BERLIN, 15. September. Als Jens Tschiedel, Libero des 1. FC Union, im Sommer nach Berlin kam, da wunderte er sich: Der komplette Vorstand seines neuen Arbeitgebers tönte ganz laut vom Aufstieg. "Die werden sich hier noch wundern", sagte der gebürtige Westfale damals, "nicht die Vereine aus dem Osten, sondern die viel stärkeren Westclubs werden die dritte Liga dominieren."Jetzt denkt Tschiedel ein wenig anders. Am Sonnabend kommt der souveräne Tabellenführer ins Stadion an der Alten Försterei: Erzgebirge Aue. Aue ist sozusagen der Beweis dafür, dass die ehemalige Regionalliga Nordost - die auch Unions Präsident Heiner Bertram einst despektierlich eine "Inzucht-Liga" nannte - besser war als ihr Ruf. Dass auch Union in der Spitzengruppe mitmischt und keiner der sechs Nordost-Klubs einen Abstiegsrang belegt, ist auch für NOFV-Präsident Hans-Georg Moldenhauer Indiz dafür, "dass bei uns gute Aufbauarbeit in den Vereinen geleistet wird".Das Beispiel Aue taugt als Vorbild. Viel mehr noch als Union, das am Tropf der Kinowelt AG hängt. Der FC Erzgebirge ist ein typischer Familienclub aus der Kleinstadt mit 19 600 Einwohnern und verfügt nur über begrenzte Mittel: Vier Millionen Mark Etat (ein Drittel des Union-Budgets) werden von 120 Sponsoren aus dem Mittelstand bereitgestellt. Keiner hatte Aue auf der Rechnung - außer Aue selbst. Für Manager Lutz Lindemann ist es nur das Ergebnis akribischer Arbeit, dass der dreimalige DDR-Meister mit vier Punkten Vorsprung die Tabelle der Regionalliga Nord anführt: "Das kommt für uns selbst nicht so überraschend. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren wenig Fehler in der Auswahl der Spieler-Charaktere gemacht."Lindemann, intimer Kenner des Ost-Fußballs, will seine Freude über die "hervorragende Rolle der Ost-Clubs" gar nicht verhehlen: "Alle Vereine haben das Potenzial, oben mitzuspielen. Das hat uns vor der Saison doch keiner zugetraut. Wir wurden von vielen belächelt."Arroganz in LübeckAn Erklärungen für den Aufschwung Ost in Liga drei mangelt es Lindemann nicht: "Unser Fußball lebt vom Kampf, die im Westen haben unseren bedingungslosen Siegeswillen wohl etwas unterschätzt." Sein Manager-Kollege Oskar Kosche von Union sagt: "Das Überraschende für die Westclubs ist, dass sie jetzt merken: Die aus dem Osten können nicht nur toll kämpfen, sondern setzten auch spielerische Akzente." Hinzu kommt offenbar eine gewisse Arroganz beim Gegner. Lindemann sagt: "In Lübeck wurden wir ständig gefragt: Wo liegt denn eigentlich Aue? Irgendwo bei Dresden .?"In Sachsen hat man sich im Vorfeld mit der neuen Liga intensiver auseinander gesetzt. Lindemann sagt, die Vorfreude auf die reformierte Klasse sei sehr groß gewesen. Statt der erhofften 3 500 Zuschauer kommen im Schnitt rund 1 000 mehr. "Wir haben alle über die neuen Gegner gejubelt - endlich mal nicht mehr im eigenen Saft schmoren." War der Braten auch noch so saftig, mit fremder Würze schmeckt er noch viel besser. "Wir genießen die neue Wertschätzung für unser engagiertes Spiel in den alten Bundesländern sehr", sagt Lindemann. Die Fans träumen sogar schon von mehr, sagt der Manager: "Die ganze Region lechzt nach Zweitliga-Fußball."Aues sportlicher Leiter glaubt, es sei ein Vorteil für seinen Verein, dass er einen Großteil seines Personals aus dem regionalen Nachwuchs rekrutiere. Das erzeuge Identifikation und dann Teamgeist auf dem Feld. Viele Westclubs mit größeren Budgets, RW Essen oder Fortuna Düsseldorf, ließen das Spielerkarussell rotieren - und suchen immer noch nach der richtigen Formation."Eingespielte Teams", nennt auch Oskar Kosche als großes Plus für den Ost-Fußball: "Respekt für Erzgebirge Aue. Ich denke, die bleiben oben, wir behaupten uns auch - und Sachsen Leipzig stößt noch dazu." Ein Traum könnte so wahr werden: Drei Ost-Traditionsvereine machen den Aufstieg unter sich aus. Schon jetzt haben sich viele Beobachter der Konkurrenten zum Besuch des Spiels in Köpenick angemeldet. "Es wird sich für sie lohnen", sagt Lindemann und lächelt. Der Ost-Fußball bittet zu einer Gala, mit der vor der Runde keiner gerechnet hat.