Das Kapitel über die Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland ist noch längst nicht abgeschlossen. Denn es gibt sie, die zahlreichen Verfolgten und Unterdrückten des SED-Terrors, die sich heute vielfach an den Rand gedrängt fühlen. Und es gibt die anderen, die unbelehrbaren Stützen und Systemträger des SED-Staates, für die der Sprung in die neue gesellschaftliche und politische Ordnung des wiedervereinigten Deutschlands oftmals einfacher war.Vor diesem Hintergrund gilt es allerdings eine notwendige Unterscheidung zu beachten: Die kompromißlose, wehrhafte und entschlossene Überwindung von Erblasten der SED-Diktatur, die sich schädlich auf unsere freiheitlich-demokratische, rechtsstaatliche und marktwirtschaftliche Ordnung auswirken und mithin die Herstellung der inneren Einheit erschweren, ist das eine. Das andere ist jedoch die ausgestreckte Hand gegenüber Menschen, die einst - aus Überzeugung, Verirrung oder Opportunismus - dem SED-Regime dienten, nunmehr aber einen konstruktiven Beitrag im vereinigten Deutschland leisten wollen.Schon die Enquetekommission des 12. Deutschen Bundestages zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" hat in ihrem Abschlußbericht vom Juni 1994 formuliert: "Erst wenn die Wahrheit offengelegt und Schuld von den Tätern eingestanden ist, kann auch die Versöhnung zur Sprache gebracht werden." Und weiter: "In diesem Zusammenhang erscheint aber andererseits der Hinweis von Gewicht, daß es im Prozeß des Zusammenwachsens und der Herstellung der inneren Einheit Deutschlands keine pauschale und dauerhafte Ausgrenzung jener geben darf, die seinerzeit in ihren Funktionen an nachgeordneter Stelle an dem diktatorischen System mitgewirkt haben." Verdrängen, Vertuschen und Verleugnen der Wahrheit untergraben das Vertrauen und destabilisieren auf längere Sicht das Zusammenleben. Die Möglichkeit der Versöhnung setzt Wahrheit voraus. Wahrheit in diesem Zusammenhang bedeutet auch, Schuld einzugestehen und Reue zu empfinden.Bei der Debatte über den Abschlußbericht der Enquetekommission bekannte der PDS-Abgeordnete und frühere DDR-Kulturminister Dietmar Keller, daß die vielen Anhörungen mit Opfern der Menschrechtsverletzungen durch die SED-Diktatur zu den bittersten Stunden seines Lebens gezählt hätten: "Ich betrachte es als Mitglied der Enquetekommission der PDS/Linke Liste als meine moralische Pflicht und Verantwortung, mich bei den Opfern der SED-Diktatur zu entschuldigen." Man kann einwenden, daß dies nicht weit genug gehe. Reue müsse in Umkehr münden, und davon könne keine Rede sein, wenn weiterhin die Mitgliedschaft in der SED-Fortsetzungspartei PDS aufrechterhalten werde. Das ist richtig. Aber immerhin hat es einen ersten Schritt gegeben, der sich sehr positiv von den üblichen unbelehrbar-rechthaberischen Stellungnahmen in solchen Auseinandersetzungen abhebt. Dies trifft auch auf die Erklärung des einstigen Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski zu, die er im Februar 1996 vor dem Berliner Landgericht abgab. "Ich bitte die Angehörigen der Opfer um Verzeihung. "Ist es ein würdeloser Gang nach Canossa, das hier zu bekennen? Ich meine nicht. Würde kann mit Sicherheit nicht da sein, wo bankrotte Selbstgerechtigkeit sich in die Tasche lügt."Den Menschen, die glaubwürdig ihre Abkehr von totalitären Vorstellungen unter Beweis stellen und sich keiner schwersten Straftaten oder Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, darf das Mitwirken im vereinigten Deutschland nicht versagt werden. Die alte Bundesrepublik hat eine solche Eingliederungsfähigkeit besessen, was die Akzeptanz der neuen Ordnung nachhaltig begünstigt hat. Die Eingliederung betraf nicht nur - wie vielfach behauptet wird - Mitläufer und kleine Anhänger des NS-Regimes, sondern auch Deutsche aus dem Exil, die dort häufig ganz andere gesellschaftliche und politische Vorstellungen entwickelt hatten, als sie dann in der Bundesrepublik verwirklicht wurden. Ein prominenter Vertreter dieser letztgenannten Kategorie war Herbert Wehner, der von 1937 bis 1941 als kommunistischer deutscher Emigrant in der Sowjetunion lebte. +++