Es gibt durchaus noch Vergleichslisten - auch Rankings genannt - auf denen Berlin ganz oben steht. Nicht gerade in der Fußball-Bundesliga, nicht gerade beim Thema Arbeitslosenquote, nicht gerade in Sachen Zufriedenheit mit dem hiesigen Bildungssystem. Aber, so sagte es Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) dieser Tage freimütig: "Die höchste Kriminalität habe ich dort, wo es die größte Anonymität gibt. Deswegen ist Berlin immer ganz oben dabei."Und tatsächlich: Zumindest im Vergleich der drei deutschen Stadtstaaten scheint die schiere Größe der Hauptstadt mit ihren gut 3,4 Millionen Einwohnern günstige Bedingungen für die Kriminalitätsbelastung zu schaffen. Das ergibt sich aus den Kriminalstatistiken 2009, die inzwischen für Berlin, Hamburg und Bremen vorliegen. So hat Berlin nicht nur die höchste Deliktzahl pro 100 000 Einwohner (wir berichteten), sondern auch, damit zusammenhängend, die meisten Tatverdächtigen. Gezählt werden dabei mutmaßliche Täter ab 8 Jahren (also auch die noch nicht strafmündigen), woraus die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl errechnet wird. Für Berlin ergibt das 4 463 Täter auf 100 000 Einwohner (ab 8 Jahren), für Bremen 4 386, für Hamburg 4 306.Nicht anders sieht es bei den Opfern von Kriminalität aus: Auch ihre Zahl lässt sich natürlich auf je 100 000 Einwohner berechnen, um eine Vergleichbarkeit herzustellen. Die daraus folgende "Bevölkerungsgefährdungszahl" liegt in Berlin bei 2 372 Opfern je 100 000 Einwohner im Jahr 2009, in Hamburg bei 2 028 Opfern und in Bremen bei 1 852. Schaut man sich die Straftaten an, vor denen besonders viele Menschen Angst haben, nämlich vor Rohheitsdelikten wie Raubüberfällen, räuberischer Erpressung, Körperverletzung oder Misshandlung, dann ist Berlin ebenfalls das gefährlichste Pflaster: 1 979 Rohheitsdelikte pro 100 000 Einwohner lassen sich der Statistik entnehmen, deutlich mehr als in Hamburg (1 779) und Bremen (1 525).Man könnte also - vielleicht etwas plakativ - formulieren: Zieht jemand von Bremen nach Berlin, dann steigt schon allein durch den Ortswechsel die Wahrscheinlichkeit, ein Opfer von Kriminalität zu werden - nämlich um exakt 28 Prozent. Natürlich ist es trotzdem viel wahrscheinlicher, gar kein Opfer zu werden. Denn insgesamt wurden 2009 nur knapp 80 000 Kriminalitätsopfer gezählt, das sind 2,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Rein statistisch ist es sogar wahrscheinlicher, Tatverdächtiger zu werden. Denn davon gab es in Berlin im vorigen Jahr rund 140 000. Den Titel einer Hauptstadt der Kriminalität hat sich Berlin im Stadtstaatenvergleich so zweifellos verdient. Auch wenn Polizeipräsident Dieter Glietsch das nicht gerne hört.Wo die Hauptstadt insgesamt unter den vergleichbaren deutschen Städten (ab 500 000 Einwohner) landen würde, stellt sich erst Ende Mai heraus, wenn das Bundeskriminalamt ein republikweites Kriminalitätsranking veröffentlicht. Im Jahr 2008 lag Berlin dort jedenfalls nicht an erster Stelle, sondern an vierter - hinter Bremen, Hannover und Frankfurt am Main, das traditionell Platz eins einnimmt. Aber nicht wegen der Banker, sondern wegen des Flughafens, wo zum Beispiel stark überproportional viele Diebstähle registriert werden.Große Unterschiede in BezirkenDie Unterschiede sind aber auch innerhalb der Hauptstadt groß. Vergleicht man die Bezirke untereinander, ist es wenig verwunderlich, dass in Steglitz-Zehlendorf mit seiner meist bürgerlichen Sozialstruktur die wenigsten Straftaten pro 100 000 Einwohner gezählt werden. Im Ostteil der Stadt ist es in Treptow-Köpenick am ruhigsten, gefolgt von Marzahn-Hellersdorf. Die gefährlichsten Regionen sind demnach die Ost-West-Bezirke Mitte und Friedrichhain-Kreuzberg. Schaut man genauer hin, ist in Mitte der Ortsteil Tiergarten am stärksten belastet, gefolgt vom Altbezirk Mitte und der Innenstadt in Spandau. Und wer es in Berlin partout am sichersten haben möchte, der muss nach Müggelheim ziehen.------------------------------Diebe und Einbrecher lieben den GrunewaldVergleich: Um bei der Belastung mit Kriminalität eine Vergleichbarkeit herzustellen, wird die sogenannte Häufigkeitszahl errechnet. Sie besteht aus der Anzahl bestimmter Delikte bezogen auf jeweils 100 000 Einwohner. Je höher diese Zahl ist, desto höher ist die Kriminalitätsbelastung.Kiezkriminalität: Unter "kiezbezogenen Straftaten" werden Delikte verstanden, die von Tätern in der Nähe ihres Wohnorts verübt werden und die oft in der Öffentlichkeit stattfinden. Dazu zählen etwa Raub, Bedrohung, Körperverletzung, Sachbeschädigung an Autos, Nötigung, Wohnungseinbrüche.Autodiebstahl: Die meisten Diebstähle gibt es dort, wo es die teuersten Autos gibt: nämlich im reichen Ortsteil Grunewald in Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Norden des Bezirks ist die Zahl sogar noch höher: Grund ist vor allem die Nähe zur Autobahn - also zum besten Fluchtweg gen Osten.Körperverletzung: Wenn sich jemand prügelt, sind es meist junge Männer: Am häufigsten geschieht dies im Ortsteil Tiergarten (Mitte) und in der Innenstadt von Spandau. Auch in Oberschöneweide (Treptow-Köpenick) schlägt man sich oft: Dort sind es meist linke gegen rechte Jugendliche.Wohnraumeinbruch: Einbrecher präferieren verständlicherweise Wohnungen und Häuser, in denen die Beute möglichst lukrativ zu sein scheint. Daher sind die Villenviertel der Besserverdienenden in Grunewald stark betroffen, aber auch die Neubauquartiere Wartenberg und Falkenberg (Lichtenberg).------------------------------Karte (4): Autodiebstahl, Kiezbezogene Straftaten, Körperverletzung, Wohungseinbruch

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