In der Regionalbahn zwischen Tiefensee und Wriezen können die Fahrgäste jetzt zeigen, wie geschickt sie sind. Zugbegleiter sammeln Unterschriften für eine Resolution und die Passagiere in den schaukelnden Triebwagen versuchen, ihre Namen leserlich auf das Papier zu bringen. "Wir wollen, daß diese Strecke erhalten bleibt und daß die Bahnhöfe mehr Serviceeinrichtungen bekommen", so die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) in der Protestnote. Doch die Mühe ist vergeblich. Verkehrsminister Hartmut Meyer (SPD) hat entschieden: Die Schienenbusse zwischen Tiefensee und Wriezen werden eingestellt. Spätestens am 23. Mai fährt dort der letzte Reisezug, vielleicht auch schon am 18. April. Die 26 Kilometer lange Strecke, die nordöstlich Berlins einsam über die waldige Hochfläche des Barnims führt, ist nicht das einzige Opfer der jüngsten Stillegungswelle in Brandenburg. Dasselbe Schicksal ereilt auch die folgenden Regionalbahnen: Wittstock Mirow (27 Kilometer), Zossen Sperenberg (10 Kilometer), Falkenberg Herzberg Stadt (12 Kilometer), Hohenbocka Kamenz in Sachsen (23 Kilometer). Busse ersetzen die Züge. In den "Ferkeltaxen" zwischen Wriezen und Tiefensee nehmen pro Tag im Durchschnitt 300 Fahrgäste Platz. Auf den anderen Strecken liegt die Zahl der täglichen Passagiere bei 100 bis 200. Zu wenig, um die hohen Kosten zu rechtfertigen, sagt der Minister. Zudem müßten viele Abschnitte für mehrere Millionen Mark instandgesetzt werden. Möglichkeiten, die Nachfrage zu steigern, seien ausgereizt. Aus diesen Gründen bleiben auch die bereits stillgelegten Strecken Wensikkendorf Liebenwalde und Forst Weißwasser (zusammen 42 Kilometer) außer Betrieb. Durch die Einstellung der sieben genannten Linien erhofft das Land jährliche Einsparungen von 5,5 Millionen Mark.Um andere Strecken pokern das Land und die Deutsche Bahn (DB) dagegen noch. Dabei geht es um die Bahnen von Neustadt und Herzberg nach Neuruppin sowie von Pritzwalk nach Putlitz, Meyenburg und Neustadt. Meyers Experten hatten davon abgeraten, die zusammen 122 Kilometer langen Strecken einzustellen. Dies wirke sich "negativ auf die Standortqualität" aus. Zudem seien viele Straßen zu stark belastet, um die anstelle der Züge eingesetzten Busse aufzunehmen. Die private Prignitzer Eisenbahn sollte den Betrieb übernehmen. Doch das Land vertagte die Entscheidung überraschend. Grund: Die DB hatte darauf hingewiesen, daß die Anbindung der Strecken an das Gleis des geplanten "Prignitz-Expresses" je eine Millionen Mark kostet und forderte vom Land die Zusage, für 15 Jahre den Bahnbetrieb zu bezahlen. Andere Strecken sind dagegen vorerst gerettet. Zwischen Brandenburg und Belzig sowie zwischen Beelitz und Jüterbog fahren weiter Reisezüge. Dort haben sich die Fahrgastzahlen "zum Teil positiv entwickelt", so das Land. Zumindest für ein weiteres Jahr bleibt auch Templin Prenzlau in Betrieb obwohl dort täglich nur 100 bis 160 Menschen unterwegs sind. Die Chancen, daß es mehr werden, sind jedoch schlecht. Weil moderne Triebwagen fehlen, müssen die Passagiere ab 24. Mai auf halber Strekke in alte "Ferkeltaxen" umsteigen.