Am Ende ist alles ganz anders, aber Lena hat es geschafft. Das hatte sie ihrem Vater versprochen. "Ich schaff' das, Papa", hat sie gesagt. "Ich schaff' das mit Amerika." Eines Tages, davon haben sie geträumt, wollten sie vom Empire State Building einen Papierflieger segeln lassen. Doch der Vater kommt auf der Flucht vor der Sowjetarmee ums Leben, er gibt seiner Tochter noch ein Notizbuch mit seinen Erfindungen zur neuen Fernsehtechnik und einen Namen mit. Sattler. Diesen Mann soll sie suchen, dieser Mann schuldet ihnen viel Geld.So beginnt der ZDF-Dreiteiler "Die Rebellin", das Motiv mit dem Vermächtnis des Vaters und dem Versprechen der Tochter wird in den folgenden 270 Minuten noch öfter wiederkehren. Zunächst aber, der Krieg ist inzwischen aus, müssen sich Lena, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester als Flüchtlingsfamilie auf einem Bauernhof im Süddeutschen durchschlagen. Lena schleppt und schrubbt, sie wringt und wäscht und melkt. Und sie lernt Walter kennen, den schweigsamen Bauernsohn, der "Ich bin ja auch noch da" sagt und es ernst meint mit Lena und ihrem Traum von Amerika. Walter ist so einer, der immer da ist, aber so einen wollen die Frauen nicht, und Walter weiß das: "Wir müssen uns auch nicht lieben, wenn du das nicht kannst." Doch, das kann Lena, sehr sogar, aber nicht ihn.Stattdessen verliebt sie sich in den jüngeren Sohn des Radiofabrikanten Sattler, den sie ausfindig gemacht hat. Dem alten Sattler hatte Lenas Vater kurz vor Kriegsende seine Fernsehpläne verkauft, doch Sattler hatte nicht bezahlt, und dann war der Vater tot. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit und Lena will auch die andere wissen.Alexandra Neldel spielt diese Lena sehr genau und glaubwürdig. In der Flüchtlingszeit auf dem Bauernhof verleiht sie ihr etwas schön Verhärmtes, mit dem Aufstieg in den Sattler-Werken und an der Seite von Sattler junior legt sich das zugunsten einer nicht minder schönen Entschlossenheit, die es brauchte in einer von Männern dominierten Zeit und Welt Ende der Vierziger, Anfang Fünfziger.Auch um die Hauptdarstellerin herum stimmt in diesem Film so ziemlich alles. Das Publikum sieht grandiose Darsteller selbst in kleinsten Rollen, vor allem viele junge Schauspieler für einen doch ziemlich alten Stoff. Dazu bekommt es eine Geschichte geliefert, die über die gesamte Länge trägt, sowie eine Inszenierung, die mit allen Mitteln arbeitet. Mit Zeitlupe und Zeitraffer, mit Wiederholungen und Rückblenden, mit dem Wechsel von Farbe auf Schwarz-Weiß, sogar mit dokumentarischen Elementen aus der "Wochenschau", mit Filmplakaten von der "Sünderin" und Schlagzeilen vom beginnenden Koreakrieg.Sicher, der Film lässt sich Zeit, aber die Autoren haben auch etwas zu erzählen. Nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Lena und Hans, sondern auch eine Familiengeschichte, eine Firmengeschichte, eine Geschichte aus dem Krieg und über die Zeit danach, eine Wirtschaftswundergeschichte und eine Geschichte über die Technik und das Medium Fernsehen. Jede Geschichte für sich und alles zusammen erst recht machen daraus richtig gutes Fernsehen.Das liegt auch daran, dass der Film nicht immer sofort alles auserzählt, dass erst im zweiten Teil Zusammenhänge aus dem ersten erklärt werden und Lena und damit auch der Zuschauer der Wahrheit nur Schritt für Schritt und bruchstückhaft näher kommen. Sie soll die Vergangenheit ruhen lassen und sich der Zukunft zuwenden, rät die Mutter und hat ihre Gründe. Doch die Wahrheit liegt mal wieder in der Vergangenheit, außerdem ist der heutige Tag ein Resultat des gestrigen, wie schon Heinrich Heine zu berichten wusste. "Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will."Und Lena wünscht zu wissen und lässt sich darin von nichts und niemandem abhalten. Sie rettet ihrer Schwester das Leben, ein Kind wird geboren, eine Mutter bringt sich um, es kommt zur Hochzeit, der alte Sattler hat einen Unfall, die Schwester steht auf der Showbühne, ein Mann stirbt. Und Lena gibt nie auf. Und am Ende segelt ein Papierflieger vom Empire State Building in den Nachthimmel von New York.------------------------------Der FilmProduktion:Buch: Christian Jeitsch, Monika PeetzRegie: Ute WielandKamera: Jan FehseDarsteller:Lena Berkow: Alexandra NeldelWilhelm Sattler: Friedrich von ThunBetty Berkow: Anna FischerHilde Berkow: Saskia VesterHans Sattler: David RottWalter Juskowiak: Sebastian BezzelGustav Berkow: Dominique HorwitzHerta Juskowiak: Simone ZglinickiAlma Sattler: Rosel ZechPeter Sattler: Alexander BeyerOlga Schmitt: Ulrike FolkertsSendetermine:Die Rebellin, Montag (5. 1.),Mittwoch (7.1.), Sonntag (11. 1.),jeweils 20.15 Uhr, ZDF------------------------------Foto: Doch, Lena (Alexandra Neldel) kann lieben, sehr sogar. Hans (David Rott) zum Beispiel.