LERWICK, 24. Januar. Einmal im Jahr übernimmt eine Horde Freizeitwikinger das Ruder auf den Shetland-Inseln. Up Helly Aa heißt das Fest der Feste im hohen Norden, bei dem mit einer fulminanten Mischung aus Feuer, Verkleidung und Spaß immer am letzten Dienstag im Januar die Wintergeister ausgetrieben werden. Und bei der Gelegenheit werden auch Shetlands enge historische Verbindungen mit Skandinavien mitgefeiert. Denn zwischen dem 10. und dem 15. Jahrhundert gehörte die jetzt britische Inselgruppe im Nordatlantik zunächst zum norwegischen, später zum dänischen Machtbereich. Noch immer sind die Inseln deutlich skandinavisch geprägt, und die Unterschiede zum britischen Mutterland werden gerne betont.Fackelzug und SchlachtgesängeKräftig gezündelt wird während des Wikingerkarnevals auch - da unterscheiden sich die Feierabendwikinger nur wenig von ihren gefürchteten Vorfahren: In monatelanger Arbeit haben sie ein kunstvoll verziertes Drachenboot nachgebaut, das im Anschluss an einen imposanten Fackelzug unter Schlachtgesängen den Flammen geopfert wird.Im Zentrum des Geschehens aber steht der Guizer Jarl - der Wikingerhäuptling. Peter Fraser heißt der Glückliche in diesem Jahr. Im bürgerlichen Leben arbeitet der 39-jährige auf einer der Inselfähren, doch heute avanciert er zum wichtigsten Mann im Hafenstädtchen Lerwick. Ein "unheimlich gutes Gefühl" sei es, dem Festival vorzustehen, findet er. Das Up Helly Aa sei schließlich so etwas wie das Markenzeichen der Shetland-Inseln.Ganz so alt wie es scheint ist das Feuerfestival des Nordens allerdings nicht. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang es den Stadtoberen in Lerwick, die chaotischen und zum Teil aufrührerischen Feierlichkeiten um die Weihnachtszeit unter Kontrolle zu bekommen. Damals wuchteten noch rivalisierende Gruppen junger Männer brennende Teerfässer durch die engen Straßen, sehr zum Unmut der Bevölkerung. Der Lerwicker Stadtarchivar Brian Smith erläutert, dass erst um 1870 die Bezeichnung Up Helly Aa (der 24.Tag nach Weihnachten) auftauchte und erst dann dem alljährlichen Radau schrittweise das Wikingerthema aufgedrängt wurde. Es dauerte aber noch weitere zehn Jahre, bis ein Drachenboot in die Feierlichkeiten aufgenommen wurde. Und der Guizer Jarl erscheint gar erst im Jahre 1906 zum ersten Mal.Peter Fraser wurde bereits 1991 für die Rolle des Guizer Jarl nominiert, 14 Jahre hat er bei der Organisation des Festivals mitarbeiten müssen, bis er an der Reihe war: Zusammen mit seinem 60 Mann starken Gefolge legt er nun für einen Tag das öffentliche Leben auf den Inseln lahm, und alle feiern mit. Oder fast alle: Frauen sind beim Spiel mit dem Feuer nicht zugelassen, schließlich handelt es sich hier um die Nachfahren der Raufbolde der Geschichte. Doch ist das Drachenboot erst einmal verbrannt, wird bis in die Morgenstunden getanzt, gelacht und getrunken. Der Mittwoch danach ist prophylaktisch zum Feiertag erklärt worden.------------------------------Foto: Der letztjährige Wikingerhäuptling Stanley Manson mit Drachenboot