Victor Debuisson ist ein Würstchen, das lieber in einer ungerechten Welt lebt, statt zu sterben für eine gerechte. Ein Hamlet, der zwar schön denkt, viele Worte darum macht, aber schließlich lieber nichts tut. Seine Gefährten enden am Galgen und im Wundfieber, und Debuisson spricht wie ein mittelständischer Unternehmer von der Revolution: "Was glotzt ihr. Unsre Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott. Die Ware, die wir zu verkaufen haben, zahlbar in der Landeswährung Tränen Schweiß Blut, wird auf dieser Welt nicht mehr gehandelt." Debuisson tritt, nachdem er Jamaika befreien wollte, sein Erbe von 400 Sklaven an und fängt an, die Karibik schön zu finden. Er ähnelt uns Erste-Welt-Bürgern, denkt aber höhergradig: Dass man töten müsse, bevor man verraten wird oder getötet werden wollen müsse, bevor man verrät. "Lasst mich nicht allein mit meiner Maske, die mir schon ins Fleisch wächst und es schmerzt nicht mehr. Ich fürchte mich vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein." Keine Angst, Debuisson, schon diese Furcht ist Luxus und wegen der Unmöglichkeit des Glücks völlig unbegründet.Heiner Müller hat sein Stück "Der Auftrag" zweimal selber inszeniert: 1980 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und 1982 am Bochumer Schauspielhaus. Zweimal mit Jürgen Holtz als Debuisson, die FAZ-Kritikerin Sibylle Wirsing schrieb damals von "Heiner Müller, der die großen Worte der Menschheit bis oben mit Trauer anfüllt, und Jürgen Holtz, der diese randvollen Behälter so behutsam wie sakrale Objekte an die Zuhörer weitergibt." Die Behälter sind umgekippt am letzten Freitag, dem 75. Geburtstag von Heiner Müller, die Worte waren immer noch groß, aber leer. Pustekuchenpathos, langweilig oft, peinlich zuweilen. Der Kameraschauspieler Herbert Knaup steht blass und krummrückig auf der riesigen Bühne der ehemaligen Freien Volksbühne, die schusssichere Weste ist ihm vor den Schritt gerutscht, bis kurz unter den Brustkorb reicht eine Bundjacke aus Flickenleder, solche haben sich die DDR-Bürger nach Erhalt ihres Begrüßungsgeldes (einhundert Deutschmark) wie auf Befehl gekauft. Knaup, Victor Debuisson darstellend, einen Emissär des französischen Revolutionskonvents, steckt sich kleine Schnipsel von hoffentlich chlorfrei gebleichtem Kopierpapier in den Mund, so als handelte es sich um angegammelte Anchovis-Oliven. Auf dem Papier steht die Nachricht, dass Napoleon in Frankreich herrscht, dass die Revolution im Stammhaus vorbei ist. Jetzt geht auch das Licht in der Aufruhr-Filiale Jamaika aus, wo, anders als geplant, die Sklaven Sklaven und die Herren Herren bleiben werden. Alles auf Anfang.Anders als seine Kampfgenossen, der Bauer Galloudec und der Sklave Sasportas, hat Debuisson die Wahl, wozu er gehören möchte: zu denen, die lachen, oder zu denen, über die man lacht. Der Bürger Debuisson ist zum Verräter der Revolution geworden. Und weil Müller Stofflichkeit und Bedeutung von Zeichen straff zusammenzuknoten wusste, hat Herbert Knaup den Salat und muss sich Papierschnipsel in den Mund stecken. Er tut es zeichenhaft, andeutungsweise, lässt das meiste in der Hosentasche verschwinden. Gewissenhaft darum bemüht, dass dies nicht jedem auffalle, spricht er, wie zur Ablenkung, Müllertext: "Das war unser Auftrag, er schmeckt nur noch nach Papier. Morgen wird er den Weg allen Fleisches gegangen sein." Ebenfalls wie zur Ablenkung vollzieht er die vom Regie führenden Müller-Schauspieler Ulrich Mühe angewiesene Geste und wischt sich bedeutsam am Gesäß vorbei, und zwar mit der nicht am trickreichen Verschwindenlassen des Auftrags beteiligten Hand.An anderer Stelle, es fiel gerade die Wortgruppe "blutsaufende Scham", versucht Knaup so echt gemeint wie möglich zu entwischen - durch einen Stoffschlitz von der Bühne zu schlüpfen und über wackelnde, aufstaubende Raumteiler in die Freiheit zu klettern. Auch Christiane Paul ist ganz vom Ernst der Veranstaltung eingenommen, sie behandelt jeden Buchstaben mit demselben Respekt, was freilich zur Einsoßung der Gedanken führt. Geübt und gekonnt hampelt sich Florian Lukas einen ab, als jamaikanischer Sklave den Affen machend, wenn der Zuschauer entsetzt werden soll von der drohenden Zukunft, die in nicht gerade aktueller Version begleitet wird von böser Technomusik und Gangster-Gerappe: Ruhestörung, Lärmbelästigung, es tanzt der Hottentotte. Die theatererfahrenen Schauspieler kommen, wieso sollte einen das überraschen, besser in dem hochstilisierten Pappzauber zurecht: Ekkehard Schall grunzt feuchthalsig als stumpfer, geradherziger Bauer mit Backenbart und Blutglatze. Udo Samel unter der Arturo-Ui-Locke hitlert passgerecht, wenn er sich als ehemaliger Revolutionären-Auftraggeber, der schon längst in die wieder alt gewordenen Verhältnisse geordnet ist, an seine große Zeit erinnert. Und er geht zielsicher den von Müller geträumten Begebenheiten folgend als Fahrstuhlpassagier in Raum und Zeit verloren: mit großer, kunstvoller Pause nach dem "ru" von Peru, wo er, der eigentlich auf dem Weg zum Chef war, landet. Mit knochentrockener Divenhaftigkeit schreitet Inge Keller als Erste Liebe einmal von rechts nach links über die unaufgeräumte Bühne, auf zwei Krückstöcke gestützt, mit schwarz geschminkten Augen im weißen Gesicht, über dem weißen Kleid, unter den weißen Haaren. Sie nimmt den Text als einen liebevoll durchsortierten Pathologenbesteckkasten in Besitz - jeder Griff da hinein ist von rücksichtsloser, zweckdienlicher Sauberkeit.Das Bühnenbild von Erich Wonder sieht aus wie eine Marslandschaft ("Die Revolution hat keine Heimat mehr, das ist nicht neu unter der Sonne, die eine neue Erde vielleicht nie bescheinen wird"), alles ist rostrot bis auf einen umgekippten goldenen Gaul. Die Kostüme, die Wonders Meisterschülerin Michaela Bürger entwarf, bammeln und staksen aussagekräftig bis zur Schwatzhaftigkeit an den Schauspielern herum und sorgen immer wieder für Mitleid, wenn einer von ihnen in Bewegungsnot gerät.Das Experiment ist gescheitert, es war keins. Das gilt vielleicht für die meisten Revolutionen, die bisher stattgefunden haben wollten, sicher aber für diesen Abend. Er ist professionell vorverkauft, starbesetzt und legendenumrankt worden - eine ganz große Stemmleistung, aber auch eine Selbstverballhornung. Wahrscheinlich klappt es jetzt noch nicht einmal mit der Enttäuschung, so fest musste an das freie Projekt geglaubt werden. Das Event will mit viel Aufwand dem Ruhm des toten Dichters dienen und betet ihn nur nach. Viel Applaus und ein "Buh, das war ja überhaupt nichts" aus Reihe 18."Der Auftrag" von Heiner Müller // Regie Ulrich Mühe.Bühne Erich Wonder.Kostüme Michaela Bürger.Besetzung Herbert Knaup (Debuisson), Ekkehard Schall (Galloudec), Florian Lukas (Sasportas), Udo Samel (Antoine, Fahrstuhlfahrer), Christiane Paul (Matrose, Engel der Verzweiflung), Inge Keller (Erste Liebe).Vorstellungen 15. -18. , 20. -25. , 29. -31. Januar im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Karten unter: 25 48 92 54.Foto: Ekkehard Schall, Herbert Knaup und Florian Lukas - Emmissäre a. D. von Frankreich