Im Zentralorgan hat es wohl selten einen solchen Besuch gegeben: Am 2. September 1976, heißt es in einer Meldung an die Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED, "erschien Pfarrer Meckel aus Zeitz (.), um seinen Protest gegen den in unserer Zeitung veröffentlichten Beitrag 'Du sollst nicht falsch Zeugnis reden' vorzubringen". Wie sich Dietmar Meckel noch heute erinnert, seien abwechselnd verschiedene Damen und Herren zu ihm ins Foyer gekommen. "Ich wollte aber ausdrücklich A.Z. sprechen, den Autor." Den verdutzten Redakteuren habe der Pastor versichert, niemandem zur Last zu fallen. Als jemand, der viel Bahn fährt, "wüsste ich nämlich, wie wichtig es ist, Essen und Trinken dabeizuhaben."A.Z. aber kam nicht. Dieser hatte zwei Tage zuvor im "Neuen Deutschland" an exponierter Stelle die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz kommentiert. Angesichts der "Bösartigkeit bundesrepublikanischer Kirchenfürsten", die versuchten, einen Märtyrer gegen den Kommunismus hochzustilisieren, sehe man sich gezwungen, auf den "Selbstmord eines 'Pfarrers'" zu reagieren, "der nicht alle fünf Sinne beisammen" gehabt habe. Einer, der sein Auto schon mal vor Pflug und Egge gespannt habe oder sein Pferd vor den Trabant, wie auch immer. Auf jeden Fall habe er Andersdenkende als Gesinnungslumpen beschimpft. Und "ob er unter seinem General, zu dem er heimkehren wollte, Gott oder den BND verstand, wollen wir hier nicht näher erörtern". Dem nicht genug, "soll er bei einem Fußballspiel mit Kindern weniger angehabt haben als eine Unterhose"."Der geifernde Tonfall des Autors war eindeutig die Sprache des 17. Juni", sagt Horst Dohle, Historiker und seinerzeit Büroleiter des Staatssekretärs für Kirchenfragen Hans Seigewasser. Die beleidigenden Ausfälle gegen Oskar Brüsewitz "machen diesen Artikel zu einem Zeugnis von Zynismus und Arroganz der Macht". Bis weit hinein in die SED habe dieser Text, der eine eher hilflose Reaktion auf die Berichte im Westfernsehen war, für Ärger und Entsetzen gesorgt. Der eigentliche Adressat aber seien die evangelischen Kirchen in der DDR gewesen. Deren Bischöfe hatten diese letzte Tat des Pfarrers aus Rippicha zwar nicht gebilligt, aber sie hatten sich auch nicht ausdrücklich von ihm distanziert. In ihren Stellungnahmen war immer von "Bruder Brüsewitz" die Rede. Ihnen sollte signalisiert werden, dass man auch ganz anders könne, dass die Jahre 52/53 noch nicht allzu lange zurücklagen.Der Artikel wurde in nahezu jedem SED-Bezirksblatt nachgedruckt, so auch in der "Berliner Zeitung" (1. 9. 1976, S.2). Wie viele Protestschreiben es damals gegeben hat, ist nicht mehr festzustellen. Einige Dutzend Leserbriefe finden sich aber, kaum beachtet, in der "Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR" in Berlin-Lichterfelde. Allerdings nur jene, die von der Redaktion des "Neuen Deutschland" an das Büro Paul Verner und vom CDU-Organ "Neue Zeit" an das Büro von Werner Lamberz im Zentralkomitee weitergereicht und archiviert wurden. In seinem Schreiben äußerte der Theologe und spätere Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann sein Befremden über den "Angriff auf einen wehrlosen Toten", der einer Verhöhnung seiner Angehörigen und einer Beleidigung aller Christen gleichkomme. "Ich spreche darum die Erwartung aus, dass sowohl sein Verfasser wie die für die Veröffentlichung verantwortlichen Redaktionsmitglieder zur Verantwortung gezogen werden." Der spätere SPD-Fraktionsvorsitzende in der ersten frei gewählten Volkskammer, Richard Schröder, damals Pastor in Wiederstedt im Harz, ging sogar soweit, der ND-Redaktion "verbale Leichenschändung" vorzuwerfen. "Dieser Artikel ist ein Skandal", schrieb Pfarrer Dietmar Anger aus Mühlenberg. Da genüge es nicht, darauf hinzuweisen, dass Kommentare wie der von A.Z. nicht unbedingt die Meinung der Redaktion darstellten. - Neben diesen Zuschriften findet sich im Archiv auch eine Strafanzeige gegen das "Neue Deutschland", erstattet von Claus Bernd Hoffmann, Pfarrer aus Halle, "wegen Beleidigung, Verleumdung und Verletzung der religiösen Gefühle der christlichen Bürger der DDR".Zu Wort meldeten sich aber auch etliche Nichtchristen: "Woraus schließen Sie, dass Brüsewitz nicht Pfarrer, sondern 'Pfarrer' war?" erkundigte sich Wolfram Weese aus Boitzenburg. "Ich bitte Sie zu erörtern, welchem 'General' Brüsewitz aus Ihrer Sicht diente, seinem Gott oder dem Bundesnachrichtendienst? (.) Bitte beschreiben Sie den Umstand näher, nachdem Brüsewitz entsprechend den Ausführungen Ihres Artikels im März 1976 bei einem Fußballspiel mit Kindern weniger anhatte als eine Unterhose." Staubtrocken schließt Weese seine Anfrage: "Für Ihre sachliche Antwort danke ich im voraus."Sichtlich empört zeigt sich ein Herr oder eine Frau D. Ninnemann aus Greiffenberg: "Mit einer solchen Gift versprühenden Hetze können Sie denkende Menschen auf keinen Fall überzeugen". Arnfried Lenk aus Rathendorf wird deutlicher: "Sie können sicher sein: Die Saat, die Sie auch mit Ihrem Artikel gesät haben, wird aufgehen." Und Birgit Schaudinus aus Berlin sieht bestätigt, "was ich von der politischen Meinungsfreiheit in diesem Lande zu halten habe. Oder wollen Sie mir etwa auftischen, dass sechstausend politische Gefangene und Tausende Antragsteller auf Ausreise aus der DDR nicht alle fünf Sinne beisammen haben? (.) Es ist zum Erbrechen."Wer aber war der Autor? Wiederholt ist die Chiffre A.Z. im "Neuen Deutschland" verwendet worden, wenn es galt, eine parteiinterne Polemik oder Klarstellung zu veröffentlichen. Dietmar Meckel erinnert sich, dass ihm von den Redakteuren weder gesagt wurde, A.Z. wäre außer Haus noch sonst etwas hinsichtlich dessen Verhinderung. Bei seiner ND-Visite habe Meckel (als langjähriger Freund von Oskar Brüsewitz) lediglich zu hören bekommen, dass ein Gespräch mit A.Z. eben nicht ginge. Erst nach Stunden habe Meckel das Gebäude am Franz-Mehring-Platz verlassen, "nachdem man versucht hatte, sich bei mir zu entschuldigen". Es hieß, journalistisch wäre das durchaus Usus, bei einem Kommentar etwas zu übertreiben oder schärfer darzustellen. Bedauerlicherweise könne man da jetzt nichts machen, der oberste Chef selbst hätte den Beitrag abgezeichnet. Honecker stünde hinter jedem Artikel, der mit A.Z. unterschrieben sei.Dass Honecker den Text zumindest autorisiert haben muss, daran glaubt auch Horst Dohle. In Kenntnis der Strukturen im Zentralkomitee könne man davon ausgehen, dass der Entwurf in der für die Presse zuständigen Abteilung "Agitation und Propaganda" entstanden ist und von dort an die Führungsebene weitergereicht wurde. Staatssekretär Seigewasser aber und mit ihm seine Mitarbeiter hätten von dem Vorhaben nichts gewusst. Wie alle anderen wären sie am 31. August bei der Morgenlektüre überrascht worden.Dass die Urheberschaft für dieses Elaborat vermutlich aber doch beim "Neuen Deutschland" liegt, behauptet dagegen Günter Fleischmann. Der heute 77-Jährige war 1976 Redakteur des SED-Zentralorgans, zuständig für Kirchfragen. Seiner Erinnerung nach entstammen die meisten Formulierungen der Feder Hajo Herbells, der bis zum Spätherbst '89 erster stellvertretender Chefredakteur war. Der einstige militärpolitische Kommentator und Offizier der Nationalen Volksarmee kann nicht mehr befragt werden, 2003 verstarb Herbell im Alter von 80 Jahren. Es darf aber angenommen werden, dass ihn in jenen Tagen Briefe wie der von Erich Schweidler erreicht haben: "So haben Sie ein ganz phantastisches Eigentor geschossen", bedankte sich der Pfarrer aus Theißen, der als amtierender Superintendent die kirchliche Verantwortung bei der Beerdigung von Oskar Brüsewitz getragen hatte. Den Artikel gedenke Schweidler für ein Seminar zum Thema "Von der kleinen Wahrheit zur großen Lüge" zu nutzen. "Lassen Sie mich bitte wissen, ob Sie bereit sind, als Referent daran teilzunehmen. Solche guten Lehrer findet man selten. Falls wir in der Mittagspause Fußball spielen, dürfen Sie auch 'weniger als eine Unterhose' anhaben."Auch in anderen Zuschriften wurde der Oberst a.D. nicht unbedingt ernst genommen. So betrauerte der Leser Axel Krause, dass ihm etliche Informationen zu Oskar Brüsewitz vorenthalten wurden. "Wie war sein Verhältnis zua) dem Lichtspielwesen;b) der Deutschen Reichsbahn;c) (m) Rauchen;d) der Deutschen Post;e) (m) Alkohol;f) Kaffee und Coffein;g) dem anderen Geschlecht;h) dem VEB Kraftverkehr;i) dem ND, dem Rat der Gemeinde Droßdorf/Rippicha und dem Rat des Kreises;j) Darwinismus und dialektischen Materialismus."Zwei Wochen nach Veröffentlichung des ND-Kommentars, am 14. September 1976, wandte sich eine Gruppe von 25 jungen Sozialisten mit einer Eingabe direkt an Honecker, unter ihnen die Kinderbuchautorin Franziska Groszer, der Musiker Aljoscha Rompe, der in den 80er Jahren die Independentband Feeling B gründen sollte, wie auch Carlo Jordan, später Mitbegründer der Berliner Umweltbibliothek und Sprecher der Grünen am Zentralen Runden Tisch. "Wir sind keine Christen", heißt es in dem Schreiben, "sondern Sozialisten und bekennen uns zum Marxismus." Gerade deshalb wende man sich gegen eine Praxis, die darin bestehe, die persönliche Würde eines Andersdenkenden zu verletzen, um der politischen Auseinandersetzung mit ihm auszuweichen. "Nur die Sozialisten selbst können den Sozialismus diskreditieren." Die Verfasser, die nachdrücklich die Veröffentlichung der Gegendarstellung der provinz-sächsischen Kirchenleitung verlangten, aber auch einige der Unterzeichner, wurden binnen weniger Tage dem MfS zugeführt, nachdem das Schreiben von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden war.Eine Abschrift gelangte dennoch ins Gebäude des SED-Zentralkomitees - überreicht von der Liedermacherin Bettina Wegner und ihrer Schwester Claudia. Wieder zu Hause angekommen, wurden beide Frauen ebenfalls den "Sicherheitsorganen" zugeführt und stundenlang verhört. Drei der Unterzeichner - Rudi Molt, Rupert Schröter und Reinhard Langenau - blieben in Haft. Reinhard Langenau erkrankte noch in der Zelle an einer Psychose und nahm sich später das Leben. Die beiden anderen wurden wegen staatsfeindlicher Hetze zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Erst Weihnachten 1977 wurden Rupert Schröter und Rudi Molt als politische Häftlinge von der Bundesrepublik freigekauft."Das ist die Wahrheit", hatte A.Z. geschrieben, "und die Schmutzwellen der Hetze können ihr nichts anhaben. Sie fallen beschmutzend auf jene zurück, die sie aufpeitschen."------------------------------Der Autor ist Mitherausgeber des kürzlich erschienenen Bandes "Ich werde dann gehen - Erinnerungen an Oskar Brüsewitz". Evangelische Verlagsanstalt Leipzig in Kooperation mit der Robert-Havemann-Gesellschaft.------------------------------Oskar BrüsewitzEs ist der 18. August 1976. Vor der Michaeliskirche der Stadt Zeitz übergießt Oskar Brüsewitz aus Rippicha, gelernter Schuhmachermeister, der ein evangelischer Pfarrer geworden war, seinen Talar und setzt sich selber in Brand. Vier Tage später stirbt er, 47-jährig. Aufgestellte Plakate weisen seine Tat eindeutig als Protestaktion aus, die ein Signal sein sollte für die individuelle Entscheidung, gegen die diktatorische Alleinherrschaft der SED. "Die Leute müssen aufwachen, mit Worten allein gelingt das schwer", hatte Brüsewitz einmal seiner Tochter gesagt. Die Nachricht von der Selbstverbrennung eines DDR-Pfarrers ging durch die Medien der Welt und brachte die SED-Regierung in Erklärungsnot. Erst am 31. August veröffentlichte das ND einen Kommentar, der Brüsewitz zu einem stempelte, der nicht "alle fünf Sinne beisammen hatte". Verleumdung und Repression, das mussten in der Folge alle erfahren, die von Amts wegen, als Freunde oder Sympathisanten von Oskar Brüsewitz oder als Verfasser von Protestschriften zu dem Text Stellung nahmen.