PRAG, 1. Juli. Sparsamkeit hat IOC-Präsident Jacques Rogge seiner Verwaltung verordnet. Im Glaspalast Vidy von Lausanne überlegt man sich etwas genauer, wofür man die Millionen ausgibt. Unter Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch war das ein wenig anders. So wurde im Februar 1999 über Nacht (und am Exekutivkomitee vorbei) ein mehrere Millionen Dollar schwerer Vertrag mit der PR-Agentur Hill & Knowlton abgeschlossen. Auf dem Höhepunkt des Bestechungsskandals um Salt Lake City brauchte das IOC dringend die Hilfe professioneller Weißwäscher. Da war man nicht zimperlich.Schwarze ListenIn jenen Wochen nahm das IOC auch die in Ebersberg bei München ansässige Agentur TV Media unter Vertrag. Das vom ehemaligen Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje geleitete Unternehmen versuchte fortan, den Olympiakonzern und dessen Präsidenten Samaranch hier zu Lande in besserem Licht erscheinen zu lassen. Schnell wurde eine Liste missliebiger Berichterstatter erstellt, wie der damalige IOC-Sprecher Franklin Servan-Schreiber bestätigte, zugleich wurden in den Medien allerlei Kontakte, positive Kommentare und Artikel lanciert. Ganz im Sinne der Firmenphilosophie. "Unsere Stärke ist es, Themen am Markt der öffentlichen Meinung durchzusetzen. Wir sorgen für öffentliche Meinungsbildung und sind spezialisiert auf mediales Krisenmanagement", so formuliert es der Unternehmensberater Roland Berger, der bei der TV-Media-Muttergesellschaft WMP Eurocom AG im Aufsichtsrat sitzt. Die professionellen Netzwerker loben ihre "effizienten Verbindungen zu den wichtigsten Medien in Deutschland". Als der Vertrag mit dem IOC Anfang des Jahres auslief, hat sich TV Media mit einem 41 Seiten umfassenden Schriftstück für eine weitere Zusammenarbeit empfohlen. Aufschlussreich ist nicht nur die Klientenliste von TV Media: BMW, Deutsche Post, e-plus, Vattenfall, Ferrero, Linde, der Bundesverband Deutscher Industrie und - das war allerdings ein Flop - das Radsport-Team Coast. In dem Papier listen die Meinungsmacher ihre vermeintlichen Erfolge im olympischen Dunstkreis auf: Abgesehen von wenigen, namentlich benannten Ausnahmen sei die Berichterstattung über das IOC in Deutschland objektiver geworden, heißt es. Dazu hätten Aktivitäten der PR-Firma beigetragen. So hat TV Media unter anderem "Statements, Kolumnen und Pressemeldungen, die vom IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach autorisiert worden sind, in Schlüsselmedien lanciert". Genannt werden beispielsweise die Welt am Sonntag und das Handelsblatt. Aufgezählt werden eine Reihe von Journalisten, mit denen angeblich nicht nur die Strategie der Berichterstattung, sondern auch einzelne Artikel abgestimmt werden. Sollte es sich so verhalten, wie von TV Media dargelegt, wäre dies eine alarmierende Zustandsbeschreibung des deutschen Sportjournalismus. Die PR-Firma rühmt sich gleichfalls bester Kontakte und vor allem der Einflussnahme in höchste Kreise der Sportpolitik, etwa zu Sportminister Otto Schily oder dem Sportkoordinator im Bundeskanzleramt, Joachim Krannich. Ob dieses hymnische Eigenlob im IOC zum gewünschten Ergebnis, einer Vertragsverlängerung, führt, darf bezweifelt werden. Zum einen hat IOC-Präsident Rogge nicht durchweg positive Erfahrung mit den Umgangsformen des TV-Media-Bosses Tiedje gemacht; etwa bei einem Dinner im Januar 2002 im Berliner Adlon Hotel, als Tiedje etwas zu plump mit seiner Vorstellung von Netzwerken geprahlt haben soll. Zum anderen favorisiert die neue IOC-Kommunikationsdirektorin Giselle Davies eine feinere, offenere Art im Umgang mit kritischen Berichterstattern: "Auf dem wichtigen deutschen Markt sprechen wir die Presse selber an und wollen jederzeit ansprechbar sein." Mit Befremden hat sie zur Kenntnis genommen, dass Journalisten auf eine schwarze Liste gesetzt und von wichtigen Terminen ausgegrenzt wurden. Neben TV Media haben sich die international tätigen Agenturen Ketchum, Hill & Knowlton, Fischer & Appelt sowie Trimedia um eine Zusammenarbeit mit dem IOC auf dem deutschen und russischen Markt beworben. Alle Interessenten hatten Gelegenheit, dem IOC ihre Konzepte zu präsentieren. Doch es scheint, als sollte das IOC demnächst den Bewerbern Absagen erteilen. Beim Pflichttermin in Prag ließ sich der TV-Media-Mitarbeiter Rainer Dzösch, der jahrelang für die IOC-Kontakte zuständig war, schon gar nicht mehr sehen. Aus dem Kontakthof Olympia - wo die Grenzen zwischen Sport, Wirtschaft und Politik zunehmend verschwimmen - wollen sich Dzöschs Bosse indes nicht so einfach verabschieden. Dazu ist das Tätigkeitsfeld zu lukrativ. So bemühen sich, parallel zur neuerlichen Offerte an das IOC, derzeit gleich mehrere Firmen aus dem WMP-Eurocom-Geflecht um eine Zusammenarbeit mit dem Olympiabewerber Leipzig. In Sachsen engagierte sich vor allem der frühere Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt, der mit Tiedje und dem Multifunktionär Bernd Schiphorst im Vorstand der WMP Eurocom sitzt. Zum pikanten Detail im Wettlauf um lukrative Verträge in Leipzig könnte es sich entwickeln, dass der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher als Kuratoriums-Chef der Olympiabewerbung vorgesehen sein soll. Genscher wiederum fungiert als Aufsichtsratschef der WMP Eurocom. Die Herrschaften sind tatsächlich gut vernetzt. Es ist nicht nur die FDP-Mitgliedschaft, die Genscher, Rexrodt, Schiphorst oder den von TV Media favorisierten deutschen IOC-Vertreter Thomas Bach verbindet. Es sind auch langjährige persönliche Freundschaften. Schiphorst, auch Präsident von Hertha BSC, kann so gut mit Bach, dass er für den IOC-Vizepräsidenten mitunter gar die Aufgaben eines Pressesprechers übernimmt. Etwa bei Olympia 2000 in Sydney: Dort segnete Schiphorst gegenüber einem Spiegel-Reporter Zitate seines Duzfreundes Bach ab.Die besondere Unterstützung, die Bach jahrelang von TV Media erhielt, blieb anderen deutschen Sportfunktionären nicht verborgen. Zumal sich die Firma, wie Eingeweihte berichten, voriges Jahr gleichzeitig für die Abwahl von Walther Tröger als NOK-Präsident eingesetzt haben soll. Warum einerseits IOC-Mitglied Bach gefördert, andererseits aber IOC-Mitglied Tröger behindert wird, sind Fragen, die man sich in der IOC-Administration zunehmend stellt. Sollte also TV Media tatsächlich nicht mit einem neuen Vertrag bedacht werden, wäre dies nicht nur ein Gebot der "effizienten Nutzung unserer Ressourcen", wie es Kommunikationsdirektorin Davies umschreibt. Es wäre nur konsequent: Das Dealen im Hintergrund passt nicht zu Rogges Politik der Offenheit."Wir sprechen die Presse selber an und wollen jederzeit ansprechbar sein. " Giselle Davies, Kommunikations-Direktorin des IOC.AP/DIETHER ENDLICHER Auf Krücken: IOC-Chef Rogge, der sich vorige Woche im Dienst den Fuß brach.