HAMBURG, 19. August. Als Ole von Beust und Ronald Schill um elf Uhr im Hamburger Rathaus vor die Presse treten, ist zwischen den beiden schon alles geklärt. Es geht jetzt nur noch darum, wer in der Öffentlichkeit die bessere Figur abgeben wird, wer die Schlammschlacht mit möglichst wenig Flecken übersteht. Der Erste Hamburger Bürgermeister setzt sich an den langen Tisch im Rathaussaal und lässt einen Platz frei zwischen sich und dem Mann, der bereits seit einer halben Stunde nicht mehr sein Innenminister ist.Dann erklärt Ole von Beust die Lage, wie er sie sieht: "In einem Vier-Augen-Gespräch heute Morgen um 9. 40 Uhr in meinem Büro, um das Herr Schill gebeten hatte, drohte er mir für den Fall der Entlassung des Staatsrates Wellinghausen, öffentlich zu machen, dass ich meinen angeblichen Lebenspartner, Justizsenator Dr. Kusch, zum Senator gemacht habe und damit Privates und Politisches verquickt habe. Ich habe daraufhin Herrn Schill meines Büros verwiesen. ".Ronald Schill zieht die Augenbrauen hoch, Vielleicht hat er es erst in diesem Moment erfahren, dass er entlassen ist, vielleicht wundert er sich auch nur, dass von Beust die Sache in die Öffentlichkeit zieht.Ole von Beust ist nervös. Er sagt, dass es keine Beziehung mit dem Justizsenator gebe. "Ich kenne Herrn Dr. Kusch seit 25 Jahren aus dem Studium. Wir sind gute persönliche Freunde. Er ist seit fast einem Jahr Mieter einer von mir im Frühjahr 2001 gekauften Wohnung, für die er ordnungsgemäß Miete und Nebenkosten zahlt. Das ist alles, absolut alles. " Dann schaut der Erste Bürgermeister einmal kurz zu Schill. Er sagt, dass Schill charakterlich nicht geeignet sei, das Amt eines Senators weiterzuführen.Schill ist dran. Er redet lange Sätze, verheddert sich, sucht nach Worten. Es ist ein bisschen zu viel für ihn. Umständlich erklärt er, dass es ein Disziplinarverfahren gegen seinen Staatssekretär Walter Wellinghausen wegen unerlaubter Nebentätigkeit geben sollte. Er sagt, dass sich alle einig waren, dass man dieses Verfahren abwarten wolle. Auch von Beust. Dann war auf einmal alles ganz anders. Von Beust wollte Wellinghausen gleich entlassen, "in einem mir nicht nachvollziehbaren undemokratischen Verhalten", wie Ronald Schill sagt.Er musste also etwas tun. Er, Schill, der Chef von Wellinghausen. Er, Schill, ohne den nicht einfach so entschieden werden kann. Er wollte seinen Staatssekretär retten, sagt er. Nur deshalb sei er zu Ole von Beust gegangen an diesem Morgen. Mit Erpressung habe das nichts zu tun. "Ich habe Herrn von Beust gesagt, dass es meinem Gerechtigkeitsempfinden in eklatanter Weise widerspricht, wie hier in wiederholtem Male mit zweierlei Maß gemessen wird", sagt Schill. Er spricht von seinem Parteifreund Mario Mettbach, der offen kritisiert worden war, weil er seine Lebensgefährtin als persönliche Referentin angestellt hatte. Auch von Beust habe Mettbach damals vorgeworfen, politische und persönliche Belange zu vermengen. Deshalb habe er, Schill, nun von Beust "daran erinnert, dass er seinen Lebensgefährten Roger Kusch zum Justizsenator gemacht hat. Seinen Lebensgefährten, der am Hansaplatz in seiner Wohnung wohnt und mit dem er früher ein homosexuelles Verhältnis unterhielt und nach wie vor ein homosexuelles Verhältnis unterhält. ".Schill sagt, dass er selbst das alles nie öffentlich gemacht hätte, dass er auch nicht damit gedroht habe. "Ich habe nur an ihn appelliert, Gerechtigkeit walten zu lassen. " Schill sagt, dass Ole von Beust und Roger Kusch ihm gegenüber nie ein Hehl aus ihrer Homosexualität gemacht hätten. Und dass er ja eigentlich nichts habe gegen Homosexuelle.Dann ist die Pressekonferenz zu Ende. Von Beust und Schill verlassen den Saal durch zwei unterschiedliche Türen. Es ist vorbei. Und es fängt erst an, die Schlammschlacht, der Skandal. Vielleicht hätte Ole von Beust das wissen müssen, als er sich mit Ronald Schill einließ. Als er sich vor zwei Jahren mit einem Unberechenbaren verband, um Bürgermeister zu werden. Zumindest hätte er nicht mit Diskretion rechnen dürfen, zu welchem Thema auch immer. Denn Gerüchte über von Beusts Homosexualität gibt es seit langem, er selbst aber hat das nie kommentiert.Schill sagt, er habe im Oktober 2001 gehört, dass von Beust homosexuell ist. Damals, am Rande der Koalitionsverhandlungen, habe ihn ein Journalist auf den schwulen Bürgermeister angesprochen. Schill erzählt jetzt, dass er damals einer Antwort elegant ausgewichen sei. Und von Beust habe sich daraufhin bei ihm bedankt.Von Anfang an waren die Politiker von Beust und Schill ein sehr ungleiches Gespann. Auf der einen Seite stand der stets hanseatisch vornehm auftretende Sproß einer Hamburger Bürgerfamilie, der Jahre daran arbeitete, die Christdemokraten wieder regierungsfähig zu machen. Auf der anderen Seite der politische Parvenü, der es mit starken Sprüchen und schlichten Rezepten ins Rathaus schaffte. Doch die beiden waren aufeinander angewiesen. Ohne Schill hätte es Ole von Beust im September 2001 nicht geschafft, die SPD nach 44 Regierungsjahren aus dem Rathaus zu treiben. Die Partei des Amtsrichters bekam aus dem Stand 19 Prozent der Stimmen. Die CDU lag zwar vor Schill, erreichte aber mit 26 Prozent eines ihrer schlechtesten Ergebnisse. Doch Ole von Beust wollte es wissen. So nah an der Macht, wollte er nicht auf sie verzichten.Unter dem Namen Bürgerblock entstand so das Bündnis aus dem Wahlverlierer von Beust, dem Populisten Schill und dem Opportunisten Rudolf Lange, dessen Partei, die FDP, sich stets gegen eine solche Koalition ausgesprochen hatte.Die Erwartungen der Hamburger waren groß. In hundert Tagen wollte Schill die Kriminalität halbieren. Außerdem sollten zweitausend neue Polizisten eingestellt werden. Beides hat er nicht erfüllt. In Sitzungen des Innenausschusses glänzte Schill manches Mal durch Abwesenheit, im Büro tauchte er nur stundenweise auf. Dafür wurde er umso häufiger im Hamburger Nachtleben gesichtet, seine Prominenz sichtlich genießend.Im Senat krachte es immer häufiger. Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, wann Details aus dem Privatleben führender Hamburger Politiker an die Öffentlichkeit gelangen würden, wann die Schlammschlacht im Senat beginnt. Bisher hat wohl nur die sprichwörtliche Hamburger Diskretion solches verhindert. Denn in Senats- und Journalistenkreisen kursierten schon längere Zeit Informationen und Gerüchte über einige Hamburger Senatspolitiker. Dabei ging es auch um das Rotlichtmilieu und um einen Bordellchef, der aus Angst um seinen Ruf Namen nannte. Namen von Menschen, die kein Interesse daran haben können, in solch einem Zusammenhang genannt zu werden.Es ist anzunehmen, dass Ronald Schill, der als Innensenator gut über derlei Vorgänge informiert war, sein Pulver noch nicht verschossen hat, dass er noch mehr erzählen wird. Es geht um einen Vorfall aus dem Juli 1999, der bald für neue Aufregung sorgen könnte. Damals durchsuchte Hamburgs Polizei ein Homosexuellen-Bordell an der Reeperbahn Nr. 54 mit dem Namen "Harald s Hotel". Es ist einer der wichtigsten Treffs für die schwule Geld-, Politik- und Showbusiness-Elite.Die Polizeibeamten trafen im SoSommer 1999 dort unter anderem einen pädophilen Kanadier mit einem nackten fünfzehnjährigen Jungen aus Osteuropa an; ein Strichjungen-Vermittler wurde dafür im Frühjahr verurteilt. Der so genannte Hotelier Harald M. sagte der Polizei, in seinem Haus dulde er keinen Sex mit Minderjährigen, das sei schließlich verboten. Um das Niveau seines Etablissements zu verdeutlichen, nannte der Bordellchef den Beamten schließlich sieben Namen bekannter Hamburger, die bei ihm regelmäßig einkehrten. Er nannte sie lediglich als Gäste und brachte sie nicht mit strafbaren Handlungen in Verbindung.Als das Verfahren im Februar vor Gericht kam, hatte die Staatsanwaltschaft die betreffenden Namen in den Akten schwärzen lassen. Der Prozess erregte Aufsehen. "Wer vertuscht hier was, um die sieben Promis zu decken?" fragte die Bild-Zeitung. Es gab wohl Leute, die wussten zu diesem Zeitpunkt längst, wer auf der betreffenden Liste steht, darunter ein bekannter Modeschöpfer, ein bedeutender Bauunternehmer, der Chef eines Fußballclubs und auch ein bedeutender Senatspolitiker. In der Presse aber wurden die Namen nicht genannt.Ebenso gibt es Geschichten über angebliche Sexpartys des Ronald Schill, die unter anderem sein Vertrauter Detlef Fischer finanziert haben soll. Fischer ist früherer Großaktionär und Vorstand des Hamburger IT-Unternehmens Systematics, gegen ihn ermitteln verschiedene Staatsanwaltschaften wegen Bestechung. Während sexuelle Eskapaden keine Erwähnung in den Medien fanden, wurde breit darüber berichtet, dass Schill nach der Bürgerschaftswahl im September 2001 in den Verdacht geraten war, Kokain zu konsumieren. Schill ließ sich damals von seinem Parteifreund und Sponsor Ulrich Marseille mit dessen Flugzeug nach München befördern, um am gerichtsmedizinischen Institut der Universität eine Haarprobe testen zu lassen. Das Ergebnis war negativ. Und so machte Ole von Beust eben weiter mit Schill. Eine Entscheidung, die er heute wohl bereut."Wir erleben nun tiefstes Schmierentheater", sagt Johannes Kahrs, sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter aus Hamburg und nach eigenen Angaben der einzige offen schwule SPD-Abgeordnete im Bundestag. An diesem Dienstag des Schmierentheaters sagt er: "Von Beust ist ein ruhiger, moderierender Mann, der immer vor Schill eingeknickt ist. Erst jetzt hat er gemerkt, dass das nicht mehr geht. " Zu spät wohl. "Er ist kein schlechter Bürgermeister, er hat das nicht verdient", sagt Kahrs. "Es ist unmöglich, was Schill gemacht hat. "."Ich kenne Herrn Dr. Kusch seit 25 Jahren aus dem Studium. Wir sind gute persönliche Freunde. Er ist seit fast einem Jahr Mieter einer von mir im Frühjahr 2001 gekauften Wohnung, für die er ordnungsgemäß Miete und Nebenkosten zahlt. Das ist alles, absolut alles. " Ole von Beust.DPA/KAY NIETFELD Ronald Schill in der Pressekonferenz, in der Ole von Beust die Entlassung des Innensenators bekannt gibt.