Das schier Unmachbare ist hier getan. Die Kraft der Transformation, die Kunst besitzt, hat gewirkt. Schlimmste Erinnerung, brutalste Erfahrung ist verwandelt in eine sanfte, fragile, aller Schrecken beraubte Form. Å ejla Kamerić, Künstlerin aus Sarajevo und Wahlberlinerin durch ein DAAD-Stipendium, verarbeitet den Krieg der Neunzigerjahre in ihrer Heimat und die Spuren, die sich bis heute in den Alltag hineinfressen und Alptraumschatten werfen.Auf dem Boden der Galerie Tanja Wagner breitet sich ein handgeknüpfter Teppich aus. Rot wie Blut sind die dicken Schafwollstränge und hineingeknotet und -geknüpft hat sie blutrot gefärbte Kleidungsteile: Kragen, Reißverschlüsse, Knöpfe, Pailletten, Krawatten, Spitzen, Markenschildchen, Waschanleitungen, sogar einen Büstenhalter. Ergreifend vereint sie so zerstörte Intimität mit sozialer Kritik, Schmerz mit Wut, Schweigen mit Anklage. Das Rot ist auch Aufsässigkeit: Zur Zeit des Krieges 1992 bis 1995, das will die junge Frau mit ihren eigenwillig sanften Mitteln erinnern, war es verboten, rote Kleidung zu tragen oder rotes Zubehör. Das war zu gefährlich. Bloß nicht auffallen! Die marodierenden, mordenden paramilitärischen "Sniper" machten Jagd auf alles Farbige. Å ejla Kamerić, geboren 1976, nähert sich ihrem Thema mit ihrer Biografie. Das Ergebnis ist immer spannend, sinnlich, emotional und auch abgründig. Beim Rohkunstbaufestival 2009 auf Schloss Marquardt nahe Potsdam zeigte sie Fotos von poetischen menschenleeren Landschaften. In ein winziges Kabinett im Schloss sperrte sie das Großfoto von einem blattlosen Baum, mit den Wurzeln nach oben: Sinnbild der Trauer. Wollte man fragen, ob man Tod und Tragödie in schöne Bilder fassen könne, dann müsste man antworten, diese Bosnierin kann.Für ihre neueste Berliner Ausstellung - im österreichischen Graz läuft eine Schau parallel - häkelte und knüpfte Kamerić auch vier riesige spinnennetzhafte Gebilde aus Fäden - schwarzen und weißen. Die finden sich nun über Wände und Decken der Galerie gespannt und sind in ihrer Sogwirkung, hinein ins Häkelmuster-Zentrum des Netzes, so faszinierend wie unbehaglich.Und dass Unbehagliche ist genau das Gegenteil jener nostalgischen - von Frauenhänden geschaffenen - Behaglichkeit, die Häkeldeckchen auf dem Sofa, dem Sessel und Tischen in bosnischen oder herzegowinischen Wohnzimmern traditionell verbreiten. Die Sicherheit des familiären, sozialen, ja, desintimen Raumes ist gestört, zerstört seit jener Zeit. Keine Familie in der Heimat der Künstlerin, die nicht die Last dieses Krieges mit sich schleppen müsste, bis hin zum Exil oder der unfreiwilligen oder freiwilligen Rückkehr ins malträtierte Land.Å ejla Kamerić, die am 8. Februar in Brüssel mit dem Routes Princess Margriet Award geehrt wird, sieht sich nicht als betont feministische Künstlerin, wie wohl sie oft so gesehen wird. Ihr Umgang mit dem typisch weiblichen Handwerk des Knüpfens, Webens, Häkelns und Nähens ist für sie eher eine Form des Widerstandes und der Verarbeitung von Vergangenheit. Die junge Muslima zitiert hier die alte Mythe von der Christin Philomena. Diese war 302 der Christenverfolgung unter Diokletian in Rom zum Opfer gefallen, gilt als Patronin der Kinder, der Mütter, der Gefangenen. Die Heilige hatte sich der Sage zufolge - von den Soldaten vergewaltigt und zum Schweigen gebracht - aufs Sticken verlegt. Nur so hat sie ihr Schicksal erzählen können. Den uralten Faden nimmt Å ejla Kamerić auf, spinnt, knüpft ihn weiter - gegen die Gewalt in unserer Zeit.-----------------------Galerie Tanja Wagner, Pohlstraße 64 (Tiergarten). Bis 5. März, Mi-Sa 11-18 Uhr.------------------------------Foto: Das Metaphorische entwickelt eine immense Kraft in den Raum-Arbeiten der bosnischen Künstlerin.