Noch nie hat die Regisseurin Andrea Breth an der Staatsoper inszeniert. Nun eröffnet sie im Schillertheater mit Alban Bergs "Wozzeck" die diesjährigen Festtage. Daniel Barenboim dirigiert, Roman Trekel singt die Titelrolle. Andrea Breth (Jahrgang 1952) gilt als Archäologin textkritischer Analyse und als Meisterin des psychologischen Realismus. Von 1992 bis 1997 leitete sie die Schaubühne und arbeitet seitdem vorwiegend am Wiener Burgtheater.Frau Breth, Sie kommen vom Schauspiel. Wäre es nicht naheliegender, das Drama "Woyzeck" von Büchner anstatt die Oper "Wozzeck" von Berg zu inszenieren?Sagen wir so: Die Woyzeck-Thematik begleitet mich schon, seit ich Mitte der 1970er Jahre am Theater Bremen bei Christoph Nels "Woyzeck"-Inszenierung Regieassistentin war. Das wurde eine ganz schöne Aufführung mit Bühnenbildern von Erich Wonder. Trotzdem habe ich gedacht, da fehlt mir etwas - als hätte Büchner darauf gewartet, dass jemand sein Stück komponiert! Alban Berg hat es dann 1925 tatsächlich getan. Er hat eine geniale Zusammenfassung aus den vielen Fragmenten entwickelt und wirkliches Musiktheater geschaffen, indem er den Text musikalisch zu denken versuchte. Es ist sehr interessant, sich die Partitur anzuschauen, wann etwa WOzzeck und wann WozzECK gesprochen respektive gesungen wird. Da kann man viel entdecken, und alles ist schlüssig.Nach Werken von Bizet bis Janßcek ist "Wozzeck" die erste atonale Oper, die Sie inszenieren. Sind Sie anders herangegangen?Ob tonal oder atonal, das ist für mich gar nicht so wichtig. Denn formal ist es sowieso jedes Mal die Frage, wie man sich einem Werk nähert. Wenn ich zum Beispiel an einem Theaterstück arbeite, sage ich den Schauspielern stets, bitte beachtet unbedingt die Satzzeichen: Punkt, Komma, Semikolon, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Gedankenstrich, Unterbrechung, weil diese Notation für den Sprachgestus wie für den Inhalt ganz wesentlich ist. Derlei Hinweise sind auch bei Berg entscheidend, denn da wird manchmal gesungen, manchmal gesprochen, manchmal gesungen gesprochen, manchmal geschrien, und manchmal soll es vielleicht so wirken, als würde man den strahlenden Heldentenor Leo Slezak in den 1920er-Jahren hören. Wenn man das alles nur glatt und fein klingen lässt, wird es falsch. So ist es nicht komponiert. Nach der überirdisch schönen "Arie" der Marie im zweiten Akt etwa wird gleich gezetert und gebrüllt, dass einem die Ohren weh tun.Warum sollte uns eine Arme-Leute-Geschichte wie Büchners 1836 geschriebener "Woyzeck" bzw. Bergs knapp neunzig Jahre später unter dem Dirigenten Erich Kleiber an der Lindenoper uraufgeführter "Wozzeck" heute interessieren?Die Zeit ist zwar eine andere geworden, aber nicht die Welt, zumindest was die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen angeht, und wie Menschen als Versuchskarnickel benutzt werden. Denken Sie an die Experimente von Josef Mengele an KZ-Häftlingen, oder was die CIA so anstellt, über deren Geheimgefängnisse, Foltermethoden, medizinische Versuche man wenig erfährt. Früher haben Ärzte im Auftrag der CIA etwa an Heroinabhängigen LSD ausprobiert, um zu testen, wie weit man sie gefügig machen kann. Zur Belohnung bekamen die dann Heroin. Ganze Nationen werden von pharmazeutischen Industrien ausgebeutet. Und Wozzeck wird für ein paar Groschen vom Doktor für dessen "Forschungen" durch einseitige Ernährung mehr oder weniger in die Schizophrenie getrieben. Ja, und was die heutige Armut angeht - in Wien, wo ich lebe, gibt es immer mehr Menschen, die sich kaum noch Heizung und Strom leisten können. Es werden auch immer mehr, die zu den öffentlichen Suppenküchen gehen müssen. Angesichts dessen erscheint mir "Wozzeck" in keiner Weise altmodisch.Kann dieser gläserne Mensch Wozzeck auch für den moderne Handy- und Internet-Menschen stehen?Nun, der Mann wird durch die Umstände zu einer Maschine und macht bis zum Umfallen weiter, um seine Familie zu ernähren, auch wenn seine Arbeit völlig entfremdet ist. Seine Frau hat von ihm nichts mehr, weil er immer weg ist, um Geld zu verdienen. Marie ist jung, sie hat Sehnsüchte - und fällt prompt auf den erstbesten Tambourmajor herein. Diese ganze traurige Geschichte finde ich überhaupt nicht veraltet. Wir müssen nicht immer alles aktuell und nahe haben, um es zu erkennen, manchmal verschärft der Abstand die Wahrnehmung. Man muss keinen Nato-Soldaten auf der Bühne sehen, um zu kapieren, dass es in "Wozzeck" ums Militär geht.Büchner und Berg erzählen in knappen, schnell geschnittenen Szenen. Wie werden Sie mit dieser Struktur umgehen?Der fragmentarische Charakter mit zum Teil winzigkurzen Sequenzen muss erhalten bleiben. Die Szenenwechsel sind immer mit einer bestimmten Art von Musik verknüpft. Damit man das Fragmentarische spürt, muss ich die Abblenden, die Blacks dazwischen einhalten. Das geht nur in enger Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim. Deshalb haben der Bühnenbildner Martin Zehetgruber und ich schon frühzeitig alles mit ihm abgestimmt. Ich mag das. Im Theater muss ich den Ablauf, Sound und Rhythmus selbst organisieren. In der Oper gibt es das wunderbarerweise dank der Komposition schon alles. Man muss nur akzeptieren, dass man etwas gemeinsam macht. Wenn man eine Profilneurose hat, sollte man die Finger von der Oper lassen.Das Gespräch führte Irene Bazinger.-----------------------Wozzeck 16. April. (Premiere) 21., 24. April, Schillertheater, T.: 20354555.------------------------------Foto: Gar nicht so still, das Örtchen. Szene mit Roman Trekel (Wozzeck, links) und Florian Hoffmann (Andres).Foto: Die Regiesseurin Andrea Breth