Mehr als mütterlich verzagte Beschwichtigungsformeln bringt die Lehrerin in Buckow nicht auf, als Tino das Klassenziel wieder nicht erreicht hat. Die Spitze der Empörung, zumal im intimen Einzelgespräch, ist die gedämpfte Frage: "Kotzt dich das nicht an, hier mit den Kindern zu sitzen?" Und Tino, der Bulle von Buckow, ein strammer Mann, was antwortet er? "Sie geben mir ja ooch keene Schangs". Zu Hause wird der Vater sagen: "Wir reden heute Abend noch mal drüber". Und wieder geht eine Tür zu, ohne dass klärende Worte gefallen wären.Vertagte Problembewältigung allerorten zeigt der Film "Preußisch Gangstar" von Irma-Kinga Stelmach und Bartosz Werner. Tinos Freund Nico brüllt den Beamten an, der ihm die Auszahlung des Hartz-IV-Geldes verweigert, weil Nico keinen Eigenbemühungsnachweis um Arbeit erbringt: "Wir sehn uns noch. Dit wirste bereuen". Bald wird Nico nach Berlin fahren und sich vom Weihnachtsgeld seiner Mutter teure Turnschuhe und ein Basecap kaufen. Der Dritte im Bunde, Oli, holt seine Freundin vom Frauenarzt ab. "Na, wie isset jeloofen?" Sie: "Na ja, sie hat jesaacht, is normal nach 'ner Abtreibung". Er: "Siehste, hab' ick dir doch jesaacht". Gemüt wie ein Fleischerhund, dieser Oli; seine Freundin ist ihm wohl nicht mehr als eine Wärmflasche mit Ohren und ein Samenklo.Tino, Nico und Oli leben in Buckow bei Berlin, Brechts Buckow, wenn man so will. Sie leben dort wirklich, die Regisseure haben sie entdeckt, sind in ihre Welt abgetaucht und haben mit ihnen einen Spielfilm gedreht, der wie ein Dokumentarfilm aussieht. Buckow selbst zeigt der Film in einem ewigen November, in lebensunappetitlichem Grau, umgeben von abgefackelten Gehöften mit räudigen, kläffenden Kötern. Hier rotten sich die Jungs zusammen, koksen, handeln mit Drogen, erpressen Schutzgelder, besaufen sich, schlagen Menschen die Zähne aus und betreiben die HipHop-Band "Preußisch Gangstar".Beim Festival "Achtung Berlin" gewann der Film in diesem Jahr den Preis als bester Spielfilm. Begründung der Jury: "Dieser Film unterscheidet sich von den anderen vor allem in seiner Volt-Zahl. Hier ist absoluter Starkstrom zugange! . Wir lernen eine Generation kennen, die sich normalerweise unseren Blicken entzieht. Für die Jury der modernste und schonungsloseste Film, nicht nur auf diesem Festival!!!" O ja, schonungslos ist ja so geil. Auch Nico findet es geil, schonungslos zu sein und einen Passanten, der seine CD nicht kaufen will, ins Koma zu prügeln. Nein, man muss diesen Film dringend gegen seine Liebhaber verteidigen. Seine Härte als ästhetische Qualität zu preisen, hat etwas von Zivilisationsmüdigkeit und Friedensüberdruss. Der Film ist vielmehr wegen seiner Genauigkeit sehenswert, nicht wegen seiner Volt-Zahl. Das ist kein Erregungskino, sondern Aufklärung, gerade weil die Autoren nicht jener Sozialarbeiterideologie anhängen, der zufolge die Umstände an allem schuld seien und man Verständnis mit der verirrten Jugend haben müsse.Die drei Jungen kommen nicht aus verwahrlosten Familien. Sie haben liebevolle Eltern oder Großeltern mit Haus, Hund, Geländewagen. Hier wird anderes beschrieben als wirtschaftliche Not: Kommunikationsstörungen zwischen den Generationen; gestresste Eltern, die in ihrer Freizeit Entspannung suchen, statt Erziehungsleistungen zu erbringen. Die Autorität von Elternhaus und Schule ging den Bach runter. Damit korrespondiert auf Seiten der Kinder die Unfähigkeit, Unlust zu ertragen - also Dinge zu erledigen, die nicht der eigenen Augenblicksneigung entsprechen. Und schließlich mangelt es an attraktiven Formen, wichtige Erfahrungen von Transzendenz oder das Bedürfnis nach ihr zu vergesellschaften. Das war traditionell die Aufgabe von Religion; teils hat die Kunst diese Funktion erfüllt. Wo beide kein Ansehen mehr genießen, wird das Transzendenzbedürfnis mit Drogen, Alkohol, im Kaufrausch, in Exzessen von akustischer oder physischer Gewalt gestillt.Robert Ohde (im Film Nico) singt einen eigenen Text: "Du hast es satt. Diese verkackten Regeln und Grenzen. Es steigert deinen Hass." Aber leben wir denn nicht in einer Kultur, die in Kunst und Produktwerbung permanent die Regelverletzung honoriert? Die den Grenzgänger und Tabubrecher feiert? Die jedes moralische Argumentieren als "spießig" bezeichnet? Und in Filmen wie "Preußisch Gangstar" den "Starkstrom" genießt?Preußisch Gangstar Dtl. 2007. Buch & Regie: Irma-Kinga Stelmach, Bartosz Werner, Kamera: Andreas Bergmann, Ben Pohl, Darsteller: Robert Ohde, Benjamin Succow, Mario Knofe u. a.; 88 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Die Jungs finden es cool, schonungslos zu sein. Dabei handeln sie nur verantwortungslos.