Bangkok - Nach zwei Tagen Straßenschlachten mit Dutzenden Verletzten hat Thailands Polizei eine weitere Eskalation der regierungsfeindlichen Proteste mit einer Taktikwende verhindert. Statt den Regierungssitz und die Polizeizentrale weiter mit Tränengas und Wasserwerfern zu verteidigen, öffnete sie am Dienstag die Tore und ließ die Demonstranten ein. Die feierten dies als Sieg, obwohl die Regierung weiter fest im Sattel saß. Protestführer Suthep Thaugsuban forderte seine Anhänger zum Weiterprotestieren auf.

Viele der Demonstranten, die seit Tagen den Rücktritt der Regierung von Premier Yingluck Shinawatra verlangen, waren so überrascht, dass sie zögerten, den einladenden Gesten der Polizei in die Gebäude zu folgen. Am Dienstagnachmittag zogen die meisten Demonstranten nach tagelangen Straßenkämpfen ratlos ab.

Kein Kampf an Königs Geburtstag

Polizeichef Kamronwit Thoopkrajang, der Yinglucks Bruder Thaksin Shinawatra nahe steht, hatte umgesetzt, was er in der vergangenen Woche mit Kronprinz Maha Vajiralongkorn diskutiert hatte. Am Dienstag konnten sich deshalb Hunderte von Polizisten in dunkelblauen Uniformen im Schatten von Platanen, in Hängematten oder schlichtweg auf dem Boden ausruhen. „Am Donnerstag ist der Geburtstag des Königs. Da wollen wir keine Auseinandersetzungen“, sagt der 38-jährige Polizeioberstleutnant Sittiporn Tharakulthip, „aber ich habe keine Ahnung, wie es nach dem Geburtstag weiter gehen wird.“

Vor dem unerwarteten Manöver der Polizei hatte die Protestbewegung eine Mobilisierungsschwäche gezeigt. Das änderte sich am Dienstagmittag schlagartig. Plötzlich strömten Tausende von Anhängern, die aus Furcht vor Tränengas und Gummikugeln zuvor zu Hause geblieben waren, wieder zu Bangkoks Demokratiedenkmal, vor dem die Regierungsgegner seit Tagen kampieren.

Protestführer Suthep Thaugsuban versuchte, die Feierstimmung zu dämpfen. „Sie haben uns die Gebäude überlassen, sind aber noch im Amt“, erklärte er. „Der Kampf wird weitergehen“, mahnte er. Erst einmal schickte er aber seine Anhänger mit Besen los, um Bangkok zu säubern – König Bhumibol und seinem 86. Geburtstag am Donnerstag zu Ehren.

Doch hinter den Kulissen scheint das Schicksal von Suthep Thaugsuban, gegen den Haftbefehle wegen Landesverrats und Aufrührertums erlassen wurde, besiegelt. Seine Gefolgsleute in der oppositionellen Demokratischen Partei verhandeln mit der Regierung, Thailands Generälen und Vertretern des Palasts über einen Kompromiss.

Die Proteste hatten sich an einem von der Regierung befürworteten Amnestiegesetz entzündet, das Yinglucks Bruder, dem früheren Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra, womöglich eine Rückkehr aus dem Exil erlaubt hätte. Dieser war im Jasr 2006 vom Militär entmachtet und später wegen Korruption verurteilt worden. Die Opposition unter Führung von Suthep Thaugsuban fordert den Rücktritt der Regierung.

Yingluck Shinawatra reiste am Dienstag in die Stadt Hua Hin, um König Bhumibol Geburtstagsglückwünsche zu überbringen. In der Aktentasche trug sie ein unterschriftsreifes Papier mit sich, das die Auflösung des Parlaments verfügt und nur noch vom König unterzeichnet werden muss.

Konsultative Versammlung

Ob die Regierung das Schreiben nutzen wird, hängt nach Informationen dieser Zeitung von ihren Gegenspielern in der oppositionellen Demokratischen Partei ab. Sie hatten die Revolte in Bangkok angezettelt und finanziert, nachdem Thailands Verfassungsgericht sich zur Enttäuschung der Regierungsgegner gegen ein Verbot von Yinglucks Partei entschieden hatte.

„Jetzt kommt es darauf an, ob Sutheps Gefolgsleute mit den Angeboten Yinglucks zufrieden sind“, sagt ein Beobachter. Es gibt unter anderem den Vorschlag, eine konsultative Versammlung einzurichten, die über politische Reformen berät. Sollte es so weit kommen, wären fünf Menschen gestorben und über 100 verletzt worden, um einen Kompromiss zu erreichen, dem sich die Gegner Yinglucks Wochen vor den Unruhen verweigert hatten. (mit Agenturen)