Die Konterrevolution in der Kurt-Steffelbauer-Oberschule im märkischen Storkow beginnt am 29. Oktober 1956 in der Geschichtsstunde. Als Lehrer Mogel mit dem Unterricht anfangen will, halten die kaum 18-Jährigen spontan ein fünfminütiges Schweigen für die vielen toten Aufständischen in den Straßen von Budapest ab. Minutenlang schweigen sie eisern auf die Unterrichtsfragen des Geschichtslehrers, der gleichzeitig Parteisekretär der Schule ist.Der Rias hatte zu solchen Schweigeminuten aufgerufen. Über diesen Radiosender, der mit amerikanischer Unterstützung aus West-Berlin sendete, informierten sich die Oberschüler - heimlich. Einen Tag später wiederholt die Klasse die Schweigeminuten vor der Mathestunde - empört über den angeblichen Tod des bekannten ungarischen Fußballstars Ferenc Puskas, der auf Seiten der Aufständischen gefallen sein soll. Es ist eine Falschmeldung, die ebenfalls vom Rias übertragen wird.Einer der Schüler von damals, Dietrich Garstka, hat nun ein Buch über seine Schulklasse geschrieben. Garstka lebte heute als pensionierter Gymnasiallehrer in Essen. Damals initiierte er die Protestaktion in der Schule am See. In einem recht nüchternen Ton und auf der Grundlage umfangreicher Quellen beschreibt er, welche dramatischen Konsequenzen dieser jugendliche Protest nach sich zog. "Heute wäre unser Schweigen nicht der Rede wert", so Garstka. "In der Diktatur ist das anders."Zunächst erfährt die Staatssicherheit aus dem familiären Umfeld eines Schülers von dem Vorfall, dann erst schalten sich die Lehrer ein. Schließlich taucht der grobschlächtige Volksbildungsminister Fritz Lange persönlich in der Schule auf, um die "Rädelsführer" zu ermitteln. Nun kommt die staatliche Repressionsmaschine in Fahrt. Der Volksbildungsminister droht Schülern sogar damit, ihnen "die Fresse zu polieren", sollten sie den "Putsch in Ungarn" verteidigen. Etliche Verhöre folgen. Dabei zeigt sich die Angst der SED-Oberen vor einem weiteren Volksaufstand auch in der DDR. "Wenn es einmal anders kommt, dann sind diese Jugendlichen die Ersten, die am Strick ziehen werden", schreibt der Minister in seinem Bericht.Die Schüler halten in anrührender Weise zusammen. Als sich trotz des enormen staatlichen Drucks kein Anstifter feststellen lässt, kommt Genossin K., die Abteilungsleiterin für Volksbildung im Rat des Bezirkes Frankfurt (Oder), in die Schule und löst die Klasse einfach auf. Zum Abitur soll keiner mehr zugelassen werden - weil die Schüler "nicht von sich aus Ordnung schaffen und sich von konterrevolutionären Elementen distanzieren", so die Dame fünf Tage später in ihrem Bericht. Auch die meisten Lehrer hätten "ein faules Versöhnlertum" gezeigt.Nach der drakonischen Bestrafung verabreden die Schüler die Flucht nach West-Berlin. Der Fluchtplan wird während eines lokalen Fußballspiels auf den Zuschauerrängen besprochen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zwischen Weihnachten und Silvester 1956 fliehen 15 Schüler per Zug und S-Bahn in den Westen, die Grenze ist noch offen. Beim Umsteigen am Ostkreuz laufen sie die Treppen mehrmals runter und rauf, um mögliche Beschatter abzuschütteln. Nur vier Mädchen aus der Klasse bleiben in Storkow.In West-Berlin wird die Flucht der Schulklasse als Propagandaerfolg im Kalten Krieg gefeiert: "Die tapferen Primaner von Storkow - eine ganze Schulklasse floh in die Freiheit", titelte die Bild-Zeitung am 31. Dezember 1956. Die DDR-Behörden üben Druck auf die Eltern aus, sie sollen ihre Kinder zurückholen. Nach einigen Wochen siedelt die Klasse geschlossen in ein kirchliches Schulinternat im hessischen Bensheim über, macht dort Abitur. Dort besucht sogar Adenauers damaliger Außenminister, Heinrich von Brentano, die Schüler. Inzwischen sind auch der Storkower Mathelehrer sowie einige Eltern in den Westen geflüchtet.Mit der Zeit werden aus den Oberschülern von Storkow Apotheker oder Lehrer. Einer lebt später als Sozialhilfeempfänger in Berlin, ein anderer als Ingenieur in Amerika. Nach dem Mauerfall sieht man sich beim Klassentreffen in Storkow wieder. Die Mädchen, die in der DDR geblieben waren, erzählen ihre Lebensgeschichte.Dietrich Garstka, der Anstifter der kleinen Rebellion, vermeidet auch im Rückblick auf seine Erlebnisse jedes Triumphgefühl. Er erklärt nachvollziehbar, wieso sich die Schüler mit den ungarischen Aufständischen identifizierten. Da sei dieses jugendliche Gerechtigkeitsgefühl gewesen, dass hier ein David gegen einen Goliath, gegen die sowjetische Übermacht, kämpfte. Und die Schüler selbst hatten die Sowjets zunächst meist nicht als Befreier erlebt. Während auch die Eltern von "dem Russen" sprachen, von Krieg oder Vertreibung, hörten die Schüler von Lehrern und FDJ nur Gutes über den Sowjetmenschen. Garstka zeigt, wie brüchig das DDR-System damals im ärmlichen Storkow war.------------------------------Foto: Nach dem Aufstand: Das schweigende Klassenzimmer aus Storkow fliegt im Januar 1957 nach Frankfurt am Main. Mit Brille: der Autor.------------------------------Foto: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer. Eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg. Ullstein, Berlin 2006. 220 S., 18,90 Euro.