UN-Dorf Kopenhagen: Ökologisch, praktisch, gut

Kopenhagen - Es riecht nach nichts. Das ist angenehm und irritierend zugleich. Aber die Seeluft von draußen muss ja auch durch ein ausgeklügeltes Filtersystem, bis sie sich in dem Gebäude ausbreiten kann. Staubpartikel, Müll, Gestank, Rauch, Meeresgeruch – alles bleibt draußen. Das Haus ist ein Hochsicherheitstrakt für Gerüche. Man tut seiner Gesundheit etwas Gutes, wenn man sich in dem Gebäude aufhält. Das neue UN-Dorf in Kopenhagen wurde nach ökologischen und umweltfreundlichen Aspekten gebaut. „Von den vielen Fahrrädern bis hin zu den Windrädern draußen auf See – hier sehe ich einen Beweis dafür, dass wir die Probleme, vor die uns der Klimawandel stellt, bewältigen können. Dieses Gebäude ist ein leuchtendes Beispiel dafür“, sagte Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen. Gemeinsam mit Königin Margrethe II. und Premierministerin Helle Thorning-Schmidt kam Ban Ki Moon zu der offiziellen Einweihungsfeier des UN-Dorfs am Donnerstag.

Winken für Licht

Das Gebäude benötigt 55 Prozent weniger Energie als vergleichbare Bürogebäude. Weniger als 50 Kilowatt Stunden pro Quadratmeter und Jahr verbraucht das UN-Dorf. 1 200 Menschen arbeiten hier bei acht verschiedenen Unterorganisationen der UN, unter anderem für Unicef, die Weltgesundheitsorganisation oder das Global Green Growth Institute. Schon jetzt beherbergt Kopenhagen das sechstgrößte UN-Dorf in der westlichen Welt – und hier am Nordhafen ist Platz für mehr. Die über das Stadtgebiet verteilten Organisationen sind in dem neuen Gebäude unter einem Dach zusammengekommen. „Mit dem Gebäude wollte die UN ein Beispiel für Nachhaltigkeit setzen“, sagt Niels Ramm. Der Däne arbeitet für die UN und war Chef der Projektgruppe für den umweltfreundlichen Bau.

„Es ist fantastisch, hier zu arbeiten. Die Umgebung ist so angenehm, dass man sie fast nicht bemerkt“, sagt Ramm bei der Vorstellung des Gebäudes. Ab und an, wenn der Projektleiter für einige Minuten still am PC sitzt, geht das Licht aus. Dann muss er kurz mit seinem Arm winken. Denn um Energie zu sparen, wird das Licht über Bewegungsmelder reguliert. Der Aufzug geht in den Stand-By-Modus, wenn er anhält. Auf dem Dach liegen 1 400 Solarplatten, die fast die gesamte Energie für das Gebäude produzieren. Das Meerwasser, das sich vor dem Gebäude erstreckt, betreibt die Klimaanlage. Die Toiletten werden mit Regenwasser gespült. Und in jeden Wasserhahn wird Sauerstoff gepumpt, damit weniger Wasser herausfließt. Ein bisschen kitzelt das Wasser auf den Händen, so als würde man sie sich mit Sprudelwasser und Seife waschen.

Für seine Energieeffizienz hat das UN-Dorf in Kopenhagen bereits 2012 den „Green Building Award“ der EU gewonnen. Dass dieses Gebäude gerade in dieser Stadt steht, ist nicht verwunderlich. Die dänische Hauptstadt gilt als eine der umweltfreundlichsten Metropolen weltweit. Im Jahr 2009 fand hier die UN-Klimakonferenz statt. Der Siemens Green Index betitelte Kopenhagen jüngst als die „grünste Hauptstadt in Europa“. Im nächsten Jahr darf sich die Stadt „European Green Capital“ nennen. Bis 2025 möchte Kopenhagen als erste Großstadt CO2 -neutral sein. Das heißt, die Stadt möchte weltweit die erste sein, die durch ihren Energieverbrauch keine Emissionen freisetzt, die klimaschädigende Wirkungen haben.

Wer in Kopenhagen die Straße kreuzt, sollte aufmerksam nach links und rechts schauen. Hören hilft meist nicht. Es sind deutlich mehr Fahrräder als Autos unterwegs. 52 Prozent der Kopenhagener radeln zur Arbeit. Rechnet man die Vororte und den Speckgürtel hinzu, wählen 36 Prozent das Rad. Zu jeder Tageszeit sind die Abteile, die in den S-Bahnen für Fahrräder reserviert sind, gerappelt voll. Das Rad darf in der S-Bahn und der Metro kostenlos mitgenommen werden. „In Kopenhagen ist es cooler, mit dem Rad zur Arbeit zu kommen, als mit einem dicken Auto“, sagt Frits Bredal, Pressesprecher beim dänischen Fahrradverbund.

Überfüllte Fahrradwege

Mittlerweile führen zwei mehrspurige Fahrradschnellstraßen aus den Vororten in die Innenstadt von Kopenhagen. Die Ampeln sind so eingestellt, dass man mit durchschnittlich hoher Geschwindigkeit zügig vorankommt. Brücken wurden speziell für Radfahrer gebaut. Aber trotzdem sind die Radwege häufig überfüllt. „Die Fahrradwege müssen breiter werden“, fordert Bredal. 102 schwere Fahrradunfälle gab es im Jahr 2012. Die Zahl ist im Vergleich zu 1996 jedoch um das Dreifache gesunken. In Kopenhagen zu radeln ist schnell und praktisch. „In Städten wie London oder New York drücken Menschen durch das Radfahren ihre grüne oder linkspolitische Einstellung aus“, sagt Bredal. „Aber in Kopenhagen fahren auch rechte Politiker Rad.“

Jørgen Abildgaard möchte noch mehr Menschen vom Fahrradfahren überzeugen. Der Projektleiter ist bei der Stadt Kopenhagen für die Umsetzung des 2025er-Plans angestellt. Um das ehrgeizige Ziel der CO2 -Neutralität zu erreichen, hat Abildgaard mit seinem Team verschiedene Methoden ausgearbeitet. 100 Windräder sollen aufgestellt werden, um ganz Kopenhagen mit Strom zu versorgen. Jedes Gebäude der Stadt wird mit dessen Energie-Verbrauch erfasst und bewertet, ob es sich für Solarpanäle eignet oder nicht. Um die Energieverteilung in der Stadt effizient zu gestalten, will Abildgaard die Hauseigentümer untereinander vernetzen. Dazu kommt, dass die Haushalte in Kopenhagen bis 2020 nur noch 20 Kilowattstunden pro Quadratmeter und pro Jahr verbrauchen dürfen. Das ist weniger als ein Fünftel von dem, was ein Haushalt heute verbraucht. „In Kopenhagen wollen wir zeigen, dass es möglich ist, diese Dinge umzusetzen. Denn nur so können wir den Klimawandel aufhalten“, sagt Abildgaard.

Nur eines, das haben die Menschen in Kopenhagen trotz ihrer Offenheit für Umweltfragen noch nicht umgesetzt: Den Müll zu trennen. Nach wie vor wandern Taschentücher zusammen mit Essensresten, Plastikverpackungen mit Papierschnipseln in die Müllcontainer der Stadt. Auch das möchte Abildgaard ändern. Das UN-Dorf ist da schon einen Schritt weiter: Hier wird der Müll getrennt, die Bio-Abfälle wandern in eine Anlage außerhalb der Stadt und werden umgewandelt. In Biomasse.