Sie trugen Waffen und Munition, Essen und Kleidung durch den Dschungel von Vietnam, zur Regen- und zur Trockenzeit. Sie lernten das Gewicht der Dinge kennen, die sie trugen, und trugen nur das Nötigste. Aber die Notwendigkeit hat, wie sie erfuhren, ihre eigenen Idiosynkrasien. Sie trugen Fotos der Mädchen zu Hause und redeten sich ein, von ihnen geliebt zu werden, was nicht stimmte. Sie trugen Tagebücher und Bibeln und banden sich Strumpfhosen der Geliebten um den Hals, und Ted Lavender, der Angst hatte, wie wir in der Titelgeschichte des Buches erfahren, trug Tranquilizer und erstklassiges Dope bis er "vor dem Dorf Than Khe eine Kugel in den Kopf bekam".Tim O Brien trug all diese Geschichten mit sich. In den Jahren 1969 und 1970 diente er als Fußsoldat in Vietnam. Dennoch ist sein schon 1990 veröffentlichtes, zweites ins Deutsche übersetztes Buch "Was sie trugen" keine Autobiographie; es ist ein Buch über das Geschichtenerzählen. So wie in Kurt Vonneguts literarischer Verarbeitung des Luftangriffs auf Dresden, "Schlachthof 5", erweist sich die Vergangenheit auch hier als heimtückisches Gelände. Das Erinnerungsvermögen ist keine verläßliche Zeitmaschine: Man weiß vorher nie, wo man landet."Was sie trugen" enthält eine Abfolge sorgfältig ineinander verwobener Geschichten, die in ihrer Zusammenballung ihre ganz eigene Kraft entwickeln. Der Erzähler heißt Tim O Brien, und durch seine Augen sehen wir Vietnam durch die Augen des zum Soldaten gewordenen amerikanischen Teenagers und des zum Schriftsteller gewordenen 43jährigen Vietnam-Veteranen. Tim O Brien der Ältere kämpft darum, all die toten Seelen aus seiner Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken. Nur in Geschichten, insistiert der Autor in stiller Verzweiflung, kann es geschehen, daß "die Toten lächeln, sich hinsetzen und in die Welt zurückkehren".O Brien treibt seine Geschichte in tausend kleinen Untergeschichten voran. Diese Stories sind genausosehr um das bemüht, was sie vergeblich auszudrücken versuchen, wie um die Rolle, die Geschichten spielen, wenn wir versuchen, uns der Wirklichkeiten und Unwirklichkeiten eines Krieges zu versichern. In "Wenn man von Mut spricht" beschwört O Brien die Sinnlosigkeit der Verschwendung von Menschenleben herauf, mit der die Vietnam-Veteranen konfrontiert wurden, als sie zurückkehrten. Er läßt eines Nachmittags Norman Bowker in seinem Laster immer rund um den See in der Mitte einer Kleinstadt herumfahren und dabei wie in einer endlosen Schleife an jene Nacht denken, in der er versuchte, seinen Freund Kiowa davor zu retten, im Kot eines vietnamesischen Rieselfeldes zu ertrinken.In "Nachtleben" erleben wir den Ausbruch irrationaler Ängste mitten im schwärzesten vietnamesischen Dschungel: "Das Geschnatter der Affen handelte vom Tod. Die Nächte waren abartig." Die Dialogkadenzen in diesem Buch sind so akkurat wie komisch. Einmal lehrt Kiowa, der Indianer mit der Bibel im Tornister, Dave Jensen und Rat Kiley vor den Augen vietnamesischer Bauern einen Regentanz. An anderen Stellen mischt sich der Humor mit dem Obszönen. In "Das Leben der Toten" marschiert die Einheit in ein Dorf ein und entdeckt die Leiche eines alten Mannes, der, das Gesicht nach oben, neben einem Schweinekoben liegt. Einer seiner Arme fehlt. Die meisten Soldaten gehen hin und schütteln dem toten Mann die eine Hand, die er noch hat. "Rat Kiley beugte sich über den alten Mann. ,Schlag ein , sagte er. ,Habe die Ehre. " Doch das Obszöne, schreibt O Brien, ist ein Teil der Kriegserfahrung: "Wenn man junge Männer in den Krieg schickt, werden sie, wenn sie heimkommen, zotige Witze erzählen."In "Am Rainy River" beschreibt der Erzähler einige Probleme mit seiner eigenen Feigheit. An einem heißen Nachmittag landet der Gestellungsbefehl auf seiner Türschwelle, und in den folgenden Tagen wälzt er den Gedanken, vor dem Kriegsdienst nach Kanada zu fliehen. Erst gegen Ende der Geschichte merken wir, daß die Feigheit, die er sich vorwirft, die war, nicht nach Kanada zu gehen; statt dessen in den Krieg zu ziehen und Menschen zu töten, "weil es mir zu peinlich gewesen wäre, es nicht zu tun".Die Geschichten schweifen über der Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit hin und her, während ihr Erzähler unbarmherzig versucht, seinen Erfahrungen einen Sinn abzupressen. "Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat, der findet immer neue Glieder, neue Stäbe", heißt es bei Walter Benjamin. Für Tim O Brien endet diese Suche in der Frustration einer Figur namens Sanders, als sie "nicht mehr alle Einzelheiten richtig hinbekam und die endgültige, definitive Wahrheit nicht in Worte fassen konnte".Das Buch enthält Unterabteilungen mit Titeln wie "Stil" oder "Eine Frage der Form" und eine atemberaubende Anleitung zur Autorschaft in dem Kapitel "Wie man eine wahre Kriegsgeschichte erzählt". Der Erzähler besteht darauf, daß alles, was er uns aufgeschrieben hat, die "reine Wahrheit" sei: " so hat es sich abgespielt." Später behauptet er das genaue Gegenteil: "Es wird Zeit, Klartext zu reden. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, das ist wahr, ich bin heute Schriftsteller, und vor langer Zeit bin ich als Fußsoldat durch die Provinz Quang Ngai marschiert. Fast alles andere ist erfunden." Dann jedoch fährt er fort: "Aber es ist kein Spiel. Es ist eine Frage der Form Sie sollen nachempfinden, was ich empfunden habe. Sie sollen begreifen, warum die erzählte Wahrheit oft größer ist als die erlebte Wahrheit."Die Wahrheit einer Story, schreibt O Brien, liegt nicht in der Faktentreue. "Eine wahre Kriegsgeschichte können Sie an den Fragen erkennen, die Sie hinterher stellen. Nehmen wir an, jemand erzählt eine Geschichte, und hinterher fragen Sie: ,Ist das wahr? Und wenn Ihnen die Antwort wichtig ist, haben Sie die Antwort." Walter Benjamin schrieb über die nicht mehr mitteilbare Kriegserfahrung: "Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken " So grausam die Kriegsmaschine vor ihren Augen gearbeitet hatte, so unfähig waren die Heimgekehrten, ihre Erfahrung davon mitzuteilen. Benjamin war überzeugt, "daß es mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht". Über fünfzig Jahre und einen Weltkrieg später behauptete Adorno, das Unsagbare in der schmerzhaften Stille einer Beckettschen Pause hören zu können.In "Was sie trugen" weigert sich Tim O Brien standhaft, seine Vietnam-Erfahrung in Platitüden von Wahnsinn und Schrecken des Krieges zusammenzufassen. Die Absicht dieses Erzählers besteht in dem entschiedenen Versuch, das Erzählen selbst am Leben zu erhalten, obwohl er weiß, daß es Dinge gibt, die er nicht mitteilen kann. Die Kriegserfahrung ist die brennende Kerze, um die dieses Buch kreist; das Gelingen seiner Stories liegt unzweifelhaft darin, daß sie nie zu nah an die Flamme kommen.Tim O Brien: Was sie trugen. Erzählungen. Deutsch von Regina Rawlinson. Luchterhand Literaturverlag, München 1999. 250 S., 38 Mark.