MÜNCHEN. Was bleibt, sind die Zahlen, vor allem die Zahlen. Karl Hopfner, ein grauhaariger Mann mit Bankdirektoren-Ausstrahlung, wird an diesem Freitagabend ans Rednerpult treten, und dann wird er, der Finanzchef des FC Bayern München, die Zahlen vortragen, etwas monoton vermutlich und sehr sachlich. Es wird um Dinge wie Umsatz, Gewinn und finanzielle Rücklagen gehen. Und Uli Hoeneß wird ein paar Meter neben ihm sitzen und zuhören, vielleicht wird er ein wenig lächeln. Er wird stolz sein, verdammt stolz.Uli Hoeneß, 57, nur seine Frau nennt ihn "Ulrich", Studienabbrecher aus Ulm, hat in seinem Leben viel geleistet, das beeindruckend ist, und es liegt natürlich auch an diesen Zahlen, dass Geschichten über ihn in diesen Tagen immer auch ein wenig Pathos enthalten, ein wenig Heldenhuldigung. Zwölf Millionen Mark und dreihundert Millionen Euro, das sind zum Beispiel zwei Zahlen, die das berufliche Wirken von Uli Hoeneß gut umreißen. Die eine beschreibt den Jahresumsatz des FC Bayern 1979, dem Jahr, als Uli Hoeneß Manager des FC Bayern wurde. Die andere den Jahresumsatz 2008.Die Zahlen sind sein Lebenswerk. Aber sonst? Der FC Bayern ist ein Klub, der eine Fußballmannschaft in der Bundesliga stellt, elf Männer auf grünem Rasen, eine ganz einfache Sache eigentlich. Doch so einfach ist die Sache ja dann eben doch nicht. Man ist sich nicht sicher, was neben den Zahlen bleibt, wenn Uli Hoeneß an diesem Freitagabend bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern vom Vorstand der AG und dem Manageramt ins Ehrenamt wechselt, nach 30 Jahren. Er wird Präsident des FC Bayern, Nachfolger von Franz Beckenbauer.Am Herd mit BreitnerUli Hoeneß hat neulich sinngemäß gesagt, er wisse wohl, dass er gerade sein Lebenswerk aufs Spiel setze, aber das sei ihm nicht wichtig. Ein seltsamer Satz ist das. Ein Satz, der vielleicht zeigt, wie viel gerade durcheinander geht. Bei Hoeneß und beim FC Bayern.Uli Hoeneß hatte immer ein recht bewegtes Leben, aber wohl kein Jahr war so turbulent wie sein letztes als Manager. Erst die Episode mit Jürgen Klinsmann, nun das Problem mit dem autoritären Louis van Gaal. Manchmal schien es, als habe Hoeneß nicht mehr die Kontrolle über den FC Bayern. Er ist es aber gewöhnt, die Kontrolle zu haben, in fast jeder Mannschaft, in der er gespielt hat, war er der Kapitän.Sein Leben wurde schon oft beschrieben, auch, weil es viel zu bieten hat. 1970 wechselte Uli Hoeneß von der TSG Ulm zum großen FC Bayern, ein Jahr später absolvierte er die Abiturprüfung (Notenschnitt 2,4). In München bewohnte er drei Jahre lang eine WG mit dem Mannschaftskollegen Paul Breitner, es gibt Fotos aus dieser Zeit, in denen Hoeneß und Breitner am Herd stehen, mit Kochschürzen.1973 dann heiratete Hoeneß die Zahnarzthelferin Susanne Martin, die er während seiner Zeit als Schülersprecher des Ulmer Schubart-Gymnasiums kennengelernt hatte, sie gab ihren Job für ihn auf, ihm den Rücken freizuhalten war ja schon ein Vollzeitjob. "Man kann nicht die Frau von Uli Hoeneß sein und noch arbeiten", sagt sie.Es folgten erfolgreiche Jahre mit dem FC Bayern und der Nationalmannschaft, Europameister, Weltmeister und Europapokalsieger der Landesmeister, die Titelsammlung von Uli Hoeneß ist durchaus beeindruckend. Doch dann kam das abrupte Ende: Wegen Knieproblemen musste Hoeneß seine aktive Laufbahn schon fünf Jahre später beenden. Da wurde er Manager, und das Leben von Uli Hoeneß ging nun eigentlich erst richtig los.Er überlebte zwei Flugzeugabstürze, einen 1981 auf dem Weg von Bologna nach München, den anderen 1982 über Hannover. Bei letzterem war Hoeneß der einzige Überlebende, der Absturz war damals groß in den Schlagzeilen - Hoeneß überlebte nur, weil er nicht angeschnallt hinten rechts in der Propellermaschine saß und von dort herausgeschleudert wurde. Die anderen drei Insassen wurden später tot auf ihren Sitzen eingekeilt aufgefunden. Weil Hoeneß bei beiden Unglücken zum Zeitpunkt des Absturzes schlief, hat er keine Traumata erlitten, er besteigt auch heute wieder Flugzeuge. Und ist es nicht beeindruckend, wenn einer seinen eigenen Tod verschläft?Im Herbst 2000 folgte die sogenannte Kokain-Affäre, auch so ein Moment, der im Rückblick auf das Wirken von Uli Hoeneß im Gedächtnis bleibt. Hoeneß beschuldigte damals den designierten Bundestrainer Christoph Daum des Kokainkonsums, Daum stritt alles ab, und Hoeneß sagt, das sei die schwierigste Phase in seiner Karriere gewesen. "Ich hatte Hunderte von Hassbriefen auf meinem Schreibtisch, das war zum ersten Mal eine Situation, in der ich dachte, ich schaffe das nicht." Dann aber ließ Daum sich zu einer Haarprobe drängen, der Test fiel positiv aus, und Daum musste alles zugeben.Uli Hoeneß hat damals offen ausgesprochen, was in der Branche vielen bekannt war. Glaubt man denen, die ihn schon viele Jahre kennen und begleiten, Freunde, ehemalige Mitspieler, dann ist Uli Hoeneß schon immer so gewesen, selbstbewusst, unverhohlen. Ein Macher, so sagt man.Gerade ist eine Biografie über ihn erschienen, sie trägt den Titel "Hier ist Hoeneß!", weil sich Uli Hoeneß meist so meldet, wenn er zum Beispiel in den Zeitungsredaktionen anruft. Das Ausrufezeichen betont er dabei besonders, weil Ausrufezeichen betonen eine seiner Stärken ist. In dem Buch wird ein Kindheitsfreund von Hoeneß zitiert, ein gewisser Kurt Stark, der erzählt, wie sie als Zwölfjährige im Hinterhof des Hoeneßschen Elternhauses öfter Hockey spielten und dazu gerne den Spazierstock von Opa Hoeneß nahmen. Wenn der aber spazieren gehen wollte, befahl der kleine Uli: "Opa, wir spielen jetzt. Du wartest noch."Es gibt viele solcher Anekdoten, sie alle beschreiben Uli Hoeneß als einen Menschen, der nicht nur konkrete Vorstellungen hat, sondern sie auch umgehend durchsetzt. Die Sache mit Ludwig Kögl zum Beispiel: Als Hoeneß den talentierten Fußballer aus der bayerischen Gemeinde Penzberg zum FC Bayern holen wollte, das war in den 80er Jahren, da fuhr er gleich selbst nach Penzberg, um mit dem Bürgermeister zu verhandeln, denn Kögl war Angestellter der Stadt Penzberg. Hoeneß war damals noch in den Anfangsjahren als Manager, und als die Verhandlung zu Ende war, musste Kögl nur noch sieben statt acht Stunden am Tag in Penzberg arbeiten, und der FC Penzberg bekam ein Freundschaftsspiel gegen den FC Bayern.Und an der Säbener Straße, der Heimatadresse des FC Bayern, erzählen sie gerne, wie Uli Hoeneß vor ein paar Monaten Mehmet Scholl in sein Büro rief. Scholl, der langjährige Spieler des FC Bayern, war gerade Trainer der zweiten Mannschaft geworden, und weil er sich bei den Spielen stets kleidete, wie er ist, leger, lässig, mit über der Hose hängenden Hemden und mit Turnschuhen, wies ihn Hoeneß zurecht: Mehmet, das geht nicht, ab heute trägst du das Hemd in der Hose. Scholl gehorchte. Er trägt jetzt manchmal Pullunder.Die direkte, unbürokratische Vorgehensweise ist das Erfolgsgeheimnis von Uli Hoeneß, so könnte man das sehen.Aber die Leute sagen auch oft, Uli Hoeneß polarisiere, und das stimmt. Er hat viele Pole. Es ist diese Art, die Hoeneß sympathisch macht, einerseits. Weil er handelt, nicht diskutiert, nicht nur, was den Fußball betrifft. Als an der Münchener S-Bahn-Haltestelle Solln Dominik Brunner erschlagen wurde, hielt Hoeneß kurz darauf eine ergreifende Rede vor 69 000 ehrfürchtig schweigenden Zuschauern in der Arena, und dann rief er eine Stiftung ins Leben, deren Vorsitzender er ist. Der Initiative "Münchner Courage" schlossen sich später die Kirchen, die Polizei, die Stadt und das bayerische Innenministerium an.Andererseits lässt ihn seine unverblümte Art oft als kompromisslosen Patriarchen erscheinen, der nicht nur seine Meinung offen vertritt, sondern sogar beratungsresistent ist.Als Philipp Lahm kürzlich in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung offen ansprach, was gerade falsch läuft beim FC Bayern, geriet Hoeneß derart in Rage, dass er zuerst vor den Reportern ein paar wenig charmante Sachen über Lahm sagte und dann in einem Interview mit der Zeit gegen diejenigen wetterte, die es wagten, den FC Bayern zu kritisieren, ja, überhaupt gegen alle, die irgendwen kritisierten: "Ist Ihnen aufgefallen, dass Piotr Trochowski beim Hamburger SV neuerdings auch Kommentare abgibt? ,Wir sind in der Breite nicht gut aufgestellt' und so weiter. Der kann normalerweise keine zwei Sätze geradeaus sprechen, und jetzt spricht er über Fußballpolitik!" Hoeneß entschuldigte sich später bei Trochowski, aber der Eindruck blieb: Uli Hoeneß hat sich manchmal nicht im Griff.Uli Hoeneß selbst sagt, wenn er explodiere, folge er oftmals einem kühlen Plan. Vor allem dann, wenn es nicht gut läuft beim FC Bayern, sind Gefühlsausbrüche häufig zu beobachten. Glaubt man Hoeneß, dann macht er das mit Absicht. Dann zieht er durch seine Aufwallungen bewusst die Kritik auf sich, damit seine Mannschaft in Ruhe gelassen wird. Das funktionierte zuletzt nicht mehr so gut. Weil man Gefühlsausbrüche eben doch nicht so kontrollieren kann. Sonst wären es ja keine Gefühlsausbrüche.2007, bei der Jahreshauptversammlung, beschimpfte Hoeneß wild gestikulierend die eigenen Fans, weil ihn einer von ihnen mit einer gewissen Süffisanz angegriffen hatte. Die Videos und Fotos von diesem Augenblick, der hochrote Hoeneß mit ausgebreiteten Armen vor einer großen, roten Wand, gehören jetzt zur Zeitgeschichte im deutschen Fußball.Uli Hoeneß hat den FC Bayern nicht nur geprägt, er hat ihn neu erfunden. Als er 1979 im Alter von 31 Jahren Manager des Klubs wurde, war das im Grunde ein logischer Schritt. Hoeneß hatte sich ja schon immer für die Kaufmannsarbeit interessiert, hat sich auf eigene Faust Sponsorenverträge besorgt, und das in einer Zeit, in der Sponsorenverträge etwas weitgehend Unbekanntes waren. Bei Freundschaftsspielen hatte der damalige Trainer Dettmar Cramer bisweilen, wenn es um die Abrechnung ging, zu den Veranstaltern gesagt: "Meine Herren, ich lass Ihnen den Uli hier." 1979 waren die einst so erfolgreichen Bayern ein Klub im Umbruch, die Ära des genialen Fußballers Beckenbauer endete, der FC Bayern hatte fast zwei Millionen Mark Schulden, die Zukunft schien schwierig zu werden. Dann kam Hoeneß.Er besorgte dem FC Bayern gute Sponsoren, entdeckte das Feld des Merchandisings, während einer Amerika-Reise sah er, wie die Leute dort Tassen, Bettwäsche und Kugelschreiber mit den Klublogos kauften. Dass der FC Bayern heute als einer der reichsten Fußballklubs der Welt gilt, ist vor allem Hoeneß zu verdanken.Der Verein ist mit den Jahren eine Art Familienunternehmen geworden. Auf allen möglichen Posten finden sich ehemalige Mitspieler und Kollegen des Managers. Hoeneß hat den FC Bayern immer als seine Firma verstanden, für die er alles tut, für die er auch leidet. Anfangs war noch nicht klar, dass es einmal so gut laufen würde, finanziell gesehen, deshalb hat er als Absicherung eine Wurstfabrik gegründet, die heute drei Millionen Rostbratwürste täglich produziert. Ein erfolgreiches Unternehmen, in dem es auch recht familiär zugehen soll, was früher wahrscheinlich nur bedeutet hat, dass er auch da der unumschränkte Chef war.In der Wurstfabrik hat Uli Hoeneß die Geschäfte vor längerer Zeit an seinen Sohn Florian übergeben; er ruft zwar mehrmals täglich an, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, der Chef aber ist jetzt sein Sohn. Beim FC Bayern dagegen ist Uli Hoeneß weiterhin der Chef, und deshalb ist der FC Bayern so, wie Uli Hoeneß ist: familiär, selbstbewusst - aber eben auch schon bald im Rentenalter.Ein bisschen ist es wie damals, 1979: Der Verein ist im Umbruch, die Erfolge sind nur noch Vergangenheit. Der Champions-League-Sieg 2001 ist acht Jahre her, 2009 sind sie Tabellensiebter und glücklich über ein 1:0 gegen den israelischen Meister Maccabi Haifa, und der Trainer, der Niederländer Louis van Gaal, steht kurz vor der Entlassung, obwohl er erst vor vier Monaten verpflichtet worden war. Nur die Geschäftszahlen stimmen jetzt, das ist das Vermächtnis von Uli Hoeneß."Es wird sich nicht viel ändern"Aber was heißt das schon, Vermächtnis? Gewiss, Uli Hoeneß zieht sich zurück, er hört auf als Manager, wird Präsident. Die Frage nach dem Warum ist in dem ganzen Trubel um den FC Bayern in den vergangenen Wochen untergegangen, wahrscheinlich deshalb, weil sie doch irrelevant ist. Der Rückzug von Uli Hoeneß ist in Wahrheit keiner, "es wird sich an meiner Arbeit nicht viel ändern", das hat Uli Hoeneß am Mittwochabend gesagt, nach jenem sonderbar stolpernd zustande gekommenen 1:0 in der Champions League gegen Haifa.Kurz vorher hatte sein Nachfolger gesprochen, Christian Nerlinger, der ehemalige Bayern-Spieler, auch einer aus der Familie. Nerlinger hatte gesagt: "Sie können sicher sein, dass er auch nach Freitagabend nicht weg sein wird", dann hat er gelächelt und ist gegangen. Christian Nerlinger ist nicht zu beneiden: Er wird nie ohne den Schatten von Uli Hoeneß arbeiten können, und Uli Hoeneß wirft einen großen Schatten.Wenn an diesem Freitagabend also der Tagesordnungspunkt sechs aufgerufen wird, "Wahl des Präsidenten", dann wird keine Ära zu Ende gehen. Es sei ihm egal, sagt Hoeneß, welchen Titel er trage, darauf lege er keinen Wert. "Auf meiner Visitenkarte stand nie: Uli Hoeneß, stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Sondern nur: Uli Hoeneß, FC Bayern München. Und das wird auch so bleiben."Womöglich sind ja doch nicht die Zahlen sein eigentliches Vermächtnis. Es ist, noch vor allem anderen, diese Visitenkarte, die bleibt: Uli Hoeneß, FC Bayern München.------------------------------SZENEN EINES LEBENSFoto: 1972 war Uli Hoeneß Mittelfeldspieler der deutschen Nationalmannschaft.Foto :Februar 1982. Hoeneß liegt nach einem Flugzeugabsturz im Krankenhaus.Foto: Mai 2001: Die Mannschaft feiert den Champions- League-Sieg in Mailand.Foto: Uli Hoeneß sagt, der Verein sei für ihn wie eine große Familie - was eigentlich nur bedeutet, dass er der Chef ist.