Die Entwarnung kam gestern Abend gegen 20.30 Uhr. Da stand endlich fest, woher die rätselhafte radioaktive Strahlung unter dem Asphalt an der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg stammt. Mitarbeiter von der Landesanstalt für Personendosimetrie und Strahlenschutzausbildung hatten nach mehrstündigem Buddeln unter dem Straßenbelag ein Metallröhrchen in der Erde gefunden. Das Stück, etwa so groß wie eine Zigarette, enthält radioaktives Material mit der Bezeichnung Cäsar 137. "Das ist völlig ungefährlich", sagte gestern Abend Robert Rath, Sprecher des Landesamtes für Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi). Solche Metallröhrchen mit radioaktivem Material in sehr geringer Menge werden üblicherweise in industriellen Bereichen eingesetzt, wenn es etwa um Materialprüfung geht und um festzustellen, wie fest bestimmte Materialien sind. So würden mit Hilfe solcher Röhrchen oftmals Schweißnähte auf ihre Dichte kontrolliert.Das Fundstück wird nun im Labor untersucht. Wie es unter den Asphalt der Stargarder Straße kommt, ist allerdings noch offen.Zwei Tage lang hatten Bewohner der Straße und zahlreiche Passanten gerätselt, was es mit der erhöhten Radioaktivität unter dem Asphalt auf sich haben könnte. Am Sonntag war dort radioaktive Strahlung gemessen worden. Ehrenamtliche Katastrophenschützer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) hatten sie bei einer Routine-Übung dort entdeckt. Sie trainieren an den Wochenenden immer mal wieder das Verhalten bei Unfällen oder Katastrophen mit chemischem, biologischem und atomarem Material und fahren dabei auch mit Messfahrzeugen - roten Lieferwagen mit den entsprechenden Messinstrumenten - durch die Stadt. Das DRK verfügt über zwei solcher Fahrzeuge. "Die Strahlung an der Stargarder Straße hatte das Team überrascht", sagte DRK-Sprecher Rüdiger Kunz. Erst habe man zwei weitere Messungen unternommen und dann Feuerwehr, Polizei und Lagetsi informiert. Diese maßen ebenfalls und bestätigten die Ergebnisse.Die radioaktive Strahlung war mehrfach so hoch wie die übliche Belastung in Berlin. Der Fundort wurde abgesperrt. Auf die punktuell strahlende Quelle wurden inzwischen dicke Metallziegel gelegt. "Dadurch lag die Belastung dort sogar unter den üblichen Strahlungswerten in der Stadt", sagte Rath. Zusätzlich wurde zunächst ein Auto eines Lagetsi-Mitarbeiters darüber geparkt - um Metalldiebe abzuhalten, die Ziegel zu klauen.Das Lagetsi hatte gestern Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt gestellt. Denn zum Verursacher gibt es bis jetzt keine Hinweise. Laut Rath befand sich die Strahlenquelle unter einer etwa drei Zentimeter dicken Teerfuge zwischen zwei Asphaltstücken. Ein etwa 40 mal 40 Zentimeter großes Stück musste am Abend aufgegraben werden.Der in Pankow für Tiefbau zuständige Stadtrat Holger Kirchner (Bündnis 90/Grüne) war am Nachmittag mit Landeskriminalamt und Lagetsi vor Ort. Der Bezirk hatte keine Spezialfirma gefunden, die die Stelle aufgraben und das Strahlenmaterial entfernen kann. Das Landesamt kümmerte sich darum. Die Verantwortlichen wollten die Anwohner beruhigen. "Es gibt keinen Grund zur Panik", sagte Kirchner.Doch die Anwohner ließen sich gestern kaum aus der Ruhe bringen. Geschäftsfrau Verena Siegel (51) sagt: "Ich glaube nicht, dass das so gefährlich ist. Ich habe gesunde Kinder bekommen, also scheint die Gegend ja sicher zu sein." Auch Tine Wolter, die in einem Feinkostladen arbeitet, macht sich keine Sorgen: "Warum Panik machen wegen etwas, das schon geschehen ist?"Die Experten am Fundort rätseln nun, wie das radioaktive Metallröhrchen wohl unter die Erde gelangt sein könnte. "Wer weiß, ob die Sowjets hier irgendwas verbuddelt haben", sagt Matthias Bastian von der Landesanstalt für Personendosimetrie und Strahlenschutzausbildung. Am wahrscheinlichsten sei jedoch, dass Bauarbeiter das radioaktive Prüfgerät bei Rohruntersuchungen einfach liegen gelassen haben.------------------------------Belastet durch StrahlenDie Maßeinheit für Strahlendosen, die das Auftreffen von Strahlen auf Körper beschreibt, ist das Sievert (Sv). Die Werte werden meist in Millisievert (mSv) angegeben.Der Normalwert der Strahlung in Berlin (kosmische und terrestrische Strahlung, Aufnahme durch Lebensmittel oder Trinkwasser) beträgt laut Lagetsi 0,0001 Millisievert pro Stunde. Direkt am Austrittspunkt an der Stargarder Straße wurden 10 Millisievert gemessen.Bei 50 Stunden langem Stehen dort würde man an den Füßen die Dosis abbekommen, die Beschäftigte in belasteten Berufen (Diagnose-Medizin) im Jahr erhalten. Die Wasserbetriebe untersuchen sporadisch die Urankonzentration des Trinkwassers.------------------------------Foto: Matthias Bastian maß gestern Vormittag die Strahlung. Am Abend war der rätselhafte Fall dann geklärt.