BERLIN, 19. Oktober. Da sage noch einer, Geschichte wiederhole sich nicht. Dabei steht einer absonderlichen Episode des Weltsports eine Neuauflage bevor. Ende November werden auf dem Kongreß des Amateur-Weltboxverbandes AIBA in Antalya/Türkei der Präsident und der Generalsekretär gewählt. Zwei ehemalige Kumpane treten diesmal in verschiedenen Lagern an: Der Ostberliner Karl-Heinz Wehr, der mit dem IOC-Mitglied Ching-Kuo Wu aus Taipeh koaliert gegen Anwar Chowdhry aus Pakistan, der die islamische Welt und angeblich auch die russische Mafia hinter sich weiß. Wer nun genau für welche Position kandidiert, ist gar nicht so wichtig. So wurde Wehr von mehreren Nationalverbänden als Generalsekretär und als Präsidentschaftskandidat nominiert.Wehr und Chowdhry beherrschen die AIBA seit mehr als einem Jahrzehnt. Seit jenem lustigen Ausflug in den Sündenpfuhl Bangkok, wo Chowdhry 1986 dank der finanziellen Unterstützung der Firma Adidas und Wehrs tatkräftiger Mitarbeit auf den AIBA-Thron gehoben wurde. Adidas hatte für das Wahlvolk Flüge, Unterkunft und die "kulturelle Betreuung (Nachtbar, Massage, individuelle Betreuung)" finanziert. So berichtete es Karl-Heinz Wehr alias IM Möwe an das DDR-Ministerium für Staatssicherheit.MorddrohungenZwölf Jahre später hat sich die Lage in der AIBA nicht entspannt. Wehr soll angeblich Morddrohungen erhalten haben und versucht nun verzweifelt, den Wahlkongreß in ein anderes Land zu verlegen. In Antalya hätte Chowdhry Heimvorteil, denn dessen Kandidatur wird vom einflußreichen türkischen AIBA-Vizepräsidenten Caner Doganeli unterstützt. Doganeli, der vor allem in Rußland, Usbekistan und der Ukraine Geschäfte macht, werden von Wehrs Gefolgsleuten Kontakte zur Mafia nachgesagt. "Das ist Verleumdung", erklärte Doganeli dieser Zeitung.Es gibt indes Hinweise, daß die Wettmafia im Boxen Einfluß gewinnt. Im Dezember 1996 wurden in Moskau zwei russische Funktionäre erschossen, kurz nachdem die AIBA-Rechtskommission eine Anhörung wegen Bestechungen bei der Junioren-WM 1995 einberufen hatte. Die Drohungen gegen Wehr sollen ausgesprochen worden sein, als die AIBA dem Usbeken Ruslan Schagajew den Weltmeistertitel im Schwergewicht aberkannte, weil dieser zuvor bereits als Profi gekämpft hatte.Obgleich Wehr am 2. Oktober die Exekutivmitglieder der AIBA schriftlich ersuchte, den Kongreß zu verlegen, wird es bei Antalya bleiben. Chowdhry bestand in einem Rundschreiben auf Termin und Ort. Doganeli sieht ebenfalls keinen Grund, den Konvent zu verschieben, er macht daraus gleich ein Politikum: "Was Wehr verlangt, ist eine Beleidigung des türkischen Sportministeriums und des türkischen Volkes."In der Zeitung "Neues Deutschland" wird Wehr nun als angeblicher Erneuerer gefeiert, dessen Wahlprogramm "eine kompromißlose Kampfansage gegen Manipulation, Korruption und Betrügerei" verspricht. "Es geht um Ehrlichkeit und Fairplay."Wehr sieht sich genötigt, auf seine Integrität zu verweisen. "Ich war zu keiner Zeit weder Agent noch Spion des Ministeriums für Staatssicherheit, um die olympische Bewegung und das Boxen auszuspionieren", erklärte er. Weshalb das Berliner Landgericht am 5. Oktober eine Einstweilige Verfügung (AZ 21.O.643/98) erließ, die es seinem Widersacher Doganeli gegen Androhung eines Bußgeldes (500 000 Mark) untersagt, eben dieses weiterhin zu behaupten. "Ein Berliner Gericht ist nicht objektiv", sagt Doganeli. "Ich habe Geld und Anwälte, ich kann das ganz leicht anfechten."Wehr unterschrieb am 29. Juni 1956 seine Verpflichtungserklärung beim MfS (Registrier-Nummer I/627/60). Am 11. Dezember 1989 hieß es im "Abschlußvermerk zur Beendigung der Zusammenarbeit mit dem IMB Möwe", wegen "seiner bedeutenden hauptamtlichen Funktion im internationalen Sport ( ) konnte er für das MfS wichtige und stets auswertbare Informationen und Hinweise zu Sachverhalten und Personen der internationalen Sportpolitik, auch des IOC, erarbeiten". Ein prima Zeugnis, das den Berliner Richtern leider nicht vorlag. Was also ist diese Einstweilige Verfügung (EV) wert? Ilona Wiese, Sprecherin des Kammergerichts: "Eine EV ist nur das Ergebnis einer vorläufigen, verkürzten rechtlichen Prüfung, ohne daß das Gericht im Hauptverfahren, in dem alle Beweismittel gewertet werden können, zu demselben Ergebnis kommen muß."Wehr alias IM Möwe ist wieder salonfähig geworden. Als vor ein paar Tagen am Berliner Olympiastadion die Gedenktafeln für die Olympiasieger aus der DDR eingeweiht wurden, präsentierte er sich neben NOK-Präsident und IOC-Mitglied Walther Tröger in Reihe eins. IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch unterstützt Wehr sogar in seiner AIBA-Kandidatur. Obwohl Wehrs Stasi-Berichte über den Box-Skandal bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, über die Teilnahme des heutigen IOC-Mitglieds Thomas Bach an ominösen Adidas-Sitzungen oder die Abschiebung der ehemaligen IOC-Direktorin Monique Berlioux gegen ein Schweigegeld von 7,3 Millionen Dollar viel Staub aufwirbelten, wurde Wehr nie belangt. Auch Anwalt Bach hat sich nie juristisch dagegen gewehrt.Die LebensversicherungVerfügt Wehr über Dokumente, die seine Stasi-Beichten belegen? "Ich habe meine Lebensversicherung", hat Wehr vor einiger Zeit nebulös erklärt. In AIBA-Kreisen mehren sich nun Gerüchte, daß er eine Buchveröffentlichung plant, sollte er auf dem Kongreß im November verlieren. Das dürfte dann weit über das Stasi-Gezwitscher der Möwe hinausgehen.Gerd Graf, der Präsident des Deutschen Amateur-Boxverbandes (DABV), will von alldem nichts gewußt haben: "Das ist mir völlig unbekannt, Wehr genießt unser volles Vertrauen, auch das des IOC, des NOK und des DSB." Deshalb schlug Graf den Sportkameraden Wehr, der unter anderen über den DABV-Vizepräsidenten Heinz Birkle Stasi-Berichte fertigte, "als Präsident und auch als Generalsekretär der AIBA" vor. Wie aus dem DABV-Vorstand verlautete, hat Graf seine Kollegen aber bis heute nicht über diese briefliche Offensive informiert.Graf hat sich entschieden: Wehr statt Chowdhry wäre das kleinere Übel für die AIBA. Mit Wehr, der die vom IOC geforderten Regeländerungen durchsetzen will, bliebe Boxen im olympischen Programm. Mit Chowdhry und seinem Clan droht nach der Skandal-Ära das olympische Aus.Sie sind nett zu einander, die Sportfreunde im Boxverband. DABV-Präsident Graf hat sich bei der türkischen Botschaft in Bonn über seinen Kollegen Doganeli beschwert, weil dieser den Stasi-IM Wehr diffamiere. Graf findet die "unehrenhaften Angriffe" ungeheuerlich. "Viele Menschen können da mitreden, aber Herr Doganeli, ein Türke, sicher nicht."

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