Groß Weeden - Zwei Dinge hat Karl Bartels sich in seinem Leben womöglich nicht träumen lassen. Das eine: einen türkischen Schwiegersohn zu bekommen. Das andere: als eine Art verkehrter David in den bundesweiten Medien zu landen. Als ein böser Steinschleuderer, der den guten Goliath abschießt. Am Schwiegersohn hat Bartels wenig Anteil, für den hat sich seine Tochter entschieden. Den hinterhältigen David in Zeiten der Not aber mag er nicht auf sich ruhen lassen: „Wir haben getan, was wir für richtig hielten.“

Verlockende Deutung

Die Steinschleuder in dieser Geschichte ist ein Kaufvertrag. Mit diesem hat das Amt Berkenthin im schleswig-holsteinischen Herzogtum Lauenburg, dessen Vorsteher Bartels ist, die Errichtung einer Erstaufnahme für Flüchtlinge verhindert. Es hat damit nicht nur das schleswig-holsteinische Innenministerium brüskiert, sondern sich auch den Vorwurf eingehandelt, unsolidarisch zu handeln – gegen andere Kommunen. Und gegen Flüchtlinge.

Eine verlockende Deutung in diesen Zeiten, in denen um die Verantwortung für den Flüchtlingsstrom gerungen wird und überall in Deutschland die Gemeinden unter der Last des Zustroms ächzen. Doch nicht immer sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

1500 Menschen, so gab es am 19. Oktober das Innenministerium bekannt, sollten in einem Ortsteil der Gemeinde Rondeshagen, die zum Amt Berkenthin gehört, untergebracht werden. Groß Weeden, so der Name des Ortsteils, hat 60 Bewohner, drei Straßen, rundherum nur Felder und dazu noch eine Kläranlage, die wenig fasst, auf alle Fälle nicht die Ausscheidungen von 1500 zusätzlichen Menschen. Möglich, dass an dieser scheinbaren Marginalie – wohin mit den Exkrementen der Neuzugänge – die Idee gescheitert wäre, zunächst aber schien es wie eine gesicherte Sache.

Der Standort: ein ehemaliges Disko-Gelände

Untergebracht werden sollten die Flüchtlinge in Containern auf dem Grundstück der ehemals populärsten Diskothek Norddeutschlands, der Ziegelei. Doch nicht einmal eine Woche später war das Thema vom Tisch, sah sich das Land gezwungen, nach einem neuen Standort zu suchen. Für eine Million Euro hatte das Amt dem Diskothekenbesitzer Grundstück und Gebäude abgekauft. Noch am Sonntag wurde der Notar für den Kaufvertrag bemüht und am Montag fiel man in Kiel aus allen Wolken. „Wenn das Beispiel Rondeshagen Schule macht, dann können wir einpacken“, bekannte ein Sprecher des Ministeriums.

Karl Bartels leitet das Amt Berkenthin seit vielen Jahren, ehrenamtlich, er gehört der CDU an, und wohnt auf dem Bauernhof, auf dem er aufwuchs. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm seine Familie viele Flüchtlinge auf, sie wurden in Kinderzimmern und Kuhstall untergebrach,t und dass geteilt wurde, was man hatte, war selbstverständlich.

Wenn Bartels in den vergangenen Monaten im Rahmen von Runden Tischen zur Integration von Flüchtlingen in seinem Amt sprach, dann tat er das stets in Beschwörung der dörflichen Solidarität. „Willkommenskultur ist nicht genug“, ist einer seiner Sätze. „Integration ist Arbeit. Und sie hört nicht morgen auf.

156 Flüchtlinge hat die Gemeinde Rondeshagen seit Beginn des Zustroms im Sommer zugewiesen bekommen. Hat, wie Tausende anderer Gemeinden in Deutschland, Sprachunterricht und andere Aktivitäten organisiert. Und sich mit der Frage beschäftigt, was man den Neuankömmlingen bieten könne in Dörfern, in denen nicht viel zu sehen ist, nicht viel geschieht. Klar gab es auch Hetzer und Fremdenfeindlichkeit, doch es hielt sich in Grenzen. Kein Haus brannte, keine rechte Parole wurde an Wände geschmiert.

Dorf mit langer Leidensgeschichte

Groß Weeden ist ein Dorf abseits der B 208, die die Autobahn A1 mit der Ernst-Barlach-Stadt Ratzeburg verbindet. Die Grundstücks- und Immobilienpreise sind nicht sehr hoch und die Bewohner zumeist Familien mit nicht sehr hohem Einkommen. Es ist vor allem ein Dorf mit einer langen Leidensgeschichte. Nicht nur die Groß-Disco, auch eine Sondermülldeponie hat den Einwohner jahrzehntelang Geduld und Nerven abverlangt.

Der Coup, wie er in den Medien genannt wurde, erhielt das Prädikat eines Schildbürgerstreichs, je nach Medien mal mit positivem, mal mit negativem Anstrich. Gleich wurde gemunkelt, das Amt habe Rückendeckung von der CDU-Fraktion in Kiel bekommen, womöglich sogar finanzielle Unterstützung.

Die integrationspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion nutzte die Lage, um die Regierung unter SPD-Ministerpräsident Torsten Albig zu kritisieren: „Die Entscheidung des Amtes Berkenthin ist das Ergebnis der fatalen Nicht-Kommunikation der Landesregierung mit den verantwortlichen Ebenen vor Ort.“ Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Landtag dagegen sprach von einem Hase-und-Igel-Wettlauf, von bauernschlauen CDU-Matadoren in Berkenthin.

Da war es gerade einige Tage her, dass sein Parteigenosse, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, eine Gegenthese zum kategorischen „Wir schaffen das“ aufgestellt hatte: „Wir schaffen das nicht.“ Palmer hatte eine Obergrenze für Flüchtlinge gefordert, eine Strategie und Visionen, hatte Containerlösungen und Zusammenpferchungen kritisiert. Er hatte gefragt, was man eigentlich erreichen wolle? Und wie? Er forderte Lösungen, keine Parolen.

Amt hat schnell reagiert

Bartels sagt, ihm sei es egal, was man in Kiel denke und auch die Gerüchte, dies sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, seien ihm egal. „Wir halten nichts hinterm Berg.“ Das Amt sei eben schneller gewesen als das Land, habe seine Interessen verteidigt. „ Das Land kippt uns die Flüchtlinge vor die Füße, wir sollen sie unterbringen, keiner fragt, wie, und die Minister gehen Golfplätze einweihen.“

Zwei Tage nach der Abwicklung des Kaufvertrags ist Einwohnerversammlung in der Sporthalle von Berkenthin. 500 Menschen kommen, viele davon, weil sie noch nicht wissen, dass es die Erstaufnahmeeinrichtung nicht geben wird. Vorn am langen Tisch sitzt Karl Bartels im guten Anzug. „Bei mir macht sich Erleichterung breit“, sagt er zur Eröffnung seiner Ausführungen und erntet murrendes wie zustimmendes Gemurmel. Dann sagt er, es sei nicht darum gegangen, etwas zu verhindern, nur weil es einem nicht passe, sondern man wolle die Dinge lieber richtig erledigen. Wolle die Hoheit behalten, die Situation im Griff haben. Weil man Menschen nicht in Container stecken, nicht isolieren, kein Ghetto auf dem Dorf haben wolle. „Unsere Aufgabe ist es, die Flüchtlinge so zu betreuen, dass wir der Bevölkerung und den Flüchtlingen gerecht werden.“

Elf Häuser für elf Familien

Und dann legt er einen Plan vor, der den Tübinger Grünen Boris Palmer erfreuen würde. Elf Doppelhäuser werde man auf dem soeben gekauften Grundstück bauen, feste Holzständerbauweise, genügend Raum für mindestens elf Flüchtlingsfamilien. „Das ist nicht für den Durchgang, das ist für viele Jahre, so viele, wie die Flüchtlinge bleiben wollen.“

Nun könnte die Versammlung zu Ende sein. Aber Bartels will mehr als nur informieren. Nun, da 500 Leute vor ihm sitzen, will er sie auch erreichen. Wohl deshalb erzählt er von seinem türkischen Schwiegersohn und zeigt gestrickte Babyschuhe, die er einer neu angekommenen afghanischen Familie überreichen will. „Ich möchte Sie bitten, die Flüchtlinge nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Bereicherung. Ich möchte Sie bitten, uns zu helfen, die Menschen zu integrieren.“ Nach einem Flüchtlingsgegner klingt das nicht.