Ungewohnt untätig beobachtet Gerhard Mayer-Vorfelder das Desaster seines VfB Stuttgart: Auch der Präsident leidet unter Ladehemmungen

STUTTGART, 1. April. Auch der Chef ist beim VfB Stuttgart nicht mehr das, was er mal war: Von seinen letzten Trainern hat sich Gerhard Mayer-Vorfelder stets pünktlich nach 19 Monaten getrennt jetzt wäre es wieder soweit, doch dem großen Vorsitzenden ist das Timing abhanden gekommen."Die Vereinsführung muß ihrer Verantwortung gerecht werden", hatte Mayer-Vorfelder nach den jüngsten 0:3-Packungen gegen den FC Bayern und in Berlin gedroht doch auch heute abend, im Halbfinale des Europacups der Pokalsieger gegen Lokomotive Moskau, sitzt Joachim ("Jogi") Löw noch fest auf seiner Bank. Der VfB-Präsident leidet unter Ladehemmung wie seit Wochen die ganze Mannschaft.Bobic wieder genesenDoch jetzt wollen sich alle noch mal zusammenreißen. "Die Saison geht noch sechs Wochen", sagt Fredi Bobic, "dann ziehen wir einen Schlußstrich und zählen zusammen." Bobic, der Torjäger, will beim Schulterschluß gegen die Russen wieder mithelfen zuletzt fehlte er, weil ihm die Schulter etwas aus den Bändern gerutscht war. Wie so vieles beim VfB.Man muß viel Zeit haben, um das jüngste Theater im Schwaben-Stadl auflisten zu können. Seit Krassimir Balakov, der VfB-Vorzeigestar, über Fasching mit seinem Abgang drohte, geht es drunter und drüber. Die Mannschaft ist in etliche Einzelteile zerfallen. Mal klagt Balakov dem Präsidenten, daß der Schweizer Co-Star Murat Yakin im Mittelfeld seine Kreise stört ("Der schlägt dauernd selbst lange Bälle, über mich weg."), mal stören ihn Yakins weiße Kickstiefel ("Das konnte sich früher Giovane Elber erlauben."). Kapitän Verlaat und Bobic gifteten in einem Interview gegen alles, was sich bewegt, und zuletzt mußte Trainer Löw auch noch die Profis Poschner und Haber suspendieren, die nächtens an einer Theke ertappt wurden."Die Selbstkritik vieler Spieler ist nicht sehr ausgeprägt", hat Löw erkannt, und wie zur Bestätigung fauchte der Routinier Berthold beim Training am Dienstag den Sat-1-Reporter an: "Wer hat denn euren Bericht vom Spiel in Berlin gemacht? Der hat noch nie gegen den Ball getreten." Noch schlechter, so Augenzeugen der Pleite gegen die Hertha, war allerdings Berthold."Wir haben in letzter Zeit haarsträubende Fehler gemacht", weiß Löw. Der Präsident bezieht seinen Jogi da durchaus mit ein. Den wollte er nie. Doch im Sommer 96 gewann Löw, die Übergangslösung, alle Spiele, man mußte ihn nehmen und sogar Pokalsieger ist er geworden.Doch der Rausch hat extrem nachgelassen. "Ich verlange jetzt wirklich von jedem", sagt Löw streng, "daß er seine persönlichen Interessen zurückstellt und sich für das Team aufopfert." Jetzt wirklich man liest heraus, daß es bisher nicht wirklich so war, und alle hatten eigentlich schon übers Wochenende mit dem Laufpaß für Löw gerechnet und mit der Ankunft des gerade freigewordenen Winnie Schäfer, zum Beispiel. Jedenfalls steht Mayer-Vorfelder der Handlungsbedarf im Gesicht: Vor allem im Kampf ums millionenschwere UEFA-Cup-Ticket wird s langsam eng, er muß die Reißleine des VfB-Fallschirms ziehen sonst gibt s beim Aufprall ein hartes Erwachen.Erinnerung an DaumDer Präsident traut Löw nichts mehr zu. Zuweilen unterstützt er ihn schon beim Motivieren: Vor Wochen, vor dem Cup-Halbfinale gegen die Bayern, ließ er angeblich den DFB-Pokal aus der Vitrine holen und vor dem Spiel in der Kabine auf den Tisch stellen, um Team und Trainer für die große Aufgabe zu erhitzen. Es war für die Katz. "Wir haben", kapitulierte Löw, "kein Selbstvertrauen." Es ist die Körpersprache. Löws Schultern drücken einen gewissen Grundpessimismus aus, sie stürzen beidseitig etwas jäh ab. Was schon letzte Saison so war nur kam damals beim Jubeln über die Tricks und Tore des Magischen Dreiecks noch keiner auf die Idee, das hängende Schlüsselbein des Trainers als Bedrohung für das Selbstbewußtsein zu werten.Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Nichts geht mehr von selbst. Löw hat ein Autoritätsproblem, und Mayer-Vorfelder weint im kleinen Kreis verstärkt den Meisterzeiten mit Christoph Daum nach, dessen Schultern besser gepolstert sind und der gerade erst im ZDF-Sportstudio sein großes Geheimnis verriet: "Um Erfolg zu haben, muß man eine Gemeinschaft vom Platzwart bis zum Präsidenten erzeugen." "Bei uns ist keine Gemeinschaft mehr da", sagt Mayer-Vorfelder.