Unheilbar wasserballkrank

BERLIN, 27. April. Irgendwie hat er etwas Mexikanisches. Wie er am Beckenrand sitzt und zum Vergnügen der Leute seine Kommentare zum Spiel abgibt, könnte man ihn glatt für den Gott des Lachens der Azteken halten. Dabei ist Roland Freund 1955 als Sohn Banater Schwaben im rumänischen Timisoara geboren; im Jahre 1974 reisten die Eltern in die Bundesrepublik aus. Er hatte gerade das Abitur bestanden und schickte sich an, die Wasserball-Welt zu erobern. Junioren-Nationalspieler in Ceausescus Reich war er, der Vater wirkte als Trainer und Sportlehrer.Den Traum vom sportlichen Ruhm nahm Roland Freund mit in die neue Heimat. Schon ein Jahr später war er deutscher Auswahlspieler und trat 1976 beim olympischen Turnier in Montreal gegen die alten Gefährten aus Rumänien an. "Ich fühlte mich nicht als Racheengel. Man muss die Dinge auseinander halten - das eine ist das System, das andere die Menschen, die irgendwie darin verstrickt sind."Ein Schlitzohr1978 wechselte der junge Mann von Uerdingen nach Berlin, zu Spandau 04. Im Jahr darauf begann die Erfolgsserie der Wasserfreunde, die seitdem nur 1993 nicht Meister wurden. Schnell bekam er in Berlin seinen noch heute gültigen Spitznamen weg. "Oku" nannten sie ihn, weil er angeblich dem Japaner Okudera ähnlich sah, der in der Fußball-Bundesliga für Furore sorgte. Freund blieb bis zu seinem sportlichen Abschied 1987 einer der Erfolgsgaranten. Technisch versiert, torgefährlich, kampfstark, unberechenbar. "Roland war ein Schlitzohr, aber jemand, dessen Schlitzohrigkeit von Können gespeist wird", lobt Bundestrainer Hagen Stamm den ehemaligen Teamkollegen.Stamm und Peter Röhle haben Freund zum Wasserball zurückgeholt. Der Orthopäde mit eigener Praxis in Reinickendorf ist jetzt Teamarzt der Auswahl und beim Rekordmeister. "Ohne die beiden hätte ich das wohl nie gemacht", gibt Freund zu. Sein Wirken ist nicht nur aufs körperliche Wohl beschränkt, denn er weiß, dass starke und intakte Muskeln allein nicht den Erfolg garantieren. So machte bei den Olympischen Spielen in Athen diese typische Freund-Anekdote die Runde: Der 125-Kilo-Mann hatte sich auf der Toilette selbst eingesperrt und konnte nur entrinnen, indem er sich und sein Gewicht über die Wand wuchtete.Positive DemutFragt man nach dem Wahrheitsgehalt der Story, grinst er. "Die Spannung im Team muss abgebaut werden, und dafür muss auch mal ein Gag zur rechten Zeit her. Dafür bin ich stets zu haben. Fakt ist, dass sich die Jungs zwei Tage lang über mich kaputt gelacht und kaum noch mitgekriegt haben, was da auf sie zukommt." Freund also als Seelenarzt. Irgendwie muss es zum allgemeinen Wohlbefinden beigetragen haben - die deutsche Auswahl belegte überraschend Platz fünf.Eine Selbstdiagnose hat Roland Freund auch parat: "Ich bin unheilbar wasserballkrank." Und er möchte auf seine Weise zurückgeben, was er als Aktiver reichlich genommen hat. Neben den Eltern, sagt Freund, habe ihn der Sport am meisten erzogen. Er nennt Stichworte wie Selbstdisziplin, Respekt, Teamwork und - Demut. "Demut im positiven Sinne ist ein wichtiger Charakterwert. Mit Leuten, die nur auf eigene Kappe und an der Selbstprofilierung arbeiten, kann ich nichts anfangen", sagt er.------------------------------Foto: Roland Freund, 49, Teamarzt der Wasserfreunde Spandau 04