Konzertausschnitt - entstanden.Wie steht es um die Historizität von Cool? Ist der Helnwein-James-Dean, der sich im Porsche totfährt, diese öffentliche Persona, cooler als der greinende Widerständler gegen die bürgerliche Kleinfamilie, den er zumindest in zweien seiner drei Filme verkörpert? Schiebt sich hier ein Bild vor ein anderes? Und was bleibt dann für die historische Rekonstruktion als cool aktualisierbar? Galt vielleicht Dean 1955 gerade deshalb als cool, weil er so uncool agierte?Interessant wäre, ob man nicht nur die Wut und das Schreien interessant fand, sondern vor allem die stilisierte und im klassischen Sinne hippe Form dieser Emotion toll fand. Schon zu Deans Lebzeiten waren öffentliche Persona, Rollen und vermeintlich Authentisches nicht mehr zu trennen. Sein Leben war von innen wie von außen auf Stilisierung angelegt. Es war Prototyp einer neuen Beschleunigung, durch die Tod und Selbstmord nicht mehr unterschieden werden konnten. Ein wichtiges Thema des Buches sind die Absterbeprozesse, die Mortificationes. Dass man versuchen kann, deren Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, hat Dean vorgemacht. Dass Stilisierung im coolen Sinne vor allem gezielte und präzise Selbstzerstörung ist, konnte bei ihm in der populärsten Variante studiert werden. Aber die damit in den Raum gestellte Herausforderung war richtig: Wem es gelingt, eine Vielzahl der Mortificationes zu steuern und sie souverän zu beschleunigen bzw. zu verlangsamen, kann sich von den durch Macht (Politik, Medien, Kulturindustrie) figurierten, zwanghaften, nicht gewählten Absterbeprozessen emanzipieren. Dass man dafür einen hohen Preis zahlt, ist unzweifelhaft: Die Befreiung muss möglicherweise auf Kosten der Freiheit versucht werden. Ian Curtis hat dies in der unendlich depressiven Variante neu unternommen. Düsterer und pessimistischer als alle Ikonen des "Cool" zuvor, ist er eine Figur fataler Ernüchterung: inmitten des Kalten Krieges, nach der Enttäuschung durch Punk, in einer verregneten englischen Stadt.Wie politisch muss "Cool" sein?"Cool" verdankt seinen politischen Grundzug der Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Gewalt, mit der psychische Systeme wie Körper diszipliniert und kontrolliert werden, offenbart sich am eindrücklichsten in den Wunden, die es zu entdecken gilt. Unsere Kultur hat diese Wunden sichtbar gemacht. "Cool" als Text versucht sich darin, nicht nur die Schreie des Schmerzes, sondern vor allem das Herunterschlucken des Schmerzes - aus Eitelkeit, aus Stolz, aus Angst, aus Wut, aus Würde - hörbar zu machen. "Cool" ist die Geschichte der Panzerungen, die sich Menschen anlegen, um die Gewalt der Politik, der Medien, der Kultur, der Metaphysik, die Körper und Bewusstsein malträtieren, abzuwehren.Schön dialektisch - der letzte Satz der Studie: "Dass die Freiheit, als neuzeitliches Megaphantasma, dabei klein geträumt werden muss, ist die Rache der Geschichte an ihrem liebsten Kind." Ich bitte um Aufklärung dieser (geschichtsphilosophischen?) Perspektivierung!Herr Kriest, es gibt keine Aufklärung. Sie haben es geahnt. "Cool" ordnet unsere jüngste Geschichte als Archiv unserer emotional culture, als ein Museum voller Panzerungen und Schutzschilde, mittels derer Menschen verzweifelt versuchen, das Eigene ihres Selbst zu schützen, ohne zu wissen, ob es dieses Eigene überhaupt gibt. So kündet das Ende des Buches von der inneren Zerrissenheit, deren Hoffnung in einer Trostlosigkeit gründet, die Energie für Befreiungsschläge produzieren kann. Die gute Nachricht ist: Zerrissenheit deutet an, dass Dinge in Bewegung sind. Dass die Suche nach einem Happyend bescheiden anzufangen hat, ist der Stabilität unserer gegenwärtigen Zivilisation geschuldet. Aber es ist ein Anfang. Cool heißt, nicht aufgeben, nicht aufhören, weitermachen. Mit möglichst wenig Illusionen. Dieses große Dennoch meint "cool". Dieser Impuls hält das Buch, fast paradox zuversichtlich. Dass dieses Dennoch konstant bedroht ist, wird nicht geleugnet.Gibt es derzeit eine öffentliche Figur oder Haltung, der Sie instinktiv das Prädikat "cool" zuweisen würden?Spontan: Michael Schumacher. Ein großartiger Rennfahrer, ein kühler Kopf! Und gleichzeitig: was für ein unbeholfener Klotz! Wenn das Arbeiten mit Begriffen in der Theorie immer experimentell sein soll, dann wäre jetzt eine große Herausforderung: herausfinden, was an diesem Typ cool ist.Aufgeschrieben von Ulrich Kriest.AUS: PETER PUCK, "ALLE LIEBEN RUDI". HEINZELMÄNNCHEN VERLAG, STUTTGART 1987 Verhaltenslehre der Kälte: Westdeutsche Jugendkultur, ca. Mitte der Achtzigerjahre.AP/MARTIN FENGLER Ulf Poschardt: Cool.Rogner & Bernhard b. Zweitausendeins. Hamburg 2000.440 S. , 32 Mark