Warum erregt Nicolas Berggruen - Sohn des berühmten Sammlers und Kunsthändlers Heinz Bergguren - solche Aufregung mit seiner Klage über "sehr vorsichtige, sehr bürokratische" Berliner Baubehörden, die "sich nicht entscheiden können oder utopische Bauauflagen" verkünden: "bloß nicht zu hoch, nicht zu modern, nicht zu nah am Ufer"? Das weiß man doch seit Jahren, dass in Berlin niedrige Traufkanten und geschlossene Straßenfronten, Stein- und Putzfassaden und kleinkarierte Fensterteilungen mit aller Macht durchgesetzt werden und nur Architekten und Bauherren mit viel Fantasie und geistigem wie finanziellem Durchhaltevermögen sich diesem Regelwerk widersetzen.Berggruen will am Humboldt-Hafen ein Kunstmuseum bauen, droht aber, das Projekt nach Los Angeles oder New York zu geben, wenn die Berliner nicht flexibler, dynamischer werden. Das ist Politik, er will offenkundig die Entscheidungen beschleunigen, mehr Spielraum erhalten, nicht nur für die Kunst, sondern auch für den Kommerz ganz hoch hinaus zu bauen. Etwaige Widerstände in der Bauverwaltung sollen da schon einmal im vornherein nieder gerungen werden. Denn bisher gibt es weder ein Grundstück noch einen Architekten oder einen Entwurf, über den man streiten könnte.Dennoch wäre es dumm, angesichts von Berggruens Drohung in Eigensinn zu verfallen und zu sagen: Geh doch. Die Stadt nämlich braucht wirklich dringend eine neue Architekturpolitik. Inzwischen kann Berggruen selbst Düsseldorf ohne Proteste als Vorbild hinstellen. Berlin gilt international als Mekka für moderne Kunst, Musik, Design auch, aber nicht mehr als Ort, wo Impulse für das Bauen im Zeitalter der ökologischen Umkehr, der demografischen Krise, der globalisierten Gesellschaft herkommen. Es ist Jahre her, dass ein Bau, der hier entstand, weltweit für Aufsehen sorgte. Doch statt sich an den bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden utopischen Denktraditionen der Stadt zu messen, die in den 1920er-Jahren und der Nachkriegszeit zum Weltruhm Berlins beitrugen, wird hier fast nur noch über Fassadenrekonstruktionen debattiert.Auch Berggruen hat keine Antworten bereit, außer der ziemlich kühnen Hoffnung, die Stadt wurde einmal an der High-Tech-Industrie wirtschaftlich und kulturell genesen. Aber er wagt wenigstens, nicht den Barock Schlüters oder den Schinkel-Klassizismus als abschließenden Höhepunkt aller architektonischen Zivilisation anzusehen. Dass man für solche Plattitüden schon dankbar ist, dass sie solches Aufsehen erregen können, das sagt viel aus über den aktuellen Stand Berlins in der internationalen Architekturdebatte.