Es dauerte seine Zeit, bis die Menschen in Budapest das Ungeheuerliche begriffen haben. Immer wieder hörten sie am Wochenende ihren Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany in Radio und Fernsehen die Worte sprechen: "Wir haben gelogen. Morgens. Abends. Und in der Nacht." Das war ehrlich. Aber viele Ungarn waren längst selbst zu dieser Meinung über ihre Politiker gelangt. Was Politikverdrossenheit angeht, hält das Land eine Spitzenposition in Europa. Doch nun bezichtigte sich der junge Regierungschef selbst der Lüge. Seine Stimme kam von einem Tonband, das auf noch ungeklärte Weise seinen Weg in die Medien fand. Gyurcsany klang nicht etwa zerknirscht, nicht wie einer, der sein völliges Versagen, sein Scheitern auf ganzer Linie eingesteht. "Wir haben in den letzten Jahren nichts geleistet, nur gelogen", sagte der Regierungschef. Das klang dreist, fast zynisch. Und das verschlug den Menschen in Ungarn zunächst die Sprache.80 Minuten SendepauseDann gingen sie auf die Straße. Zehntausend Demonstranten sollen es am Montagabend gewesen sein, die auf dem Platz vor dem Parlament protestierten. Sie forderten den Rücktritt des Premiers und von Staatspräsident Laszlo Solyom die Ausschreibung von Neuwahlen. Einigen, es waren laut Polizei vor allem Rechtsextreme und Fußball-Hooligans, war das nicht genug. Sie warfen Steine, Flaschen und Brandsätze, sie zündeten Autos an; rund 200 Menschen wurden verletzt. Dann begann der Sturm des nahe gelegenen Gebäudes des staatlichen Rundfunks. "Wir wissen nicht, warum sie sich uns als Ziel ausgesucht haben", sagte der Journalist Janos Betlen gestern. "Die Proteste richteten sich nicht gegen das Fernsehen. Sie wollten, dass wir eine Petition verlesen. Aber davon haben sie nichts gesagt. So wusste niemand, was sie eigentlich wollten - weder im Sender noch außerhalb." Und so eskalierte die Lage. Für 80 Minuten schwiegen beide Fernsehstationen. Sendeausfall. Erst gestern am frühen Morgen zogen die letzten Demonstranten ab. Und Betlen versichert: "Das ging nicht gegen uns, das ging gegen die Regierung."Auch in anderen Städten des Landes gingen die Menschen auf die Straße. Eine solche Welle des Unmuts hat Ungarn seit Jahrzehnten nicht erlebt. Genauer gesagt seit 1956. "Ungarn-Aufstand" - ein großes Wort". Premier Gyurcsany mochte davon aber nichts wissen. Er versuchte gestern zunächst, den Aufruhr zu bagatellisieren und seine Amtsgeschäfte wie geplant fortzusetzen. Dann aber sprach er von der "längsten und dunkelsten Nacht für die Republik" und berief den nationalen Sicherheitsrat ein. Nachgeben aber will er nicht. "Ich bleibe, und ich mache meine Arbeit", versicherte er gestern. Am Nachmittag zogen in Budapest erneut mehr als 10 000 Menschen zum Parlament und forderten den Rücktritt der Regierung.Aufnahmen in vertrauter RundeZum ominösen Tonband mochte Gyurcsany kein Wort sagen. Es war bereits am 26. Mai, einen Monat nach der für die Sozialisten siegreichen Parlamentswahl, auf einer Fraktionssitzung aufgenommen worden. Die Echtheit hatte Gyurcsany sofort bestätigt und eine Abschrift auf seine Web-Seite gestellt. "Wir haben fast keine Wahl", heißt es da. "Wir haben keine Wahl, weil wir's verschissen haben. Nicht ein bisschen, sondern sehr. In Europa hat man so eine Blödheit noch in keinem anderen Land gemacht . Wir haben offenbar die letzten eineinhalb bis zwei Jahre durchgelogen. Es war ganz klar, dass nicht wahr ist, was wir sagen." Weiter: "Und was haben wir sonst während der vier Jahre gemacht? Nichts. Ihr könnt keine einzige Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein können, außer jener, dass wir zum Schluss die Regierungsarbeit aus der Scheiße gefahren haben."Das ist der Beweis, rief die konservative Opposition. Ihr konnte zwei Wochen vor den Regionalwahlen nichts besseres passieren. Das Land sei in die Hände eines politischen Abenteurers geraten, empörte sich der Vizechef der konservativen Jungdemokraten. Zu tief sitzt die Abneigung der Konservativen gegen Gyurcsany. Schon der steile Aufstieg gibt Anlass zu Spekulationen. Der 45-Jährige stammt aus einfachen Verhältnissen, er ist der Prototyp eines Nachwende-Aufsteigers. Gyurcsany gilt als Verkörperung des wohlhabenden, städtischen und modernen Ungarn.Gyurcsany übernahm 2002 nach einer Palastrevolution in der Sozialistischen Partei mitten in der Legislaturperiode das Amt des Premiers. Im April stellte er sich zur Wiederwahl. Abenteuerlich galt vielen Experten, was der Sozialist im Wahlkampf verkündete - und was er verschwieg. Jahrelang hatten seine Vorgänger, Konservative wie Sozialisten, Steuergeschenke verteilt und so das größte Budgetdefizit Europas - gemessen am Bruttoinlandsprodukt - angehäuft. Um die Erreichung der Euro-Kriterien ging es längst nicht mehr. Das Land musste davor bewahrt werden, in eine wilde Schuldenwirtschaft abzugleiten. Von Sparen aber fiel im Wahlkampf kein Wort, auch die Konservativen schwiegen. Sie versprachen eine weitere Reduzierung der Abgabenlast, die Rentner sollten sich auf eine 14. Monatszahlung freuen. Mit Ehrlichkeit hatte das wenig zu tun.Schon als Gyurcsany in der Wahlnacht vor seine Anhänger trat, wirkte er zwar glücklich, aber nicht wie ein Triumphator. Dabei hatte er Historisches vollbracht: Zum ersten Mal seit der Wende konnte ein Premier eine zweite Amtszeit antreten. Doch der Unternehmer Gyurcsany wusste, was er tun musste. Schon bald nach der Wahl verkündete er ein hartes Sparprogramm: 20 Reformprojekte in 40 Tagen zur Konsolidierung des Etats. Durch Abbau von Subventionen stiegen die Preise für Gas um 30 Prozent und für Strom um 14 Prozent. Plötzlich war von einer "Phase des Schmerzes" die Rede, die bis Ende 2007 andauern würde.Die Wahrheit offenlegenMit welch drastischer Sprache Gyurcsany seine eigenen Leute auf diesen Kurswechsel einschwor, ist nun bekannt. Die Wahrheit offen zu legen, das sei das Ziel seiner Rede gewesen, beteuert er. Ihm sei es darum gegangen, für seine Reformpolitik zu werben, betonte er im Rundfunk. "Ich wollte reinen Tisch machen, und wenn meine Popularitätswerte in zwei Monaten um 20 Punkte fallen, so interessiert mich das nicht im Geringsten."Er, so der Premier, habe eine Grundsatzdebatte anstoßen wollen. Doch das mag niemand glauben, bei einer geheimen Rede. Die Opposition kann jedenfalls auf einen Sieg bei den Regionalwahlen hoffen. Ob sie weiter den Sturz des Premiers betreiben sollte, muss sie jedoch abwägen. Denn fest steht: Gyurcsany hatte nicht nur mit seiner Analyse des desolaten Zustandes der ungarischen Wirtschaft recht, sondern auch mit einer weiteren Einschätzung. "Ihr irrt Euch, wenn ihr denkt, dass Ihr die Wahl habt", sagte er auf dem Bandmitschnitt. "Ihr habt sie nicht. Heute besteht höchstens die Wahl, ob wir versuchen zu beeinflussen, was passiert oder ob uns das ganze Zeug auf den Kopf fällt. Die ersten paar Jahre werden furchtbar sein."------------------------------Das Tony-Blair-DoubleFoto: Ferenc Gyurcsany, 45, stammt aus dem südwestungarischen Dorf Papa. Er studiert in Pecs Lehramt, später Wirtschaft und macht als Jugendfunktionär der Kommunistischen Partei Karriere.Nach der Wende geht er in die Wirtschaft. Mit windigen Spekulationsgeschäften steigt er zu einem der reichsten Männer Ungarns auf.In die Politik kehrt der Multi-Millionär im Jahr 2002 zurück. Er wird Berater des Oppositionsführers Peter Medgyessy. Der Sozialist löst 2002 den Konservativen Viktor Orban als Premier ab und macht Gyurcsany zu seinem Sportminister.Zum Regierungschef steigt Gyurcsany 2004 auf. 2006 wird er im Amt bestätigt. Erst nach der Wahl kündigt er ein hartes Sparprogramm an. Die Medien sprechen von Ungarns Tony Blair. Doch macht Gyurcsany auch außerhalb der Politik Schlagzeilen. In einem Video für seinen Pressesprecher doubelt er den Darsteller Hugh Grant. Ausgerechnet im Film "Tatsächlich Liebe", in dem Grant den britischen Premier Blair doubelt. Am kommenden Freitag wollte Gyurcsany in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen.------------------------------POLITISCHE REDEPANNENUS-Präsident Ronald Reagan wurde 1984 Opfer offener Mikrofone. Vor einer Radioansprache sollte er eine Mikrofonprobe machen. Reagan sagte: "Ich habe soeben das Gesetz zur Auslöschung der Sowjetunion unterschrieben. Die Bombardierung Russlands beginnt in fünf Minuten." Sein Problem: Er war schon auf Sendung. Es kam zu diplomatischen Protesten.George W. Bush verplapperte sich im September 2000. Während eines Wahlkampfauftritts in Naperville entdeckte Bush unter den Zuschauern den Journalisten Adam Clymer, einen seiner schärfsten Kritiker. Er raunte seinem Freund Dick Cheney zu: "Da ist Adam Clymer, das Riesenarschloch von der New York Times." Doch das Mikrofon war schon eingeschaltet, und das Publikum hörte mit.Spaniens Premier José Maria Aznar: beendete im Jahr 2002 seine Rede mit den Worten: "Was für einen langweiligen Mist habe ich da wieder erzählt." Er glaubte, das Saalmikrofon sei schon abgedreht.US-Präsident George W. Bush speiste im Juli 2006 auf dem G8-Gipfel mit dem britischen Regierungschef Tony Blair. Auch dabei war das Mikrofon offen. Bush freimütig: Rice "muss ... Syrien dazu zu bringen, die Hisbollah dazu zu bringen, diesen Scheiß zu lassen, und die Sache ist erledigt." Ungarns Premier Ferenc Gyurcsany gestand im Mai 2006 intern, gelogen zu haben. Das Band wurde jetzt dem Radio zugespielt. Wörtlich sagte Gyurcsany: "Es ist fantastisch in der Politik zu sein. Fantastisch. Es ist fantastisch ein Land zu regieren. ... Dabei inspiriert mich eines: der Linken in diesem verdammten Land wieder ihren Glauben an sich zurückzugeben. Ich mach das nicht für die Geschichtsbücher, darauf pfeif ich. ... Aber wir haben es vermasselt. Wir haben durch hunderte Tricks und göttliche Vorsehung die Wahl gewonnen.... Und wir haben gelogen. Morgens. Abends. Und in der Nacht. Ich will das nicht länger für mich behalten."------------------------------Grafik: Arbeitslosenquote------------------------------Grafik: Haushaltsdefizit------------------------------Foto: Fast ein Revolutionsgemälde: Mit Tränengas versucht die Polizei in Budapest das Gebäude des staatlichen ungarischen Fernsehens vor Demonstranten zu schützen.