Ich hatte das Gefühl, in einem riesigen Affenkäfig zu sein. Die Kinder schrien und rannten wild durcheinander. Es war furchteinflößend“, erzählt eine deutsche Lehrerin über ihre erste Begegnung mit einer japanischen Vorschule. „Die Erzieherin forderte die Kinder auf, sich hinzusetzen, einzeln, sehr sanft, kaum hörbar. Doch das hat hier gar nichts gebracht.“

Diese Szene findet sich in dem gerade erschienenen Buch „Kindheiten“. Sie zeige, wie wenig die Wirklichkeit zu dem verbreiteten Klischee passt, dass die Japaner sehr rigide bei der Kindererziehung seien, sagt die Berliner Autorin Michaela Schonhöft. Anders als viele Eltern und Erzieher in Deutschland, versuchten die Japaner nicht ständig auf ihre Kinder einzureden oder mit Konsequenzen zu drohen. Sie dächten sich einfach: Es wird schon! „Viele Kindheitsphilosophien im Pazifik, in Asien und Teilen Afrikas besagen: Kinder können vieles noch gar nicht begreifen. Sie haben ihre eigene Logik“, erklärt Schonhöft. Erst später beginne das Alter des Verstehens.

Klassische Bullerbü-Kindheit

Michaela Schonhöft kann stundenlang über Erziehungsformen und Kindheitsmodelle erzählen, ob aus Asien, Westafrika, Südamerika oder Nordeuropa. Drei Jahre lang hat sie dafür geforscht. Sie wertete eigene Reisen aus, redete mit fast hundert Eltern und Freunden aus aller Welt, durchstöberte Internetforen, sprach mit Psychologen und Pädagogen. Das daraus entstandene Buch schildert in bisher wohl einmaliger Vielfalt, „wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden“.

Schon in ihrem Soziologie-Studium an der Universität Osnabrück hat sich die rotblonde, temperamentvolle Frau für die Erziehung im Kulturvergleich interessiert. 1973 geboren, ist sie in einem kleinen Dorf in Süd-Oldenburg aufgewachsen. „Ich hatte die klassische Bullerbü-Kindheit“, sagt sie – mit vielen Geschwistern, Cousinen und Nachbarskindern. Sehr zugute kam ihr, dass sie auch schon immer gerne reiste. „Wir haben Verwandtschaft in Südafrika, Großbritannien und Nigeria.“ Ihr Mann lebte zehn Jahre in Frankreich. Beide wohnen mit ihren vier Kindern – 18, 16, fünf und drei Jahre alt – in Berlin.

Den letzten Anstoß, das Buch zu schreiben, gab eine Reise durch Thailand. Michaela Schonhöft würde dieses Land mit seiner Armut und Kinderprostitution gewiss nicht als Kinderparadies bezeichnen. Doch ihr fiel besonders auf, wie sehr dort die Eltern ihre Kleinen verwöhnten – und dass sich diese dennoch nicht in Tyrannen verwandelten, wie es viele deutsche Pädagogen prophezeien. „Wie durch Zauberhand schienen sie sich in der Regel zu zurückhaltenden, sanften und sozial angepassten Menschen zu entwickeln.“ Diese und andere Erziehungswege wollte die Soziologin beschreiben – auch mit Blick auf Deutschland.

„Mama, wo wohnt das Glück?“ Diese Frage ihrer Tochter stellte die Autorin an den Anfang des Buches. Vor einiger Zeit befragten zwei amerikanische Psychologen mehr als 10.000 Erwachsene in 48 Ländern, was sie sich für ihre Kinder wünschten. „Die überwältigend klare Antwort lautete: Glück“, sagt Michaela Schonhöft. Sie weiß, dass man nicht einfach eine glückliche Kindheit konstruieren kann, indem man Bruchstücke aus einzelnen Kulturen nimmt und in andere verpflanzt. Armut, Hunger, Gewalt und Kriege zerstören weltweit millionenfach Kinderglück. Aber auch Sicherheit und Überfluss bedeuten nicht unbedingt Glück und Zufriedenheit. „In internationalen Glücksstudien bezeichnen sich Menschen in Costa Rica oder Indonesien zum Beispiel als besonders zufrieden, Bürger der USA oder Großbritanniens dagegen als äußerst unzufrieden“, sagt die Soziologin. Schon deshalb schaut sie nach Elementen, die man vielleicht nachnutzen könnte.

In den Niederlanden etwa entdeckte sie, dass Glück viel mit der Zeit zu tun hat, die Familien miteinander verbringen. Sie arbeitete dort nach ihrem Studium ein Jahr bei einem Sportartikelhersteller. Und sie sah, dass die Beschäftigten täglich pünktlich um sechs Uhr die Arbeit beendeten. „Alle fuhren nach Hause, um gemeinsam mit der Familie zu Abend zu essen“, sagt sie. Überstunden seien verpönt, Workaholics würden nicht beklatscht, sondern belächelt. Das sei schon fast eine karibische Mentalität, die dazu beitrage, dass 90 Prozent der 15-jährigen Niederländer in einer Studie der Weltgesundheitsorganisation angeben, glücklich zu sein. Die Deutschen landeten nur im unteren Drittel.

Aber es gehe nicht nur um Zeit, sondern auch um eine gewisse Entspanntheit. In Deutschland erreichten Erziehungsratgeber mit Titeln wie „Lob der Disziplin“, „Kinder brauchen Grenzen“ oder „Tyrannen müssen nicht sein“ ein Massenpublikum. Sie vermittelten den Eindruck, dass Kindererziehung eine Art Machtkampf sei. Eltern und Erzieher stünden unter Druck, alles richtig zu machen, möglichst konsequent zu sein. „Doch es ist nicht menschlich, immer konsequent zu sein“, sagt Michaela Schonhöft. Generell könne man von manchen Kulturen lernen, dass Kinder vor allem eine „liebevolle Anleitung“ bräuchten.

Schüchternheit als Ideal

Doch liegen die Kulturen wirklich so weit auseinander? Fast 78 Prozent der deutschen Eltern wollen ihre Kinder zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen, ergab eine Allensbach-Studie. Aber auch die Asiaten bauen auf Durchsetzungsfähigkeit und Konkurrenz – oft sogar mit größerem Erfolg. Schonhöft leugnet das nicht. „Bildung bedeutet in Asien Aufstieg“, sagt sie. Das rühre aus dem konfuzianischen Weltbild her. In China gehe der elterliche Ehrgeiz inzwischen so weit, dass sich Kinder zu wehren beginnen. „Hört endlich auf mit diesem Wahnsinn“, forderten zwei zehnjährige Mädchen aus Peking in ihrem Buch „Sammlung von Taktiken, um mit Mama klarzukommen“.

Michaela Schonhöft sieht aber doch entscheidende Unterschiede zwischen West und Fernost, und zwar in den Durchsetzungsstrategien. Schüchterne Kinder hätten zum Beispiel an westlichen Schulen kaum eine Chance. Sie gerieten schnell in eine Außenseiterrolle. „In China dagegen werden zurückhaltende Kinder als besonders intelligent angesehen.“ Sie seien überall beliebt, weil sie die Tugend der „vornehmen Genügsamkeit“ („Guai Hai Zi“) besonders gut beherrschten. Und in Japan sehe man eine Erziehung zur Empathie als Ideal an. Vielleicht könnte auch unsere Kultur ein wenig davon lernen, solche Tugenden besser zu fördern.

„Wenn Mütter ihre Kinder glücklich machen wollen, dürfen sie sich nicht aufopfern“, sagt Schonhöft. Deutsche hätten die Tendenz, sich nach der Geburt von Kindern in Kleinfamilien zurückzuziehen und zu denken, man müsse alles allein schaukeln – möglichst perfekt. Nur noch ein Prozent der Deutschen lebt in einem Drei-Generationen-Verband. Michaela Schonhöft erzählt dagegen von Volksgruppen in Westafrika, Paraguay oder auf den Philippinen, in denen sich ganze Dorfgemeinschaften um die Kinder kümmern. Schonhöft ist auch beeindruckt von dem großen sozialen Auffangnetz, das sie in Indonesien oder Malaysia kennenlernte. „Die Depressionsraten nach der Geburt sind in Malaysia extrem gering im Vergleich zu den westlichen Industrienationen.“

Die Autorin ermuntert junge Familien, sich möglichst gute Freunde, Verbündete, Helfer zu suchen, auch wenn das in Großstädten mitunter schwierig ist. „Kinder sind zufriedener, wenn ihre Eltern einen Job haben, aber auch viele Freunde“, fasst sie eine Erkenntnis der World-Vision-Kinderstudie von 2007 zusammen.

„Wahres Glück liegt nicht in den Dingen, die wir besitzen, sondern in den Momenten, die wir als glücklich empfinden“, sagt eine Vietnamesin, die in Australien lebt. Auch Kinder kommen im Buch zu Wort. Auf die Frage, was sie besonders gern machten, antwortet ein Vierjähriger: mit den Eltern Pilze sammeln gehen. Ein siebenjähriger Spanier genießt es, mit seiner Familie Fußballspiele zu sehen. Eine zehnjährige Engländerin findet ein gemeinsames Picknick prima. Überall sieht man, dass das größte Glück in allen Kulturen in der Gemeinsamkeit mit der Familie liegt.