Mit vier Romanen seit 1993 ist Olga Tokarczuk zu einer der populärsten polnischen Schriftstellerinnen geworden - auf ebenso konventionelle wie ungewöhnliche Weise. Konventionell, weil sie sich auf keinerlei Experimente einlässt und keinerlei Tribut an den Zeitgeist zahlt, sondern ganz einfach und altmodisch Geschichten erzählt. Ungewöhnlich, weil diese Geschichten mit einer frappierenden Leichtigkeit Grenzen überschreiten: vom Realen ins Mythische, vom Wachen ins Träumen, vom Tun zur Vorstellung. Olga Tokarczuk verfügt zweifellos über ein nicht alltägliches Talent.Die heute 38-Jährige gehörte zu einer Gruppe junger Rebellen, die 1986 die Untergrundzeitschrift "bruLion" gründeten - als Protest nicht nur gegen die offizielle Zensur des kommunistischen Staates, sondern auch gegen die verpflichtenden politisch-ethischen Wertmaßstäbe, nach denen die älteren oppositionellen Kollegen das literarische Schaffen bewerteten. "bruLion" wollte die Literatur sowohl von der kommunistischen wie der antikommunistischen Politik abkoppeln, und um ihre Toleranz gegenüber wirklich allen Auffassungen zu dokumentieren, druckten die Redakteure provokativ sogar einen pro-faschistischen Text ohne jeden Kommentar. Olga Tokarczuk fühlte sich dem Milieu also nicht auf Grund einer politischen Option verbunden, sondern umgekehrt: weil der Innerlichkeit des Menschen wieder Raum gegeben und der Mensch nicht nur als sozio-kulturelles Wesen in seinen Kontakten mit der Gesellschaft wahrgenommen wurde. Anders als die Väter-Generation erlaubten sich die jungen "bruLion"-Autoren ein Schreiben aus Lust an der Sprache und am Fabulieren. Sie wollten Dichter und Literaten sein, aber keine Missionare, für die die Sprache vor allem als Medium fungierte, um gegen das Unrecht und die Unwahrheit des kommunistischen Regimes zu protestieren. Geschichte habe sie nie interessiert, sagte Olga Tokarczuk einmal in einem Interview. Denn in der Geschichte gebe es nur Kriege, Pakte, Abkommen, blühende oder zusammenbrechende Wirtschaften, "mich hingegen interessieren die Menschen, und bei einer solchen Herangehensweise wird die Geschichte einfach zu ihrer Umwelt." So ist denn die Handlung aller Romane von Olga Tokarczuk nur oberflächlich an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort gebunden - als materielle Hülle für die dahinter liegende "eigentliche Bedeutung": die inneren Strukturen der Menschen. Und um diese Strukturen zu schildern, reicht Tokarczuk der kleinste Raum, ein Dorf, ein Haus, eine Familie. Denn schon hier findet sie alles, was die menschliche Existenz konstituiert: Sehnsucht, Liebe, Hass, Verzweiflung, Trauer, Geburt, Krankheit, Tod - alles, was die Welt außerhalb nur vervielfältigen, aber nicht durch zusätzliche Eigenschaften übertreffen kann. So bleibt Tokarczuk auch in ihrem dritten Roman "Ur und andre Zeiten" an einem einzigen Ort: in Ur, das stellvertretend steht für alle Dörfer, die Heimat sind; und in der kleinen Welt einer Familie, die stellvertretend steht für alle Beziehungen zwischen Mann und Frau, Mutter und Kinder, Frau und Geliebter, Großeltern und Enkeln.Tokarczuk, die studierte Psychologin, schafft archaisch anmutende Grundsituationen. Die Protagonisten sind mit gerade so viel individuellen Zügen ausgestattet, wie notwendig sind, um ihnen als konkrete Personen Lebendigkeit zu verleihen. Ihre Tiefendimension erhalten sie aber durch ihre magische Bedeutung, die sie zu Teilen einer organischen, großen Einheit werden lässt. Einer Einheit, der bei Tokarczuk nicht die Vision einer schönen heilen Welt zu Grunde liegt, sondern die bewusste Annahme und das bewusste Einverständnis mit den großen Gegensätzen auf der Welt. Mit Gut und Böse, Glück und Trauer, mit Hoffen und Resignieren, Wachsen und Vergehen. Insofern spielt die real historische Zeit der Familiengeschichte von Genowefa und Michal, ihren Kindern und Enkeln, die vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis ans Ende unseres Jahrhunderts reicht, eine nur untergeordnete Rolle gegenüber dem mythischen, kosmischen Zusammenhang, den Tokarczuk kreiert. Ur, das ist das Bild einer Weltordnung im Miniaturformat, einer Weltordnung, in der sich die Protagonisten in ihre Rollen fügen, weil sie sie als Schicksal akzeptieren. Da ist beispielsweise Genowefa, die bei ihrem Mann bleibt, obwohl ihre Liebe einem Jüngeren gilt, und die ihren behinderten Sohn behält, obwohl sie davon überzeugt ist, dass er bei der Geburt gegen ein anderes Kind vertauscht wurde. Da ist Ähre, die - wie eine Hexe aus der dörflichen Gemeinschaft verstoßen - sich im Wald eine Existenz mit Pflanzen und Geistern aufbaut. Da ist aber auch Adelka, die Enkelin von Genowefa und Michal, für die kein Platz mehr in Ur ist: als Städterin abgelehnt vom Vater, wird ihr sogar die zeitweilige Rückkehr unmöglich gemacht. Tokarczuks besondere Kraft liegt in ihrer fast märchenhaften Erzählweise, in der neben dem Sehen, Fühlen und Erkennen auch das Träumen und Imaginieren seinen festen Platz hat, und die Seelen und Körper der Menschen erzählen, was sich ihrem Verstand verweigert. Wie in Träumen verfügen Tokarczuks Pflanzen über Stimmen, Geister über reale Kraft und Tiere über Seelen. Wie in Träumen und Märchen sprechen Menschen mit Tieren und Pflanzen und tote Seelen verwandeln sich in Geister. "Von Zeit zu Zeit kannst du den Intellekt beiseite schieben und mit Symbolen und Bildern spielen", erläutert Tokarczuk ihre Schreibweise. "Du kannst alternative Welten kreieren und in ihnen verschiedene Ideen ausprobieren." Aus der teilweise chaotischen, auch unklaren und verschwommenen Welt der Träume schöpfen Tokarczuks Protagonisten einen Trost, den ihnen die konkrete, bewusste und materielle Welt verwehrt. Denn in Träumen schließen sich die Gegensätze nicht aus und Unmögliches wird möglich: da können sich Menschen mit Pflanzen paaren, Tiere in Menschen verlieben und Gebärende im Augenblick der größten Schmerzen Christus begegnen.Tokarczuks mythische, überzeitliche Welt ist eine versöhnliche Welt. Denn selbst das Dunkle in ihr wird zum Teil einer höheren Ordnung, die einem Ziel und einer inneren Bestimmung folgt - der Mensch sollte sich ihr allerdings fügen und sich nicht dagegen auflehnen. "Die Welt ist jetzt anders als damals", lässt Tokarczuk eine junge Frau nach dem Zweiten Weltkrieg hoffen. "Besser, größer, heller. Es gibt Impfungen gegen Krankheiten, es gibt keine Kriege, die Menschen leben länger... Meinst du nicht auch?" Doch ihre Protagonistin weiß es besser: "Misia blickte in ihr Glas mit dem Kaffeesatz und schüttelte den Kopf."Olga Tokarczuk:Ur und andere Zeiten. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin Verlag, Berlin 2000. 288 S., 39,80 Mark.