Am 10. Juni 1948 veröffentlichte die Schweizer Satirezeitschrift "Nebelspalter" die ganzseitige Karikatur eines Mannes in Rennfahrermontur. Mit Reißzwecken war ihm die Schweizer Fahne an die Brust geheftet, am Arm aber prangte noch das Hakenkreuz. Unter der Zeichnung stand: "Wie man uns mitteilt, sei der Nazi-Kraftfahr-Korps-Ober-Sturmführer Caracciola zu Recht im Tessin eingebürgert worden, da er gesinnungsgemäß wie auch rein äußerlich längst Schweizer geworden sei."Zu dem Zeitpunkt, als die Karikatur erschien, war die Einbürgerung des deutschen Rennfahrers Rudolf Caracciola in die Schweiz allerdings noch gar nicht beschlossen. Zwar hatten die Behörden des Kantons Tessin, wo der Deutsche mit seiner Frau wohnte, einem entsprechenden Gesuch zugestimmt. Die Schweizer Bundesbehörden aber zögerten noch. Denn ein Zufallsfund in einem Abfallsack, den die Deutsche Gesandtschaft in Bern nach Kriegsende hinterlassen hatte, und ein Kommentar in der "Frankfurter Rundschau" vom 15. April 1948 hatten die Eidgenossen plötzlich zweifeln lassen am Fehlen brauner Flecke auf der reinen Weste des legendären Silberpfeil-Piloten. "Wir können uns der Meinung der Tessiner Behörden, wonach Caracciola in politischer Hinsicht zuverlässig sei, nicht anschließen", heißt es in einem Vermerk der Schweizerischen Bundesanwaltschaft aus jener Zeit. "Wir müssen annehmen, dass Caracciola jedenfalls kein Einbürgerungsgesuch gestellt hätte, wenn Deutschland aus dem Kriege nicht als besiegt hervorgegangen wäre, sondern gegenteils sich offen zum Nationalsozialismus bekannt hätte."Die bislang unbekannte Kontroverse in der Schweiz um die Einbürgerung des legendären Rennfahrers Caracciola geht aus jetzt freigegebenen Dokumenten im Berner Bundesarchiv hervor. Es ist nur ein schmaler Ordner mit ein paar Dutzend Berichten, Einvernahmeprotokollen, Briefen und Zeitungsartikeln. Die rund 80 Seiten dokumentieren die Bürokratie der Schweizer Behörden - und den Opportunismus eines Mannes, der immer nur ein Rennfahrer sein wollte und sich dafür stets auf die Seite der Mächtigen zu schlagen wusste.Der vor 110 Jahren in Remagen als Sohn eines Hoteliers geborene Caracciola war der erfolgreichste deutsche Rennfahrer der Vorkriegszeit. Er holte 18 Grand-Prix-Siege, stellte 1938 mit 432,7 km/h einen Geschwindigkeits-Weltrekord auf, der Jahrzehnte Bestand hatte. In den Jahren 1935, 1937 und 1938 gewann Caracciola den Europameister-Titel aller Klassen, was mit der heutigen Formel-1-Weltmeisterschaft zu vergleichen ist. Trotz mehrerer schwerer Unfälle, bei denen er bleibende körperliche Schäden davontrug, fuhr er bis 1952 Rennen. Noch heute schmückt sich der Daimler-Konzern mit ihm, dessen Name untrennbar verbunden bleibt mit der berühmten "Silberpfeil-Ära" der Mercedes-Benz-Rennwagen in den Jahren 1934 bis 1939.Die ungeheure Popularität, die "Caratsch" in Deutschland genoss, machten sich natürlich auch die Nazis zunutze. Schon kurz nach der Machtergreifung hatte sich der Führer die Sympathie der deutschen Auto-Industrie gesichert. Die Hitler-Regierung sponserte mit knapp einer Million Reichsmark den darniederliegenden Rennbetrieb der Autofirmen. Als Gegenleistung mussten Rennfahreridole wie Caracciola ihre Treue zu Hitler propagieren.Caracciola, ein scheuer und wortkarger Mensch, der sich um politische Stellungnahmen meist herumdrückte, ließ sich widerstandslos in die NS-Propaganda einbinden. Adolf Hitler hatte er bereits 1931 kennengelernt. Damals hatte ihn Daimler-Benz zum NSDAP-Chef ins "Braune Haus" nach München geschickt, um einen bestellten Mercedes abzugeben. Caracciola nutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Rundfahrt mit Hitler durch die Stadt.Nach der Machtergreifung posierte "Caratsch" bei offiziellen Anlässen lächelnd neben dem Führer. Mit zackigem Hitlergruß nahm er Glückwünsche von NS-Funktionären und Rennfahrerkollegen für seine Grand-Prix-Siege entgegen. 1938, nach einem Grand-Prix-Sieg, sagte er: "Die einzigartigen Erfolge dieser neuen Rennwagen in den vergangenen vier Jahren sind ein Symbol des Erfolgs unseres siegreichen Führers beim Wiederaufbau der Nation." Wie fast alle Rennfahrer trat er dem Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps (NSKK) bei. In der paramilitärischen Organisation, einer Gliederung der NSDAP, wurden Deutsche mit Arier-Nachweis in Geländefahrten mit Krad und Auto geschult. Caracciola erhielt den Dienstgrad eines Obersturmführers im NSKK.Schon 1933 hatte der Rennfahrer sich ein Anwesen in der Schweiz gekauft, hoch über dem Luganer See gelegen. Dorthin zog er sich mit seiner Frau, einer Schwedin, während der Kriegsjahre zurück. Was sollte er auch tun? Autorennen gab es nicht mehr, an denen er teilnehmen konnte. "Glücklich war ich nicht, ohne Rennen", sagt er in einem der wenigen Filmdokumente mit ihm aus jener Zeit.Eine Trennung von Hitlerdeutschland bedeutete dies aber nicht. Jeden Monat bekam er sein Gehalt von Daimler-Benz überwiesen. 1941, zu seinem 40. Geburtstag, gratulierte ihm Hitler in einem Telegramm. In der Schweiz trat Caracciola der "deutschen Kolonie" bei, einer von der NSDAP-Auslandsorganisation geführten Vereinigung. Regelmäßig zahlte er seinen Mitgliedsbeitrag.Nach Kriegsende hoffte Caracciola, seine Rennfahrerkarriere fortsetzen zu können. Doch deutsche Rennfahrer blieben vorerst von Rennen ausgeschlossen, weil deren nationale Motorsport-Organisation kein Mitglied des internationalen FIA-Verbandes sein durfte. Also beschloss Caracciola, Schweizer Staatsbürger zu werden.Am 11. Oktober 1946 stellte er bei den Behörden im Tessin ein Einbürgerungsgesuch. Die Schweizerische Bundesanwaltschaft, die in solchen Fällen routinemäßig eine Stellungnahme abgeben musste, aber lehnte das Gesuch ab - wegen "starker Zweifel an einer zuverlässigen schweizerischen Haltung" des Deutschen, wie es in einem Schreiben vom 10. Juni 1947 heißt.Die Zweifel geweckt hatte ein Briefentwurf, den Agenten des Schweizer Nachrichtendienstes zwei Jahre zuvor aus dem Müll der Deutschen Gesandtschaft in Bern gefischt hatten. In dem Schreiben der Gesandtschaft vom 24. Juni 1943 an das Generalkonsulat Hitlerdeutschlands in Zürich ging es um den "Fall Caracciola". 1942 hatte es demnach in der NSDAP-Landesgruppe Beschwerden über den Rennfahrer gegeben, weil er sich von den Aktivitäten der deutschen Kolonie in Lugano fernhielt. Caracciola war daraufhin zu einer "gründlichen Aussprache" gebeten worden. "Caracciola hat in der Unterredung ... jeden Verdacht einer deutschfeindlichen Einstellung schärfstens zurückgewiesen und wörtlich erklärt: "Meine Existenz steht und fällt mit Adolf Hitler", heißt es in dem Schreiben von 1943. "Herr Konsul Rausch ... hat sich ... dahin ausgesprochen, dass er Caracciola für einen absolut anständigen deutschgesinnten Mann und begeisterten Nationalsozialisten halte."Im August 1947 befragten die Berner Bundesanwälte Caracciola zu dem verräterischen Brief. Der Rennfahrer bestritt, je solche Sätze gesagt zu haben. Auch sei er nie nationalsozialistisch eingestellt gewesen.Doch so richtig überzeugend scheint Caracciola bei seiner Befragung nicht gewirkt zu haben, denn die Bundesanwaltschaft blieb vorerst bei ihrer ablehnenden Haltung zur Einbürgerung. Bestärkt wurde sie darin im April 1948, als die "Frankfurter Rundschau" von Caracciolas Wunsch, Schweizer zu werden, Wind bekam. In einem Kommentar spottete die Zeitung über den "braunschimmernden" Rennfahrer, der in Hitlers Reich viel Geld verdient habe, aber nun nicht länger mehr Deutscher sein wolle.Plötzlich war Caracciolas Einbürgerungswunsch ein politisches Thema in der Schweiz. Der Rennfahrer und seine Frau wehrten sich gegen die, wie sie es nannten, Verleumdungen. Freunde der Familie standen ihnen bei, sandten Briefe an die Behörden, in denen sie die Loyalität der Caracciolas zur Schweiz und deren angebliche Nazi-Gegnerschaft bezeugten.Die Berner Bundesanwaltschaft aber blieb hart und ließ weitere Nachforschungen anstellen - ohne weitere Ergebnisse. So ergab eine Anfrage bei den Amerikanern, dass keine belastenden Unterlagen über Caracciola in den sichergestellten NSDAP-Akten existieren. Und auch Erkundigungen in Deutschland, die ein Schweizer Botschaftsmitarbeiter in Rennfahrerkreisen einholte, fielen positiv für den Einbürgerungskandidaten aus. 1949 gab die Bundesanwaltschaft ihren Widerstand auf, Caracciola wurde Schweizer Staatsbürger.Es war der letzte Sieg des Rennfahrers. 1952 startete er noch einmal im Mercedes 300 SL bei der Mille Miglia und belegte einen beachtlichen vierten Platz. Wenig später aber, beim Rennen um den Großen Sportwagenpreis von Bern, verunglückte er schwer. Die Verletzung war so stark, dass Rudolf Caracciola keine Rennen mehr fahren konnte. Am 28. September 1959 starb der Mann, der immer nur ein Rennfahrer sein wollte - um jeden Preis.------------------------------Foto: Rudolf Caracciola nach dem Grand Prix auf dem Nürburgring 1939 beim Hitlergruß; es war der letzte große Sieg seiner Karriere.Foto: Rudolf Caracciola im Mercedes-Silberpfeil beim Grand Prix Monaco 1936