Sie ist vier Jahre alt, als ihr kindlicher Leichtsinn sie um ein Haar das Leben kostet. Am Vormittag des 13. März 1969 trifft eine Warenlieferung im Feinkostgeschäft unten im Haus ein. Die Mutter will schnell hinunter, Kathrin, die Tochter, lieber zu Hause bleiben. Die Mutter ermahnt sie, nicht ans Fenster zu gehen, und lässt sie allein in der Wohnung in der fünften Etage der Wilhelm-Pieck-Allee 24 in Magdeburg.Während sie im Feinkostgeschäft ansteht, läuft der sowjetische Fliegeroffizier Igor Belikow die Wilhelm-Pieck-Allee entlang, eine sozialistische Prachtallee unweit des Bahnhofs, die nach dem ersten Präsidenten der DDR benannt ist. Dort erheben sich riesige neoklassizistische Wohnblöcke, charakteristisch für die Ära Stalin, dessen Namen die Allee vorher trug. Der 28-jährige Hauptmann ist an diesem Donnerstag mit dem Zug von Zerbst nach Magdeburg gekommen, wo er seit fünf Jahren bei der 126. Jagdfliegerdivision der sowjetischen Luftstreitkräfte stationiert ist. Er hat einen Termin für eine Routineuntersuchung beim Arzt. Die Zeit bis dahin nutzt er für einen Spaziergang. Vor der Hausnummer 24 sieht er Passanten stehen, die gebannt nach oben schauen. Auch er hebt seinen Blick in die Höhe.In einem offenen Fenster in der fünften Etage steht ein kleines Kind draußen auf dem schmalen Sims. Hilflos verfolgen die Umherstehenden das Geschehen. Ein Hausschuh fällt hinunter, das Kind rutscht ab, eine Frau schreit. Das Kind klammert sich mit beiden Händen an dem Vorsprung fest, bis es sich nur noch mit einer Hand halten kann. Niemand weiß, was zu tun ist, niemand rührt sich. Außer Igor Belikow, der auch eine kleine Tochter hat. Er rennt zu der Stelle auf dem Gehweg, wo das Kind landen müsste, wenn es fällt. Während des Laufens spannt er seinen Mantel zu einem Sprungtuch aus. Und tatsächlich. Mit seinem grauen Mantel fängt er das Kind auf. Belikow traut sich nicht, hinzuschauen. Zu hart klang der Aufschlag. Doch als das Kind sich aufsetzt und leise weint, wird ihm klar, dass es den Sturz aus über zwanzig Metern Höhe überlebt hat. Igor Belikow zieht sich nur eine kleine Verletzung am Handgelenk zu.Ein Held ist geboren.Und die 4-jährige Kathrin wird zu einer kleinen Schwester des großen Bruders, zum lebenden Beweis der Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion. Heute will sie damit nicht mehr behelligt werden. Zu groß war der sozialistische Rummel, der um ihre Rettung gemacht wurde."Er rettete Kathrin das Leben" heißt es am 14. März 1969 auf der Titelseite der Magdeburger Volksstimme über den "Prachtkerl Igor Belikow". Die Gesellschaft der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft verleiht ihm ihre goldene Ehrennadel und gibt eine Postkarte heraus, einen "brüderlichen Gruß an unsere sowjetischen Freunde".Max Zimmering, einer der führenden Kulturfunktionäre der DDR, Leiter des Instituts für Literatur "Johannes R. Becher" in Leipzig und Träger des Nationalpreises, schreibt das Gedicht "Episode im März": "Nach Sonne hungrig geht durch Magdeburg der Fliegerhauptmann Igor Belikow die Wilhelm-Pieck-Allee entlang, gemessenen Schrittes. Der Straße Antlitz spiegelt Jugendfrische: Hell die Fassade und in erstem Schmuck der jungen Republik zu Lob und Preis, die im Oktober den Geburtstag feiert, den zwanzigsten, seit sie geboren ward. Der Fliegerhauptmann Igor Belikow lässt seine Blicke in den Himmel schweifen - da stockt sein Herz, da geht sein Atem schnell! Ein Kind!" Und dann, während des Auffangens: "Ringsum erstarrte Augen. Die Straße schweigt, als sei die Welt verstummt. Ein Seufzer der Erlösung bricht die Stille. O Freundschaftslied! O Lied der Menschlichkeit. O Dank Dir."In der DDR-Kinderbuchreihe "Die kleinen Trompeterbücher" erscheint der Band "Kathrins Donnerstag", geschrieben von Gotthold Gloger. Auch hier ist die Botschaft klar: "Es war, als wenn das Sowjetland dem Volk der DDR einen großen Dienst erwiesen hätte", heißt es darin.Im Mai 1969 läuft im Fernsehen der DEFA-Film "Ein Held in Sekunden". In dem gut zwanzig Minuten langen Film wird die Rettung zum Beweis der Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus. "Ist Igor Belikow ein Held in Sekunden oder ein Held aus einer humanistischen Grundhaltung?", fragt der Sprecher. "Kann es ein Zufall sein, dass bereits 82 Bürger seines Landes vor ihm mit der Lebensrettermedaille der DDR geehrt wurden?" Igor Belikow wird als Angehöriger der verbündeten Streitkräfte vorgestellt, "bereit, jede Bedrohung unserer Entwicklung abzuwehren". Ein Mädchen aus über 20 Meter Höhe auffangen, sagt einer seiner Vorgesetzten, das könne "nur ein Mensch, der seinen Körper völlig beherrscht und gutes Reaktionsvermögen besitzt". Diese Eigenschaften seien einem Menschen nicht von vornherein gegeben. "Diese Haltung ist das Ergebnis einer geistigen Erziehung." Der Sprecher ergänzt zu Bildern von Belikow beim Training und beim Betrachten von Bergen von Dankesbriefen aus der ganzen Republik: "Können und Intelligenz sind bei Igor und seinen Genossen einer geistigen Grundhaltung zugeordnet: Der Liebe zum Menschen und dem Hass gegen jene, die die Entwicklung unserer freien Menschengemeinschaft stören wollen." Igor Belikow sagt: "Ich habe gelernt, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, um die Kameraden zu retten."Kathrins Mutter, Hauptbuchhalterin und seit der Geburt der Tochter Hausfrau, erzählt in dem Film mit tränenerstickter Stimme: "Ich habe ihm über die Schulter gestrichen. Er sagte nitschewo, nitschewo in seiner Bescheidenheit. Ich war so erschüttert, dass ich das Glück gar nicht begreifen konnte." Kathrins Vater, der im Ernst-Thälmann-Kombinat die Abteilung Investexport leitet, sagt mit stockender Stimme: "Dank und hundert Mal Dank dem Lebensretter unserer Tochter. Ich glaube, Igor wird für meine Tochter der beste Freund ihres Lebens werden."Die damals 4-jährige Kathrin ist jetzt 44 Jahre alt und lebt in Berlin. Sie ist verheiratet, hat einen 13-jährigen Sohn und arbeitet bei einer Unfallversicherung, ausgerechnet. Sie will nicht, dass ihr Familienname in der Zeitung steht. "Dann geht das wieder von vorne los!", stöhnt sie am Telefon. Ein persönliches Gespräch lehnt sie kategorisch ab. "Damit will ich nichts mehr zu tun haben", sagt sie. "Ich habe das mit solchem Unwillen zu DDR-Zeiten gemacht und bin froh, dass ich seit 20 Jahren endlich in Ruhe gelassen werde. Das Thema ist erledigt." Wie viele Treffen es mit ihrem Retter gegeben hat, weiß sie nicht mehr. "Nach meinem Empfinden war er relativ oft da, manchmal kam er auch ohne Anmeldung."Bis heute steht das 1984 eingeweihte Denkmal zur Erinnerung an die Heldentat auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Wilhelm-Pieck-Allee 24. Seit der Wende trägt die Straße den Namen des Sozialdemokraten Ernst Reuter, der von 1931 bis 1933 Oberbürgermeister von Magdeburg war. Auf der Vorderseite der mannshohen Tafel hat der Magdeburger Bildhauer Heinrich Apel die Rettung in Bronze nachgebildet: Das aus dem Fenster fallende Mädchen, der Hauptmann, wie er seinen Mantel aufspannt, sowie ein Schutzengel Fortuna und die Höhenangabe von 22 Metern. Auf die Rückseite ist ein Soldatenmantel modelliert. Wo damals das Feinkostgeschäft war, ist jetzt eine Bankfiliale untergebracht.Belikow wurde 1977 Ehrenbürger Magdeburgs. Als er zum 30. Jahrestag der Heldentat in der Stadt weilte und um Unterstützung für ein Krankenhaus in Lugansk bat, in dem er als Rentner nebenbei arbeitet, war es fast wie früher. Wenige Monate später ging der erste Hilfstransport auf die Reise. Belikow ist jetzt 68 Jahre alt und lebt in Lugansk in der Ukraine. Ein Jahr nach der Rettung ist er in die Sowjetunion zurückgekehrt. Er hat an der Militärakademie in Moskau studiert, stieg zum Oberst auf, marschierte in Afghanistan ein, arbeitete danach als Chef des Bergungskommandos für sowjetische Raumschiffe im Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. In einem Brief nach den Ereignissen von damals und der politischen Dimension befragt, antwortet er: "Dieser Vorfall . kann sich als Tatsache selbst dann nicht verändern, wenn seitdem schon 40 Jahre vergangen sind, und das um so mehr, da die politische Lage mit ihm niemals irgendetwas zu tun hatte. Erst später hat die Öffentlichkeit beschlossen, dass ich eine Heldentat vollbracht habe. Ich aber denke - damals wie heute - dass ich mich zur richtigen Stunde an dieser Stelle befand. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte irgendein anderer das Gleiche getan." Dass die von ihm gerettete Kathrin nichts mehr damit zu tun haben will, interpretiert er auf seine Art. "Dankbar zu sein ist das Eine, aber diese Episode in ihrem Leben immer wieder durchmachen zu müssen, bereitet ihr Schmerzen", schreibt er. Nur eins interpretiert er heute völlig anders als damals: "Mir scheint, als hätte der Allmächtige mich geleitet, obwohl ich mich mein Leben lang für einen notorischen Atheisten gehalten habe."Die Eltern von Kathrin, Grete und Helmut Lehmann, wohnen wieder in der Zweizimmerwohnung, aus der ihr Kind gefallen ist. Kurz nach dem Fenstersturz waren sie in eine größere Wohnung in der zweiten Etage gezogen. Als die Tochter nach Berlin ging, kehrten sie in die alten vier Wände zurück. Blicken sie aus dem Wohnzimmer im fünften Stock über die vierspurige Straße hinweg, sehen sie jeden Tag das Denkmal, das an die Rettung erinnert. "Früher bin ich manchmal runtergegangen", erzählt Grete Lehmann, "und habe den Kindern Bonbons gebracht".Das macht sie schon lange nicht mehr. Die Lehmanns sind 86 Jahre alt, das Gedächtnis lässt sie oft im Stich und die Beine wollen nicht mehr so. Manchmal beobachtet Grete Lehmann das Denkmal vom Wohnzimmer aus. "Es ist sonderbar", sagt sie, "wenn ich am Fenster sehe, da unten steht jemand und dreht sich um, und sieht mich dann am Fenster". Was sie damals im Feinkostgeschäft gekauft hat, weiß sie nicht mehr. "Sie wissen ja, wie die Zeit war. Hier in der Straße gab es alles, aber man musste schnell sein."Während Grete Lehmann im Sessel sitzt und versucht, sich zu erinnern, und dabei einiges durcheinander bringt, steht ihr Mann im grauen Pullover und weinroten Hemd etwas hilflos neben ihr. Seine Frau erzählt, wie sie ständig auf der Straße angesprochen wurden, wie sie sich manchmal "aus dem Staub gemacht" haben und in den Harz gefahren sind. Einmal, erzählt sie, habe sie Igor Belikow eine Freude machen wollen. Von seiner Frau wusste sie, dass er sich eine gute Kamera wünscht. Sie seien in ein Geschäft gegangen, doch Belikow habe sich nicht entscheiden können. "Ich habe bald einen Schlag gekriegt", erzählt sie und lacht. "Was machte mein Igor? Igor, das ist typisch russisch, hat gesagt, dann nehme ich alle." Ob das so war oder vielleicht ein sprachliches Missverständnis, bleibt unklar. Grete Lehmann erinnert sich jedenfalls gut an die 5 000 DDR-Mark, die sie in Raten abbezahlt habe. "Das war ein bisschen ärgerlich", sagt sie. "Aber ich habe mich immer in seiner Schuld gefühlt."Ihr Mann legt einen grauen Ordner mit der Aufschrift "Igor" auf den Tisch. Er enthält Briefe und Postkarten von Igor Belikow, Presseinformationen der Stadt Magdeburg zu Besuchen nach der Wende, Schwarz-Weiß-Fotos von früher. Die Motive darauf ähneln sich. Abfahrt oder Ankunft am Hauptbahnhof, der Hauptmann mit Kathrin und seiner Tochter, an der Hand oder auf dem Arm, Kaffee und Kuchen bei Lehmanns im Wohnzimmer. Ihre Tochter habe sich in den ersten Jahren über die Besuche gefreut, erzählt die Mutter. "Es war immer Trubel." Als sie größer wurde, sei es schwierig geworden. "Na ja, sie wurde immer rumgereicht." Später habe die Tochter Angst gehabt. "Da haben sich die Soldaten schon für sie interessiert", sagt sie und lacht. Doch auch ihr Verständnis für den Rummel hatte Grenzen. "Mir war es oft zu viel und ich war direkt krank danach." Nach einem Moment des Überlegens fügt sie noch einen Satz hinzu. "Eins steht fest: Wir haben viel erlebt." Für das Handeln von Igor Belikow hat sie eine simple Erklärung: "Er war ein junger Vater, der auch ein kleines Kind hatte."Im Oktober 2005 hat Kathrin ihren Retter Igor Belikow zum letzten Mal getroffen. Auf Einladung der Stadt kam er zum 1 200-jährigen Jubiläum Magdeburgs. Neben der Festveranstaltung zum 15. Jahrestag der Deutschen Einheit, der Einweihung des Hundertwasserhauses und Treffen mit den Fraktionen der SPD und PDS gab es wieder Kaffee und Kuchen in der ehemaligen Wilhelm-Pieck-Allee. "Ich bin ihr Kind und emotional ist das ein sehr großes Ereignis für sie", sagt die Tochter über ihre Eltern. Die Rettung habe keine Rolle bei dem Treffen gespielt. "Das klingt vielleicht blöd", sagt sie, "aber ich hatte persönlich den Eindruck, er wäre lieber woanders gewesen, vielleicht bei einem der vielen Freunde, die er in Magdeburg hat". Außerdem sei die Verständigung ohne Dolmetscher schlecht gewesen. Sie kann kaum noch Russisch, auch wenn sie die Sprache viele Jahre in der Schule und an der Universität gelernt hat. Umso überraschter war sie, dass sie Igor Belikow gut verstanden hat. Trotzdem war sie froh, als es vorbei war. Mit ihrem Sohn und den beiden Enkelkindern ihres Retters hat sie noch einen Ausflug gemacht - sie sind in ein Spaßbad gegangen.------------------------------Foto: Grete Lehmann und ein Foto, auf dem ihre Tochter mit dem Retter Igor Belikow zu sehen ist.------------------------------Foto: In Magdeburg erinnert eine Bronzedenkmal an den Sturz aus 22 Metern Höhe.