Zuerst scheinen die Motive an dem neuen Wohnhaus Christinenstraße 3 im Altbauviertel um den Teutoburger Platz vertraut: Der rechte Winkel dominiert die Fassade, die großen Fenster sind holzfarben, ein Erker springt in die Straßenflucht vor. Sogar die inzwischen übliche, die Sockelzone verstellende Garageneinfahrt gibt es. Dennoch haben die Architekten Thorsten Englert und Frank Diedelmann dieser schmalen Fassade Spannung gegeben: Neben dem konventionell wirkenden Rechteckbau in der Straßenflucht steigt ein Erker auf, leicht abgeschrägt und fast völlig verglast.Es entsteht der Eindruck zweier sich durchdringender Baukörper. Besonders bei nächtlicher Beleuchtung kontrastiert der offene Erker mit dem eher geschlossenen Fassadenteil. Aber auch dieser wirkt durch versetzte Fenster sowie das feine Putzrelief ungewohnt locker. Englert will so den durch niedrigere Geschosshöhen entstandenen Bruch zum älteren Nachbarhaus ausgleichen. Das Putzrelief ist ihm dabei Übersetzung des gründerzeitlichen Stucks in eine moderne Sprache. Die zum Nachbarhaus weisenden Quadratfenster aller zwei Etagen greifen dessen Geschosshöhen auf - ein Bezug, der wohl nur Eingeweihten auffällt.Die Zweiteilung der Fassade spiegelt das Grundrisskonzept, das Dreizimmerwohnungen auf der einen Seite mit experimentellen Wohnformen im Erkerbereich verbindet. Dieser Kunstgriff soll den Bau finanzieren: Hier haben die Wohnungen konventionell abgeschlossene Zimmer. Die etwa 50 Quadratmeter großen Apartements im Erker hingegen wurden als gestreckte Blöcke regelrecht durch das Haus hindurchgesteckt. Weite und Transparenz sind hier die wesentlichen Gestaltungsmerkmale. Alle Funktionen einer Wohnung werden in einem großzügigen Raum vereint, der Durchblick vom Straßen- zum Hoffenster ist nicht durch Wände verstellt. Dafür erstreckt sich über die ganze Längswand ein "Möbelrelief", ein Wandschrank, der hinter seinen Türen verschiedene Funktionen wie Küche oder Garderobe birgt. Selbst der Schlafbereich ist tagsüber durch Wegklappen des Bettes Teil des Wohnraumes. Ebenso entsteht ein abgeschlossenes Bad nur bei Bedarf: WC und Wanne sind beidseitig des Balkonzugangs auf der Hofseite in Nischen eingelassen. Deren Türen trennen beim Öffnen einen Teil des Raumes ab. Funktionen, die bei den üblichen Wohnungen viel größere Flächen in Anspruch nehmen, werden hier auf eine Fläche komprimiert. Die konzeptionelle Ähnlichkeit dieses Ateliers zu dem gläsernen Wohnhaus von Wolfram Popp in der Choriner Straße ist auffällig. Wie bei diesem zeigt sich auch Englerts weniger radikal gestaltete Anlage als Wohnmodell vor allem für Singles. Die Grenzen der Doppel- und Dreifachnutzung liegen bei traditionellen Wohnvorstellungen und beim Aufkommen turbulenten Familienlebens: Nicht jeder möchte Küche und Wanne als Möbel im Wohnzimmer haben, und manchmal braucht man Ruhe. Die dem Loftwohnen abgeschaute Offenheit fordert ihre Klientel in jeder Hinsicht, gibt ihr aber das Image modernen, kommunikativen Lebens.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Tür zum Wohnhaus Christinenstraße 3 am Teutoburger Platz in Berlin.