Mister Sachs, in Heiligendamm werden Tausende gegen den G8-Gipfel protestieren. Diesen hält die deutsche Regierung entgegen, es gebe eigentlich keinen Grund zum Protest, schließlich kümmerten sich die G8 bei ihrem Treffen auch um Themen wie Aids, Afrika und Entwicklungshilfe. Wer hat recht?Nach dem G8-Gipfel in Gleneagles 2005 haben die Industriestaaten Afrika einige Zusagen gegeben, unter anderem die Verdopplung der Entwicklungshilfe auf 50 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2010. Heute bin ich, sagen wir, überrascht, wie wenig geschehen ist. In klaren Worten: Passiert ist eigentlich nichts.Was heißt "nichts"?Zwei Jahre sind seit den Zusagen verstrichen, doch gibt es noch immer keine genauen Zeitpläne, wann wie viel Geld fließen wird. Kein armes Land weiß, mit welchen Summen es wann und in welcher Form rechnen kann. In Afrika herrscht Rätselraten. Außerdem hinken die G8-Staaten weit hinter ihren Zusagen hinterher. Vielfach ist die Entwicklungshilfe sogar zurückgegangen. So viele Versprechen, so viele Worte und so wenig Taten.Aber die deutsche Regierung hat gerade angekündigt, ihre Entwicklungshilfe deutlich aufzustocken.Es wäre wunderbar, wenn angesichts sprudelnder Steuereinnahmen auch die Hilfe zunähme und Deutschland damit seine vor langem gemachten Zusagen erfüllen würde. Ich hoffe, es bleibt nicht bei Ankündigungen.Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, vom Gipfel in Heiligendamm soll ein "Zeichen des Vertrauens in Afrika" ausgehen. Stimmt Sie das nicht optimistisch?Wir brauchen keine neuen Zeichen, wir wollen Taten sehen. Jede Stunde sterben 1 200 Kinder in Afrika an Nahrungsmangel oder heilbaren Krankheiten, alle drei Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch an Unterernährung. Wenn die G8 ihre Glaubwürdigkeit erhalten wollen, dann muss das Ziel für Heiligendamm lauten: Nicht noch mehr Worte, sondern ein klarer Aktionsplan - ein Aktionsplan für den Kampf gegen Malaria und Aids, für die grüne Revolution in Afrika. Nicht Versprechen für das Jahr 2010, sondern Fakten für die Jahre 2007 oder 2008. Es müssen endlich Zahlen auf den Tisch!Ähnliche Forderungen haben Sie bereits vor einem Jahr gestellt. Wird man jetzt auf Sie hören?Nun, ich bin ein hoffnungsfroher Mensch. Ein großes Problem allerdings sind die USA. Gemessen an der absoluten Summe sind sie der größte Geber. Gemessen am Anteil der Wirtschaftsleistung jedoch geben sie am wenigsten Entwicklungshilfe - lediglich 0,17 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts. An einem einzigen Tag geben die USA 1,5 Milliarden Dollar für Verteidigung aus. Damit könnten alle Betten in Afrika mit imprägnierten Netzen ausgestattet werden. Das würde die Ansteckung mit Malaria um zwei Drittel senken.Kritiker bemängeln, die Geberstaaten pumpten ihre Entwicklungshilfezahlungen künstlich auf. Deutschland zum Beispiel berechne auch die Schulden ein, die es armen Ländern erlässt. Und auch Gelder, die hier lebenden Studenten und Flüchtlingen aus Entwicklungsländern gezahlt werden, gälten als Entwicklungshilfe. Ist das angemessen?Die Qualität der Hilfe ist tatsächlich nicht besonders hoch gewesen, und die unterschiedlichen Berechnungsmethoden der einzelnen Länder sind irreführend und verwirrend. Natürlich versuchen die Geberstaaten, ihre Zahlungen besonders groß aussehen zu lassen und sie aufzublähen - doch die Welt schaut zu. Damit kommen sie nicht durch.Vor zwei Jahren wurde auch ein Schuldenerlass für die ärmsten Länder beschlossen. Rockstar Bob Geldof lobte den Beschluss damals mit den Worten: "Morgen werden 280 Millionen Afrikaner aufwachen, und zum ersten Mal in ihrem Leben schulden sie weder mir noch dir einen Penny". Hatte er recht?Natürlich nicht, aber das war schon damals klar. Der Erlass bezog sich nur auf einen kleinen Teil der Schulden, und er macht nur einen sehr kleinen Teil der insgesamt benötigten Hilfe aus. Viele Staaten haben noch riesige Schulden, die man schon vor langem hätte streichen müssen. Man sollte die Leistung der G8 an dieser Stelle nicht allzu hoch veranschlagen. Sie haben die Umsetzung verzögert, sie waren mit dem Irak-Krieg beschäftigt, die Weltbank hat sich zwei Jahre nur um sich selbst gedreht. Es ist enttäuschend.In Heiligendamm soll es weniger um mehr Hilfe gehen. Stattdessen werden Afrikas Staaten zu bessere Regierungsführung aufgefordert. Ziel sei, die Investitionsbedingungen in Afrika zu verbessern. Braucht Afrika mehr Selbsthilfe statt mehr Hilfe?Es ist schon komisch, wenn ausgerechnet jene Länder gute Regierungsführung fordern, die ihrerseits ihre Versprechen nicht einhalten. Die gute Regierungsführung, die wir jetzt brauchen, ist die der G8. Sie sind reich und mächtig, sie haben Zusagen gemacht und nicht eingehalten. Dies ist nicht der Zeitpunkt, andere zu belehren - schon gar nicht, wo gerade der Chef der Weltbank, Paul Wolfowitz, wegen Begünstigung seiner Freundin zurücktreten musste.Viele Politiker und Ökonomen meinen aber, es sei Verschwendung, immer mehr gutes Geld dem schlechten hinterherzuwerfen. Mit mehr Entwicklungshilfe finanziere man nur mehr Korruption und Misswirtschaft.Das Problem der schlechten Regierungsführung wird komplett überschätzt und dient als Ausrede für unterlassene Hilfeleistung. Es existieren heute schon Möglichkeiten, das Geld sinnvoll auszugeben. Zum Beispiel unsere 79 Millenniumsdörfer in Afrika, wo mit Hilfsgeldern Moskitonetze, Dünger und Wasseraufbereitungsanlagen bereit gestellt werden. Dort hungern die Kinder nicht mehr, sie gehen zur Schule. In Malawi verdienen 30 000 Familien erstmals Geld, weil sie ihre Ernteerträge vervielfacht haben und die Überschüsse nun verkaufen. Gekostet hat das nur eine Million Dollar. Die G8-Staaten können Millionen Menschenleben retten. Der Ball liegt jetzt bei ihnen. Ich will keine Entschuldigungen mehr hören.Interview: Stephan Kaufmann------------------------------Ziel: Halbierung der Armut bis 2015Zur Person: Jeffrey D. Sachs (52) ist Direktor des Earth Institute der Columbia University in New York, wo er auch Gesundheitspolitik und -Management unterrichtet. Sachs avancierte in den Neunzigerjahren zu einem der einflussreichsten Ökonomen der Gegenwart. Er beriet unter anderem die Regierungen von Bolivien, Polen und Russland.Russland: In der Transformation Russlands zum Kapitalismus fungierte er als enger Berater von Präsident Boris Jelzin. Viele Kritiker geben Sachs die Schuld an den Krisen im Zuge der russischen Schocktherapie. Einige halten ihn für einen neoliberalen Ideologen, andere für einen Linken, da Sachs sich sehr für die Erhöhung der öffentlichen Entwicklungshilfe einsetzt.Millennium-Ziele: Sachs ist Direktor des UN-Millenniumprojekts. Mit diesem Projekt haben sich die UN-Staaten im Jahr 2000 unter anderem dazu verpflichtet, bis 2015 die Zahl der absolut Armen auf der Welt zu halbieren, Aids und Malaria einzudämmen und die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zu senken.Empfehlungen der Millennium-Task-Force bei:www.unmillenniumproject.orgDossier zum G8-Gipfel unter:www.berliner-zeitung.de/g8------------------------------Foto (2) :US-Ökonom Jeffrey SachsArmut in Afrika: Ein sudanesischer Junge baut aus Lehm ein Modell seiner Flüchtlingsunterkunft.