LEIPZIG, 5. März. Die Leipziger Gymnasiasten, die gestern ihren Sozialkundeunterricht in den Gerichtssaal verlegt hatten, verließen gegen Mittag ein wenig ratlos das Gebäude des Bundesgerichtshofes in der Messestadt. "Die Stasi-Leute haben doch nur einen Befehl ausgeführt, über den sich die DDR und Bonn einig waren", sagte der 16jährige Tino. "Warum sie vor Gericht standen, verstehe ich nicht."Genauso hatte zuvor der Berliner Rechtsanwalt Frank Osterloh argumentiert. Osterloh, Verteidiger des ehemaligen Stasi-Offiziers Harry Dahl, bestritt in der Revisionsverhandlung vor dem 5. BGH-Senat, daß sich Stasi-Offiziere mit der Unterbringung von RAF-Terroristen in der DDR strafbar gemacht hatten: "Die Angeklagten erhielten einen Befehl von Erich Honecker, dem Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates, dem faktischen Oberbefehlshaber der DDR. Wie sollten sie sich als Angehörige einer militärischen Formation da widersetzen können?"Dieser Argumentation schloß sich am Nachmittag auch der BGH-Senat an. Die Unterbringung ehemaliger RAF-Terroristen in der DDR, ihre Resozialisierung im Arbeiter-und-Bauern-Staat und ihre von der Stasi penibel überwachte Abkehr vom bewaffneten Kampf all dies sei den MfS-Offizieren zu Unrecht vom Berliner Landgericht Anfang März vergangenen Jahres als Straftat angelastet worden. Die Berliner Richter hatten Harry Dahl und dessen ehemalige Mitstreiter Günter Jäckel und Peter Zaumseil wegen versuchter Strafvereitelung zu Geldstrafen bis 5 000 Mark verurteilt.Der BGH hob die Urteile gestern auf und sprach die drei Stasi-Offiziere in allen Anklagepunkten frei. Der Senat verwies in seiner Begründung auf den völkerrechtlichen Gesichtspunkt die DDR hatte als souveräner Staat das Recht, über eine Asylgewährung für Bundesbürger, die in ihrem Rechtsverständnis Ausländer waren, zu entscheiden. Auch die Tatsache, daß die später eingebürgerten RAF-Terroristen wegen ihrer zurückliegenden Taten strafrechtlich nicht verfolgt wurden, habe im Ermessen der DDR-Führung gelegen. Zwar sei für die Nichtverfolgung ein Einverständnis des DDR-Generalstaatsanwaltes notwendig gewesen daß diese Einwilligung nicht eingeholt wurde, sei jedoch nicht den Stasi-Offizieren anzulasten, sondern habe dem politischen Machtsystem in der DDR entsprochen.Der Spruch des BGH-Senats dürfte auch in den Parteizentralen für Aufatmen sorgen. Geht es doch bei all dem auch um die Frage, was die Bundesregierung in Bonn vom "Asyl" der RAF-Pensionäre in der DDR wußte. Rechtsanwalt Osterloh hatte in der gestrigen Revisionsverhandlung erneut unterstrichen, daß es eine Absprache auf höchster Regierungsebene zwischen Bonn und Ostberlin gegeben habe. Inge Viett, Mitglied der terroristischen "Bewegung 2. Juni" und später kurzzeitig der RAF, habe 1978 seinen Mandanten Harry Dahl von der Stasi darum gebeten, aussteigebereite Terroristen beim Untertauchen in einem sozialistischen Land zu helfen, so Osterloh. Die Bitte sei über Stasi-Minister Mielke an Honecker herangetragen worden, der die Information an den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt weiterreichte, so der Anwalt."Sogar der Überbringer der Information ist bekannt", sagte der Anwalt. "Es war Hans-Jürgen Wischnewski. Und wir können das nachweisen."Eine ähnliche Ankündigung hatte Osterlohs Anwaltskollege Karl Pfannenschwarz schon vor Jahresfrist in dem Prozeß vor dem Berliner Landgericht gemacht. Damals ging es um ein Dokument, das angeblich die Mitwisserschaft von Helmut Schmidt belegen soll. Am folgenden Verhandlungstag regte das Landgericht eine Einstellung des Verfahrens an, scheiterte damit aber an der Staatsanwaltschaft. Dafür kündigten die Richter ein mildes Urteil an, lehnten jedoch die von der Verteidigung beantragte Zeugenvernehmung von Altkanzler Schmidt ab.Sollte es zu einer neuen Verhandlung über die RAF-Stasi-Connection kommen, kündigte der Anwalt vor dem Urteilsspruch des Bundesgerichtshofs an, werde man Beweise vorlegen und Zeugen vorladen, die Bonns Mitwisserschaft belegen.Sollte es diese Beweise aber wirklich geben, droht ein politischer Skandal. Denn stellt es sich heraus, daß sowohl Altkanzler Schmidt wie was nahe liegt auch sein Amtsnachfolger Helmut Kohl vom RAF-Asyl in der DDR wußten, wären sie nicht nur der Falschaussage überführt. Dann würde ihnen auch ein mögliches Strafverfahren wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung drohen.Die unmittelbare Gefahr, daß in einem neuen Prozeß solche Beweise auftauchen, ist nach dem gestrigen BGH-Urteil aber erst einmal vom Tisch.